Tillmans Neue Welt

Wer im Bildband »Neue Welt« von Wolfgang Tillmans sehr, sehr genau hinschaut, entdeckt hinter den Fotos eine verborgene zweite Ebene.  



Wer im Bildband »Neue Welt« von Wolfgang Tillmans sehr, sehr genau hinschaut, entdeckt hinter den Fotos eine verborgene zweite Ebene. 

Wolfgang Tillmans, wurde mit sehr persönlichlichen Fotos aus seiner privaten Umgebung einer der berühmtesten deutschen Fotografen und experimentierte zum anderen in den letzten Jahren stark mit Abstraktionen. Jetzt tat er, was unheimlich viele Fotografen tun: Er reiste um die Welt. Sein erklärter Anspruch dabei, die »Neue Welt«, also den aktuellen Zustand des Planeten umfassend zu dokumentieren, wirkt erstmal zugleich größenwahnsinnig und banal. Die Ergebnisse stellt er nun ab 1. September in einer Ausstellung in der Kunsthalle Zürich und in einem bei Taschen erschienenen Bildband vor. 

Die sind extrem durchdacht, kommen immer menschenfreundlich, mal poetisch, mal dokumentarisch abbildend daher. Wiederkehrende Themen sind nicht nur Verstädterung (ohne das geht’s in der neuen Welt nicht) oder industrielle Nahrungsmittelproduktion, sondern auch Dinge, die Tillmans schon lange beschäftigen. Wie seine Kindheitsobsession Astronomie oder der Wandel von Autoscheinwerfern, die zu komplexen Lichtskulpturen mit immer aggressiveren Ausdruck geworden seien und weit über das nötige technische Maß hinaus »überzüchtet«, wie er in dem hochinteressanten Interview mit Kunsthallen-Leiterin Beatrix Ruf am Anfang des Buchs erklärt. 

Layoutet hat Tilllmans selbst und durch Verschachtelungen komplexe Bezüge zwischen Bildern hergestellt. Wer die genauer untersucht, wird eine überraschende Entdeckung machen. Manchmal verstecken sich Fotos hinter Fotos. Zum Beispiel hinter der Doppelseite unten das Bild des Kalmars, das auf der folgenden Doppelseite zu sehen ist:

Hinter dem Foto des Mädchens mit dem roten T-Shirt wiederum versteckt sich das Foto einer Blume, das erst viele Seiten später im Buch wieder auftaucht. Und hinter anderen Bildern stecken Bilder, die sonst im Buch gar nicht zu finden sind, die also überlagert und unerkannt bleiben. Wie das Bild eines im Sand spielenden Kindes, das unter dem Foto einer luxuriösen Neubausiedlung liegt, ein Personenfoto, das unter einem anderen Personenfoto steckt, et cetera.

Natürlich kein Zufall, sagt Tillmans doch im Interview mit Beatrix Ruf: »Es wird wahrscheinlich zunehmend schwieriger, sich als Individuum ein individuell gültiges Abbild von ›der Welt‹ zu machen, weil man in bislang nicht gekanntem Ausmaß von einer unglaublichen Vielfalt vorgestanzter Meinungen und Bilder umlagert ist, die in einem ständigen Rauschen aufeinander prallen, nebeneinander und übereinander.« Den vorgestanzten Bildern entgeht auch Tillmans nicht, doch er eröffnet uns einen frischen, ganz eigenen und sehr anregenden Blick darauf. 

Wolfgang Tillmans. Neue Welt

Softcover, 22,7 x 30 cm, 216 Seiten, € 29,99

ISBN 978-3-8365-3974-6

Köln, Taschen Verlag


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