Bild: Jana ReskeSprache verändert sich ständig. Neue Begriffe entstehen, alte verschwinden und Bedeutungen verschieben sich. Das beobachten wir schon, seit es Sprache gibt, aber noch nie gab es eine Zeit wie jetzt, in der viele Leute die gleichen Tools wie LLMs (ChatGPT und Co.) für die Erstellung von Texten nutzen.
Dadurch haben wir alle quasi die gleiche Quelle für geschriebene Texte und es gibt einen Überfluss an geschriebenem Material. Das nehmen wir als sogenannten »AI Slop« wahr, weil sich alle Texte ähnlich anhören und scheinbar keine Seele mehr haben. Zwar können wir meistens nicht mehr genau erkennen, ob Inhalte durch KI erstellt oder von Menschen geschrieben wurden, aber wir bekommen oft ein Gefühl dafür, ob ein Text wirkliche Inhalte hat oder eher leere Phrasen enthält.
Erste messbare Veränderungen von Sprache durch KI
Für dieses Phänomen gab es lange keine klar messbaren Beweise, aber eine aktuelle Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung zeigt erstmals empirisch, wie tief dieser Einfluss bereits reicht. Dafür analysierte ein Forschungsteam mehr als 700.000 Stunden Audiomaterial aus Podcasts und YouTube-Videos, sowohl vor als auch nach der Veröffentlichung von ChatGPT im Jahr 2022.
Das Ergebnis ist, dass bestimmte Wörter und Formulierungen, die typisch für KI-generierte Texte sind, seitdem deutlich häufiger in der gesprochenen Sprache auftauchen. Im Englischen betrifft das Begriffe wie »delve«, »realm« oder »meticulous«. Für das Deutsche gibt es dafür noch keine klaren Belege. Dennoch entsteht bei vielen der Eindruck, dass sich auch hier bestimmte Formulierungen häufen
Besonders auffällig ist die Geschwindigkeit dieser Veränderung. Innerhalb von nur anderthalb Jahren stieg die Nutzung einzelner Begriffe um bis zu 50 Prozent. Und das nicht nur in vorbereiteten Formaten oder Texten, sondern auch in spontanen Gesprächen.
So schleichen sich bestimmte Wörter, die häufig von LLMs verwendet werden, in unseren täglichen Sprachgebrauch ein.
Ein zentraler Befund der Studie ist, dass KI nicht nur einzelne Interaktionen beeinflusst, sondern sich ihre sprachlichen Muster bereits in der breiteren Kommunikation verbreiten. Der Einfluss geht also über die direkte Nutzung von Tools wie ChatGPT hinaus: Bestimmte sprachliche Eigenschaften tauchen auch bei Menschen auf, die gar nicht bewusst mit KI gearbeitet haben. In analysierten Podcast-Gesprächen zeigen sich diese Effekte bereits in spontaner, natürlicher Sprache.
KI-Systeme prägen nicht nur Sprache, sondern auch Kultur
Damit verschiebt sich die Rolle von KI grundlegend. Sie ist nicht mehr nur ein Werkzeug, sondern ein Medium, das kulturelle Entwicklung mitprägt. Die Studie beschreibt diesen Einfluss als potenziell tiefgreifend, da generative KI erstmals in dieser Skalierung in Kommunikationsprozesse eingreift und dadurch gesellschaftliche Veränderungen anstoßen kann.
Ein besonders kritischer Punkt ist die Gefahr kultureller Vereinheitlichung. Wenn KI-Systeme bestimmte sprachliche Muster bevorzugen und diese durch ihre breite Nutzung verstärkt werden, kann das langfristig zu einem Verlust von Vielfalt führen. Dieser Effekt könnte sich selbst verstärken, weil zukünftige Modelle zunehmend auf Daten trainiert werden, die bereits von KI geprägt sind. So entsteht ein Kreislauf, in dem sich bestimmte Ausdrucksweisen immer weiter durchsetzen.
In diesem Zusammenhang warnt die Studie auch vor einem Risiko für die Systeme selbst: Wenn sprachliche Muster zu stark vereinheitlicht werden, kann die Vielfalt der Trainingsdaten abnehmen. Das könnte wiederum die Qualität und Leistungsfähigkeit zukünftiger Modelle beeinträchtigen.
Wie gehen wir als Gesellschaft mit diesen Veränderungen um?
Die Forschung weist auf mögliche gesellschaftliche Folgen hin, die über Sprache hinausgehen. Wenn sich menschliche und maschinelle Kommunikationsmuster zunehmend angleichen, könnten sich auch etablierte Vorstellungen von Autorität, sozialer Identität und Glaubwürdigkeit verändern. Sprache fungiert traditionell als ein Instrument sozialer Abgrenzung. Verschwimmen diese Unterschiede, entstehen neue Dynamiken und potenziell auch neue Formen von Bias.
Ein konkretes Beispiel dafür ist die Wahrnehmung bestimmter Wörter: Begriffe, die von KI bevorzugt verwendet werden, könnten künftig mit geringerer Kompetenz oder intellektueller Autorität assoziiert werden. Dadurch verändert sich nicht nur, wie wir sprechen, sondern auch, wie wir Sprache bewerten.
Kritisch bleiben in einer Welt voller KI-Inhalte
Wenn KI beginnt, nicht nur unsere Arbeit, sondern auch unsere Sprache und Denkweisen zu prägen, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie wir damit umgehen wollen. Denn so bequem und produktiv die Zusammenarbeit mit diesen Systemen auch ist, sie bringt eine stille Gefahr mit sich: dass wir ihre Muster übernehmen, ohne sie noch bewusst zu hinterfragen.
Das wird besonders im kreativen Kontext deutlich. Wenn sich Formulierungen angleichen, Texte plötzlich ähnlich lesen und Ideen zwar korrekt, aber austauschbar wirken, dann ist das kein Zufall. Es ist ein Zeichen dafür, dass wir uns zu stark an das halten, was uns vorgeschlagen wird, anstatt es als Ausgangspunkt zu nutzen. Die Folge ist das, was viele inzwischen als »AI Slop« bezeichnen – Inhalte, die technisch einwandfrei sind, aber kaum noch eine eigene Haltung besitzen.
Dem entgegenzuwirken bedeutet nicht, auf KI zu verzichten, sondern sie bewusster einzusetzen. Es bedeutet, Ergebnisse nicht als fertige Lösungen zu akzeptieren, sondern sie als Ausgangsmaterial zu begreifen. Als etwas, das geprüft, weitergedacht und dem im besten Fall auch widersprochen werden muss. Denn genau in dieser Reibung entsteht Qualität und genau dort beginnt kreative Eigenleistung.
Das setzt allerdings voraus, dass wir uns nicht in eine passive Rolle drängen lassen. Wer mit KI arbeitet, sollte sich deshalb immer wieder fragen: Warum klingt das so? Welche Annahmen stecken dahinter? Würde ich das selbst genauso formulieren oder nur, weil es plausibel wirkt? Diese Form der kritischen Distanz ist keine Hürde, sondern eine Voraussetzung dafür, dass aus Unterstützung keine Abhängigkeit wird.
Langfristig geht es dabei um mehr als nur bessere Texte oder Designs. Es geht darum, kulturelle Vielfalt in Sprache, Ausdruck und Perspektiven zu bewahren. Wenn wir uns zu sehr an standardisierte Muster anpassen, verlieren wir genau das, was kreative Arbeit ausmacht: Unterschiedlichkeit, Eigensinn und die Fähigkeit, Dinge anders zu sehen.
Vielleicht liegt die eigentliche Aufgabe deshalb nicht darin, immer effizienter mit KI zu arbeiten, sondern bewusster. Nicht schneller zu produzieren, sondern genauer hinzusehen und nicht jede Antwort zu akzeptieren, sondern immer wieder zu prüfen, ob sie wirklich die richtige ist.