Aus einem Aluminiumblock gefräst, auf wenige Bedienelemente reduziert, international ausgezeichnet: Die Kamera Sigma BF macht Weglassen zum Prinzip. Fotograf Jean Noir zeigt, was daraus entsteht.
Bild: T.Rehmert
Gute Gestaltung beginnt oft mit einer unbequemen Frage: Was kann weg? Sigma hat sie bei der BF ungewöhnlich konsequent gestellt. Das Ergebnis ist eine Vollformatkamera, die eher an ein präzise gefertigtes Designobjekt erinnert als an ein elektronisches Gerät. Eine Kamera, deren Gestaltung nicht Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sondern den Blick auf das Wesentliche lenken soll.
Dass dieser Gedanke weit über das Produktdesign hinausgeht, zeigt die Arbeit des People-Fotografen Jean Noir. Auch er hat sich vom Spektakulären abgewendet. Statt immer außergewöhnlichere Bilder zu inszenieren, sucht er nach dem Besonderen im Alltäglichen: nach Nähe, nach Licht, nach Momenten, die gerade durch ihre Unvollkommenheit berühren.
Zwei unterschiedliche Disziplinen, eine gemeinsame Haltung: Nicht das Hinzufügen macht Gestaltung besser. Sondern die bewusste Entscheidung, was wirklich zählt.
Sieben Stunden für ein Stück Aluminium
Das Gehäuse der Sigma BF entsteht aus einem einzigen massiven Aluminiumblock. Sieben Stunden dauert es, bis daraus ein Kameragehäuse gefräst ist. Keine verschraubten Schalen, keine sichtbaren Fugen. Laut Sigma ist die BF die erste Kamera mit einem echten Unibody-Design.
Feine Verjüngungen, präzise gerändelte Flächen und das spürbare Gewicht des Materials machen die Kamera zu einem Objekt, das nicht nur visuell, sondern auch haptisch gestaltet ist.
Gefertigt wird sie in Aizu, Japan, dem einzigen Produktionsstandort von Sigma. Hier entstehen sowohl die Kameragehäuse als auch die Objektive der Marke.
Wenn weniger Bedienung mehr Freiheit bedeutet
Auch das Interface folgt einem radikal reduzierten Prinzip. Drei Tasten und ein Steuerkreuz ersetzen die sonst übliche Ansammlung von Einstellrädern und Schaltern. Ein klassisches Programmwahlrad? Gibt es nicht.
Stattdessen konzentriert sich die Bedienung auf fünf wesentliche Parameter: Verschlusszeit, Blende, ISO, Belichtungskorrektur und Farbmodus. Drucksensitive Tasten geben haptisches Feedback, drei klar strukturierte Menüebenen schaffen Orientierung. Selbst der Kartenschacht wurde gestrichen: 230 GB interner Speicher ersetzen die SD-Karte.
Als Inspiration nennt Sigma die Camera Obscura, die ursprünglichste Form der Kamera.
Dahinter steckt eine Designentscheidung, die auch UX- und Produktdesigner kennen: Komplexität verschwindet nicht einfach durch das Entfernen von Funktionen. Sie muss so organisiert werden, dass sich die Bedienung selbstverständlich anfühlt.
Jean Noir: Die Kunst, das Alltägliche wieder zu sehen
Wie sich die Konzentration auf das Wesentliche in der kreativen Praxis ausdrücken kann, zeigen die Fotografien von Jean Noir.
Sein Blick hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Nicht das Spektakuläre interessiert ihn, sondern das Vertraute: Freundschaft, Familie, eine beiläufige Geste oder Licht, das durch ein Fenster fällt.
Dabei sind Blende, Licht und Unschärfe für ihn keine bloßen technischen Effekte, sondern Mittel seiner Bildsprache. Mit offener Blende schafft er Nähe zwischen Menschen. Hintergründe verschwinden nicht vollständig, sondern werden zu Atmosphäre. Kleine Bewegungen oder Unschärfen dürfen bleiben. Sie machen die Bilder lebendig.
Besonders interessant ist seine Haltung in einer visuellen Kultur, die ständig nach dem nächsten außergewöhnlichen Motiv verlangt. Jean Noir sucht das Gegenteil: Bilder, die nicht durch Lautstärke überzeugen, sondern durch Aufmerksamkeit.
Damit entsteht eine spannende Parallele zum Designkonzept der Sigma BF. Während die Kamera ihre Bedienelemente auf das Wesentliche reduziert, konzentriert sich Noir auf jene visuellen Elemente, die eine Geschichte wirklich tragen.
Reduktion wird so nicht zum Selbstzweck, sondern schafft Raum für Wahrnehmung und Emotion.
Ausgezeichnetes Design
Dass dieser konsequente Gestaltungsansatz auch international überzeugt, zeigen zahlreiche Auszeichnungen. Die Sigma BF erhielt unter anderem den Red Dot: Best of the Best 2026 mit der Höchstwertung von 100 Punkten, den iF DESIGN AWARD 2026 Gold, den japanischen Good Design Gold Award 2025 sowie des Minister of Economy, Trade and Industry Award.
Die Jury des iF DESIGN AWARD brachte das Konzept auf eine prägnante Formel: »Fewer buttons = more vision.«
Was bleibt, wenn wir alles Überflüssige weglassen?
Die Sigma BF und die Fotografie von Jean Noir erzählen letztlich von derselben Idee: Gestaltung ist nicht nur die Kunst, etwas zu erschaffen. Sondern auch die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und bewusst auf etwas zu verzichten.
Gerade in einer Zeit, in der Technologie immer mehr Möglichkeiten eröffnet, bekommt diese Haltung eine neue Bedeutung.
Denn vielleicht liegt die Qualität guter Gestaltung nicht darin, immer mehr zu können. Sondern darin, genauer zu wissen, worauf es ankommt.