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»Starke Charaktere entstehen nicht durch bessere Prompts, sondern durch bessere Entscheidungen.«

Generative KI kann heute Bilder in Sekunden erzeugen. Trotzdem bleibt eine Frage erstaunlich offen: Warum sehen so viele davon gleich aus? Creative Director und AI Artist Jeannette Bergen über Charaktere mit Persönlichkeit, kreative Haltung – und warum gute Bildgestaltung gerade jetzt wichtiger wird.

Jeannette Bergen mit einem von ihr kreierten KI-MonsterBild: Jeannette Bergen

PAGE: Generative KI ist längst im Kreativalltag angekommen. Warum ist ausgerechnet Character Design so spannend?

Jeannette Bergen: Weil plötzlich fast alles möglich ist. Man kann komplette Welten erschaffen, Figuren entwickeln, Per- sönlichkeiten bauen. Mich interessiert dabei weniger der Effekt als die emotionale Ebene. Ein guter Charakter transportiert etwas – Stimmung, Haltung, vielleicht sogar eine kleine Geschichte. Und genau das macht Character Design momentan so spannend.

Gleichzeitig experimentieren gerade alle mit Midjourney. Trotzdem wirken viele Ergebnisse erstaunlich ähnlich. Warum?

Weil Tools immer Default-Looks haben. Man erkennt oft so-fort typische Midjourney-Gesichter oder bestimmte Äs-thetiken. Und natürlich kopieren viele erstmal Prompts, Looks oder Workflows. Aber es reicht nicht mehr, nur gute Prompts zu sammeln. Der Unterschied entsteht erst, wenn eigene Ideen dazukommen.

Du sprichst oft davon, dass KI-Bildgestaltung nicht nur Technik, sondern auch Haltung ist. Was meinst du damit?

Ein guter Charakter beginnt nicht mit einem Prompt. Er beginnt mit einer Idee. Welche Geschichte erzählt diese Figur? Welche Emotion soll sie auslösen? Was macht sie interessant? Haltung bedeutet für mich, bewusste kreative Entscheidungen zu treffen, statt einfach zu generieren, bis etwas halbwegs gut aussieht.

Was macht einen Charakter eigentlich unverwechselbar?

Oft sind es überraschende Kombinationen: Materialien, Silhouetten, Farben, Formen. Aber am Ende geht es um Persönlichkeit. Ein Charakter muss ein Typ sein. Wenn man das Gefühl hat, diese Figur könnte außerhalb eines einzelnen Bildes weiterexistieren, wird es spannend.

Bild: Jeannette Bergen

Viele denken bei KI immer noch zuerst an Prompts. Wie wichtig ist Prompting wirklich?

Prompting ist wichtig, aber eher als Handwerk. Das lernt man relativ schnell. Schwieriger ist die kreative Direction dahinter. Die eigentliche Frage ist nicht: »Wie schreibe ich den perfekten Prompt?« Sondern: »Was will ich überhaupt erschaffen?«

Wie arbeitet man heute kreativ mit KI – eher wie Designer oder eher wie Regisseur?

Eigentlich beides. Ich sehe KI eher wie ein Teammitglied. Früher hast du mit Fotograf, Illustrator oder Set Design gearbeitet. Heute arbeitet man zusätzlich mit einem Tool, das unglaublich viele Varianten und auch neue Optionen erzeugt. Aber die Richtung, die Entscheidungen und die Auswahl bleiben weiterhin menschlich.

Was überrascht Menschen am meisten, wenn sie anfangen, eigene Figurenwelten zu entwickeln?

Wie viel Einfluss sie selbst immer noch haben. Viele erwarten, dass KI den kreativen Teil übernimmt. Tatsächlich passiert eher das Gegenteil: Je klarer die eigene Idee ist, desto besser werden die Ergebnisse. Die eigentliche Magie entsteht nicht beim Generieren, sondern beim Entscheiden.

Mehr erfahren: Im Seminar »Imaginary Friends – Character Lab« zeigt Jeannette Bergen, wie mit Midjourney unverwechselbare Figuren, konsistente Bildwelten und kurze Animationen entstehen. Für Kreative, die KI-Bildgestaltung professionell einsetzen möchten. 

Welche Rolle spielen Intuition und gestalterisches Denken heute noch?

Eine riesige. Ohne Gestaltungskompetenz entsteht oft generisches Mittelmaß. KI macht Produktion schneller, aber nicht automatisch besser. Deshalb werden visuelles Denken, kreative Entscheidungen und gutes Kuratieren immer wichtiger.

Kann KI dabei helfen, einen eigenen Stil zu entwickeln?

Sie kann definitiv helfen, schneller zu experimentieren. Man testet mehr Richtungen, mehr Varianten, mehr Ideen. Aber Stil entsteht nicht durch das Tool. Stil entsteht dadurch, wie man auswählt, kombiniert und weiterentwickelt.

Was fehlt vielen Kreativen heute noch im Umgang mit KI-Bildgestaltung?

Oft nicht die Technik, sondern die Bildsprache. Viele wissen inzwischen, wie man Bilder erzeugt. Schwieriger ist die Frage: Wie entwickle ich etwas Eigenes? Wie baue ich Konsistenz auf? Wie erzähle ich visuell eine Geschichte?

Und wenn Menschen nach zwei Tagen Arbeit mit KI, wie in deinem Seminar zum Thema »Character Design mit Midjourney« nur eine Sache mitnehmen sollten – welche wäre das?

Dass starke Charaktere nicht durch bessere Prompts entstehen. Sondern durch bessere kreative Entscheidungen. Wer versteht, Figuren bewusst zu gestalten statt nur zu generieren, kann KI wirklich als kreatives Werkzeug nutzen.

Bild: Jeannette Bergen Bild: Jeannette Bergen
Produkt: PAGE 2022-02
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