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Design for Circularity!

Designer Karel Golta appelliert an die Designcommunity, sich ihrer Verantwortung für die Zukunft bewusst zu werden – und entsprechend zu handeln.

Karel Golta
Karel Golta Bild: klaus heinzler

Wahnsinn, liebe Design Community, wir haben es geschafft! Im 21. Jahrhundert ist Design nun essenzieller Bestandteil von allem, was Menschen analog oder digital erschaffen. Gestern: Stuhl, Kaffeemaschine, Laptop, App. Heute: Versicherungsprodukte, Wahlzettel, Impfzentrum. Ob gesellschaftlich, politisch, sozial – auf jeden Fall wirtschaftlich. Design sitzt endlich am Tisch der Großen.

Doch wer sich jetzt freut, bedenke: Alles, was Designer erschaffen, hat unweigerlich mit dem Anfang und dem Ende von noch mehr Emissionen, mit letztlich noch mehr Abfall und Verschmutzung zu tun.

Wir wissen nicht nur, wie man differenziert und den Wert von Marken mehrt – wir sind auch Experten im Gestalten von Konsumverlangen. Unter dem Deckmantel der Absatzförderung haben wir mit Persuasive Design diese Expertise im digitalen Wandel noch perfektioniert, und prostituieren uns als Sirenen für ein Wachstumsmärchen, für das Robert Solow 1987 sogar den Nobelpreis erhalten hat.

Mehr zum Thema:
Circular Design: Prozess und Projekte – Das Fortschrittsdenken kommt an seine Grenzen. Zeit für eine neue Art, die Welt zu denken – und zu gestalten

Ist Design der Brandbeschleuniger des Klimawandels?

Ist es wirklich zu hart, wenn ich postuliere, dass im Grunde Design der Brandbeschleuniger des Klimawandels ist? Wo wir doch in letzter Zeit dachten, unter dem naiven Deckmantel der Human-Centricity würden wir der Menschheit einen Dienst erweisen und Gutes tun… Ehrlich jetzt?

Ok, ich gestehe, ich provoziere. Schließlich hat Design die modernen Wirtschaftstheorien nicht erfunden. Doch wir müssen uns unserer Verantwortung ohne Kompromisse bewusst werden. Denn die Grenzen des Wachstums sind seit den frühen Siebzigern des letzten Jahrhunderts bekannt – Stichwort »Club of Rome«. Mit der World3-Computersimulation haben Dennis und Donella Meadows am MIT wissenschaftlich und bis heute unbestreitbar aufgezeigt, dass, wenn die fünf Faktoren wie unter anderem Bevölkerungswachstum, Industrieproduktion oder Umweltverschmutzung weiter wachsen, unsere Zivilisation spätestens 2070 zusammenbricht.

Tückisch: der Rebound-Effekt

Wie ist es also möglich, dass Designer seit fast 50 Jahren trotz aller Informationen, Studien und Ermahnungen einfach immer weitergemacht haben? Darf ich vorstellen: der Rebound-Effekt. Er erklärt im Grunde, warum gut gemeint nicht gleich gut gemacht ist. Denn mit der effizienteren Produktion von Dingen steigt unweigerlich auch der Konsum. Je energieeffizienter ein Auto wird, desto häufiger fahren wir es. Je kleiner der Verbrauch des Fernsehers, desto größer die Bildfläche, und es dürfen dann auch gleich mal zwei oder drei sein. Ein Teufelskreislauf, der am Ende immer ein höheres Netto an Verbrauch aufzeigt.

Wenn wir also glauben, durch lustige Nachhaltigkeits-Wettbewerbe oder Ökodesign den Klimawandel aufhalten zu können, dann sind wir absolut auf dem Holzweg. Designer sind für jeden Anfang zuständig und somit auch für das Ende verantwortlich. Wirklich alles, was wir anfassen, verbraucht Ressourcen. Im Grunde haben wir die Macht über die vermeintlich umweltverträglichste Verpackung sowie über jeden einzelnen Zugriff auf die Cloud. Und mit dieser Macht kommt die unabdingbare Verantwortung.

Systemisch denken statt human-centered

Proklamiere ich das Ende von Design? Die Zeit ist knapp und wir müssen jetzt handeln. Wenn wir wirklich den Klimawandel aufhalten wollen, können wir nicht auf die Vorgaben der Politik warten, sondern müssen bei jedem neuen Projekt sofort unserer Verantwortung Rechnung tragen. Design ist die Ursache, kann aber auch die Lösung sein. Nur anders als gedacht.

John Elkington beschrieb mit dem »Triple Bottom Line« (TBL) 1994 ein Konzept, das gleichermaßen dem Planeten, dem Menschen und dem Profit Rechnung trägt. Ein hehres Bestreben, alle drei gleichwertig und gleichberechtigt zu betrachten. Doch ich denke, das reicht nicht aus. Wir brauchen ein Modell, das nicht den Menschen und sein Streben in den Mittelpunkt stellt, sondern ein System schafft, das den planetaren Bedürfnissen den Vorrang gibt und die Abhängigkeiten aller kontinuierlich balanciert. Designer sollten dem entsprechend systemisches anstelle von human-centered Design in ihren Projekten anwenden. Dies wird völlig neue Perspektiven aufzeigen und das viel zitierte und benötigte »Neue Denken« ermöglichen.

Circular Design live auf der Moonova erleben!
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Eine Lösung: Circular Design

Gestaltet also endlich für Kreisläufe! Denn die Kreislaufwirtschaft, in meinen Augen besser Circular Economy genannt, braucht Circular Design, um Ressourcen immer wieder aufs Neue aufzubereiten, zu erneuern oder beizubehalten. Circular Design hilft dabei, sinnvolle und attraktive Ökosysteme von Kreisen entlang der Wertschöpfungskette von Unternehmen und Gesellschaft zu erschließen. Hier gilt es, nicht nur das Konzept von Müll zu befreien, sondern auch Geschäftsmodelle, Dienstleistungen und Prozesse zu gestalten. Vergesst nicht: Wir sitzen nun mit am Tisch, also lasst uns unsere Stärke zur Erfüllung unserer Verantwortung nutzen.

Ohne um den heißen Brei herumzureden: CO2-Neutralität erfordert wirklich neue Verhaltensweisen von Menschen, der Wirtschaft und der Gesellschaft. Punkt.

Wollen wir das Pariser Ziel erreichen, muss ab heute jedes neue Produkt, jede neue Dienstleistung in großen Schritten CO2-neutral oder -negativ werden. Bis zum Jahr 2050 muss unsere Wirtschaft eine Kreislaufwirtschaft sein, in der die Emissionen und der Ressourceneinsatz systemisch regeneriert werden. Designer sollten sich also bei jedem neuen Projekt fragen: wozu? Braucht die Welt wirklich einen neuen Toaster oder eine neue Food-Delivery App? Und könnte es sein, dass wir dem Rebound-Effekt unterliegen werden?

Eine tröstliche Annahme zum Schluss: Das Easterlin-Paradox beschreibt, dass wir Menschen ab einem bestimmten Wohlstandsniveau nicht mehr glücklicher werden, auch wenn wir immer mehr besitzen. Was, wenn also aus weniger Konsum mehr positive Emotionen entstehen – kein Verzicht? Eine spannende Aufgabe für Design.

Der Autor:
Karel Golta ist Founder und CEO der Hamburger Designagentur Indeed Innovation. Er tritt außerdem als Sprecher und Experte für Innovation im Digitalen Zeitalter auf.

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Prinzipiell richtig.

    Menschen müssen/wollen irgendwovon existieren. Es geht ums Überleben, ob in Kolumbien, Mali oder Brandenburg.
    So manifestierte sich schleichend eine Entwickung, bei der es inzwischen überhaupt nicht mehr darum geht (Grund-)Bedürfnisse zu befriedigen, sondern auf Teufel komm heraus neue Bedürfnisse und damit Einnahme-/Existenzquellen zu schaffen.

    Die Frage, weshalb jede auch noch so überflüssige Produkt-/Geschäftsidee ausgebrütet** und umgestzt werden muss, steht damit nicht im leeren Raum. Vielmehr stellt sich die Frage nach der(n) Ursache(n).
    Überlebenswille erfordert Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Kreativität. Letzteres ist zumindest in unseren heimischen Gefilden zu einem eigenartigem Monstrum mutiert – dem sich Herr Golta hier m. E. zu Recht annimmt.

    Natürlich sind wir alle (mit)verantwortlich, ob wir das nun wahr haben wollen oder nicht, womit jegliche Selbstreflektion zu einem notwendigen Schritt wird (werden sollte). Allenthalben zutiefst verdrängt ist das, Allem zugrunde liegende, unkontrollierte Bevölkerungswachstum. Denn jedes hinzukommende (menschliche) Individuum hat (Grund-)Bedürfnisse und unvermeidlich auch noch Weitere – doch worüber lamentiert wird ist Klima, Artenschwund, Ressourcenverbrauch. Um nicht missverstanden zu werden: Alles völlig richtig, höchst notwendig aber VIEL zu spät.
    Vom überaus bedenklichen Bevölkerungswachstum ist allerdings kaum die Rede, obgleich genau hier die Ursache aller Entwicklungen zu suchen wäre …

    **Erinnert sei hier an: >> Ironisch und clean: Corporate Design und Packaging für Flyy <<, m. E. ein Paradebeispiel für die Mittäterschaft, inkl. gestalterischer Selbstbeweihräucherung, unserer Branche (zwar ein lächerliches aber typisches Beispiel).

  2. Gute Idee.
    Trotzdem ist es eine KlimaKRISE. Das Wort Wandel spiegelt nicht im entferntesten das wider, was uns blüht.

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