Immobile first: Deniz Yücels Leben auf 4,18 x 3,10 Metern

In seiner Designkritik-Kolumne »Hirn, Hand, Herz« zeigt Johannes Erler anhand der »4,18 x 3,10 Meter«-Ausgabe der WELT, wie sich über besondere Formate eine besondere Wahrnehmungstiefe erzeugen lässt.



Zelle, Die Welt, Deniz Yücel
Deniz Yücels Leben auf 4,18 x 3,10 Metern | Zeitung: DIE WELT | Chefredaktion: Dr. Ulf Poschardt | Skizze: Deniz Yücel | Artdirektion: Juliane Schwarzenberger, Katja Fischer | CvD: Patricia Plate

Designpreise sind auch deshalb wichtig, weil sie Vergangenes noch einmal aufs Podest heben. »4,18 x 3,10 Meter« ist so eine Arbeit – und wurde jüngst vom Art Directors Club zu Recht mit einem Grand Prix belohnt. Ein guter Grund, sie hier zu besprechen, auch wenn die Veröffentlichung schon einige Monate zurückliegt.

»4,18 x 3,10 Meter« erschien am 9. Dezember 2017 als Spezialausgabe der »WELT«. Zu diesem Zeitpunkt saß der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel ­be­reits 300 Tage ohne Anklage im türkischen Hoch­sicherheitsgefängnis Silivri. Um auf die bedrücken­de Enge seines Lebens in Gefangenschaft aufmerksam zu machen, druckte die »WELT«, den Grundriss von Yücels Zelle im Maßstab 1 : 1, also 4,18 mal 3,10 Meter, ­verteilt auf 32 Einzelseiten der Zeitung und wie ein ­Puzzle zusammenlegbar.

Es funktionierte: Wer sich die Mühe machte, Blatt für Blatt auszubreiten, erlebte leibhaftig, was Worte schwer beschreiben können. »4,18 x 3,10 Meter« ist eine beeindruckende, meditative Erfahrung und eine buchstäbliche Vergrößerung des journalisti­schen Spektrums in einer Zeit, die das kleine Smartphone­display zum medialen Maßstab verklärt. Zeit, sich mit dem Verschwinden der großen Formate zu beschäftigen – und damit, wie der mobile, beiläufige Medienkonsum auf dem Handy die Intensität unserer Wahrnehmung verflachen könnte.

Hirn. »WELT«-Chefredakteur Ulf Poschardt nannte die Idee zu »4,18 x 3,10 Meter« eine »gut überlegte Verzweiflungstat«. Es ging ihm und seinen Mit­­strei­tern für die Freiheit Yücels darum, Im­pul­se zu setzen. Und was noch mehr Wor­­te kaum leisten konnten, funktionierte genial einfach über Design.

Die »WELT« setzte ihr häufig als unhandlich ge­schol­tenes Format ein, um begreifbar zu machen, was Win­zigkeit ist – und schuf damit situative Empathie, die erst durch die Einlassung auf das riesige Format möglich wird und die das winzige Smartphone wohl niemals hätte erreichen können.

Umgekehrt wird mir bewusst, wie mein mediales Smart­phone-Leben von wachsender Beiläufigkeit geprägt ist. Selten lese ich Zeitungsartikel bis zum Ende, Songtitel kann ich mir kaum noch merken, Serien schaue ich in Viertelstundenhäppchen am Flugzeug-Gate. Alles geht. Alles ist irgendwie auch praktisch. Aber hängen bleibt wenig.

Gänzlich anders ist es, wenn ich mich den alten, mut­maßlich anachronistischen Formaten stel­le. Die sper­rige Größe einer »ZEIT« oder »WELT« zwingt mich in eine entspannte, konzentrierte Lesehaltung. Die umständliche Schallplatte bindet mich an den Ort der Stereoanlage – und dort höre ich dann auch zu, oft mit dem Cover in der Hand. Überdeutlich wird es im Kino: Der dunkle Raum und das riesige Leinwandformat führen zu einer beeindruckenden Singularität der Wahrnehmung.

Ich bin kein Digitalhasser und bestimmt kein Retrojünger. Ich schätze mein Smartphone und seine Optionen. Ich sehe jedoch in der Wiederentdeckung der großen Formate eine Alternative. Und vielleicht ist das Ende der Doktrin vom »Mobile First«, von »kleiner-schneller-heftiger« längst erreicht – nicht zuletzt der nervenden Wahrnehmungsdeformatio­nen wegen: Die klirrenden MP3-Abmischungen, die grellen Instagram-Filter oder der Bullet-Point-Journalismus von News-Sites wirken wie digitales Glutamat, weil das kleine Display ständig um Aufmerksamkeit buhlen muss. »4,18 x 3,10 Meter« geht den umgekehrten Weg. Es ist eine raffinierte Form von Vergrößerung, Verlangsamung und Kontemplation. Und fühlt sich an wie das echte Leben.

Hand. Eine handgezeichnete Skizze von Deniz Yü­cel im Maßstab 1 : 20 war Vorlage für den piktogrammhaften Grundriss der Gefängniszelle im Originalformat. Um alle 32 Puzzleteile autonom auslegbar zu machen, musste der Umfang der »WELT«-Ausgabe fast verdoppelt werden – was auch eine mutige ökonomische Entscheidung war.

Herz. »Es gab sehr viele positive Reaktionen«, sagt Ulf Poschardt, »das Ergreifendste jedoch war die Freu­de von Deniz und Dilek, seiner Frau, nach der Veröffentlichung von ›4,18 x 3,10 Meter‹. Darum ging’s!« Genau. Darum geht’s. Reale Formate erzeu­gen reale Emotionen. Wir Designer sollten sie uns zurückerobern.


Zur Kolumne: »Hirn« meint die nüchterne, rationale Betrachtung. »Hand« untersucht die handwerkliche Qualität. »Herz« steht für den emotionalen, persönlichen Eindruck. Hier geht’s zu den anderen Beiträgen aus der Kolumne »Erlers Designkritik«.


Johannes Erler ist Partner des Designbüros EST ErlerSkibbe­Tönsmann in Hamburg, Mitglied im Art Directors Club Deutschland, Juror in zahlreichen Designjurys, Autor von Büchern über Design und Moderator der Designkonferenz TYPO Berlin | © Foto: Robert Grischek

 

 

 

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