Bettina Bexte zeichnet für Spiegel online, für den Stern oder die Süddeutsche Zeitung. Jetzt ist ihre erste Graphic Novel erschienen, die Lebensgeschichten von fünf Migrant:innen erzählt, die sich in unserer Gesellschaft ehrenamtlich engagieren.

Die Idee auch mal eine Graphic Novel zu zeichnen, kam der Bremer Cartoonistin Bettina Bexte während Covid.
Erst erzählte sie zeichnend von zwei Nachbarinnen, herrlichen schrägen Schwestern, für die sie in der Pandemie einkaufen ging. Dann folgte eine gezeichnete Geschichte über ihre Tante – und jetzt erschien ihre erste Graphic Novel.
Und das ist ein großes Glück.
Denn »In allem ein Stück zu Hause« erzählt mit »suchendem Strich«, wie Bettina Bexte selbst ihren Stil beschreibt, aus dem wahren Leben von fünf Migrant:innen und ging dabei dokumentarisch vor.
Sie beschreibt, wie sie ihre Protagonist:innen trifft, wie sie aus ihrem Leben erzählen, wie und wo sie groß geworden, welche Erfahrungen sie geprägt haben – und davon, wie es dazu gekommen ist, sich in unserer Gesellschaft zu engagieren.

Packende Lebenswege
Da ist Dilar, die 1992 als Drillingskind in Leverkusen geboren wurde, die alles mit Kokosnuss mag und über das Boxerinnendrama »Million Dollar Baby« selbst zum Boxen fand– und heute nicht nur Frauen- und Inklusionsbeauftragte des Hamburger Sportbundes ist, sondern ein Box-Projekt für Frauen mit Parkinson leitet.
Nah dran und mit liebevollem Blick erzählt Bettina Bexte davon und so lebendig und authentisch, dass es nicht nur mitreißend, sondern auch ermutigend ist. Genauso wie die Geschichte von Miša, der in den 1960er Jahren als Gastarbeiter aus Jugoslawien kam. Der ein Kollege von Bettina Bextes Vater war, der für den Stern fotografierte und sich bis zu seinem Tod 2024 um Obdachlose kümmerte.
Halime, die 1966 in der Türkei geboren wurde, hingegen hat so viel erlebt, dass man sich fragt, woher sie eigentlich die Zeit für all ihr Engagement nimmt, das nach einer schweren OP begann. In der Reha wurde ihr klar, dass sie ihr Leben nicht nur als Hausfrau und Mutter verbringen will – und ein unglaublicher Weg begann.
Staunend folgt man ihren Erzählungen, die von dem Gymnasium, das sie frühzeitig verlassen musste, zu ihrer frühen Ehe führen und weiter zu ihrem Platz im Vorstand des Bremer Rats für Integration und im Rundfunkrat von Radio Bremen. Und dazu ihrem Engagement in zahlreichen Projekten für Integration und einen interreligiösen Dialog, für die sie immer wieder ausgezeichnet wurde.
Und genauso staunend folgt man den Bildern von Bettina Bexte, die mit viel Bleistift arbeitet, manches monochrome koloriert und dann wieder mit wohl abgestimmten Farben arbeitet.

Für ein Miteinander
Weitere Geschichten erzählen von dem jungen Azad, der mit 15 Jahren über das Mittelmeer aus Syrien flüchten musste und von Florence aus Ruanda, die ihren kleinen Sohn in ihrer Heimat zurücklassen musste, als sie nach Deutschland kam. Heute lebt er bei ihr nahe Hamburg und sie kümmert sich um alleinerziehende Mütter.
Immer wieder hat Bettina Bexter ihr Gezeichnetes mit den Protagonist:innen abgeglichen und gemeinsam haben sie sich herangetastet. Denn die eigenen Bilder, die bei den Erzählungen in ihrem Kopf entstanden sind, hatten nicht immer was mit dem wirklichen Geschehen zu tun.
In einem Interview erzählte sie, dass sie zum Beispiel Miša als Kind automatisch mit Schuhen zeichnete. Dabei hatten die fünf Geschwister nur ein einziges Paar, das sie abwechselnd trugen.
»Bilder machen Menschen noch einmal anders erfahrbar«, sagt Bettina Bexter und in ihrem Debüt gilt das ganz besonders auch für das Leben in zwei Kulturen – und einem Miteinander, von dem es gar nicht genug geben kann.
Und das gerade auch in einer Gesellschaft, die immer mehr nach rechts rückt und einer Politik, die immer öfter die Unterschiede anstatt der Gemeinsamkeiten betont – und in einem Jahr, in dem gleich mehrere Landtagswahlen stattfinden.
Bettina Bexte: In allem ein Stück zu Hause, avant-verlag, 176 Seiten, farbig, Flexcover, 25 Euro, ISBN: 978-3-96445-163-7
