Ansichtssache: neue Taschenserie von Freitag

Freitag hat die neue Taschenserie Reference herausgebracht. PAGE-Redakteurin Wiebke Lang hofft, dass sie ein Flop wird – denn die neuen Modelle lassen den Träger ziemlich alt aussehen



Freitag hat die neue Taschenserie Reference herausgebracht. PAGE-Redakteurin Wiebke Lang hofft, dass sie ein Flop wird – denn die neuen Modelle lassen den Träger ziemlich alt aussehen

Dass die Tasche, die eine Dame bei sich trägt, viel aussagt über sie, über den Designer und über die Gesellschaft, ist ja nicht neu. So gewann etwa die Handtasche für die Frau, vormals Männersache, in den 1920ern an Bedeutung: einerseits als Aufbewahrungsort für Kosmetik, Kamm und Geldbeutel während der Arbeit, andererseits, aufgrund der zunehmend akzeptier­ten Berufstätigkeit, als Symbol für ihre neue Unabhängigkeit.

Und die erste It-Bag von 1955, das Modell 2.55 von Chanel, war so beliebt, weil durch den neuartigen Schulterrie­men die Hände für Champagnerglas und Kanapees frei wurden. Ähnlichen Symbolcharakter erhielt um die Jahrtausendwende die Freitag-Messenger-Bag aus recycelter Lkw-Plane, kunststoffgewordenes Sinnbild einer mobilen, urbanen und umweltbewussten Ge­neration, über deren praktischen und ikonischen Wert eine Menge gegrübelt und geschrieben wurde.
Nun hat das Züricher Taschenlabel eine neue Produktlinie entwickelt, bei der die Pressemeldung das Philosophieren vorwegnimmt: „Die neue Freitag Reference-Linie ist die ökologisch tragbare Kernschmelze von neo und retro: einerseits inspiriert von den berittenen Boten des 19. Jahrhunderts, andererseits getragen von zeitgenössischen Journalisten und Bloggern“, tönt es da stolz. „Was an der Reference Linie neu ist: Sie ist nicht hip. Nicht ironisch. Nicht postmodern oder sonst post-irgendwas. Die Reference-Taschen sind grundseriös.“ Tatsächlich.

Es ist ja nicht so, dass wir hippe, ironische, gesellschaftskritische Designobjekte nicht alle irgendwie über hätten, aber muss man deshalb gleich formalästhetische Anleihen im vorletzten Jahrhundert suchen? Der recycelte Kunststoff lässt die Modelle leider nicht weniger bieder wirken.
Doch vielleicht hatten die Freitag-Brüder auch hier wieder den richtigen Riecher. Man weiß nicht, ob die beiden Schweizer die deutsche Politik verfolgen, aber hierzulande ist seit dem Regierungs- und erst recht seit dem Prä­siden­ten­wechsel vom neuen Konserva-tismus die Rede. Die Tasche zur ge­sell­schaftspoliti­schen Haltung? Zu un­serer neuen First Lady, Bet­tina Wulff mit dem crazy Tattoo, würde eine Freitag Reference gut passen: Gerade so viel Re­vo­luzzertum, wie sich mit einer recy­­cel­ten Botentasche mit Patina und Schnal­len transportieren lässt.

Aber fassen wir uns an die eigene Nase: Bedenkenswerter ist doch, dass die Freitag-Brüder berichteten, ihre Produkte ursprünglich für sich selbst kreiert zu haben. Ob sie ihre Strategie geändert haben? Oder wirft die neue Taschenserie auch ein düsteres Licht auf unsere Branche – lauter ehemals freidenkerische Kreative gut über drei­ßig, die es sich jetzt mit den passenden Taschen im nicht mehr so visionären Lebensabschnitt gemütlich machen?

Der Artikel ist erschienen in PAGE 09.2010.


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