So könnten gekritzelte Notizen und Skizzen getippten Texten bald Konkurrenz machen

… mit der Handschrift-Unterstützung in iOS 9. Jochen Gros, Lars Kreyenhagen von Karl Anders, Alessio Leonardi und Benedikt Bockshecker von deepblue networks haben es ausprobiert …



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Pictoscript © Alessio Leonardi

Zuerst kamen Notebook-Apps wie Noteshelf oder Jotter, dann die Markup-Funk­tion in Apples Mail seit Yosemite (OS X 10.10), und nun geht iOS 9 mit den neuen Notizen noch einen Schritt weiter auf dem Weg zur eigenhändig geschrie­benen und illustrierten E-Mail.

Anders gesagt: Die Freihand-Linie lässt sich nicht mehr nur digitalisieren, sondern auch im Inter­net kommunizieren – sozusagen als iHandschrift und iSkizze. Und demnächst wird das Schreiben, Zeichnen und Malen von Hand wohl auch von den meisten E-Mail-Clients unterstützt, so wie heute be­reits von Gmail.

Spätestens dann aber gewinnt nicht nur die Handschrift im Zeitalter des Touchscreens neue Bedeutung, sondern auch die damit einher­gehende Illustration von Mails, Tweets und Posts. Und sei es zunächst lediglich in Form von selbst gekritzelten Smileys.

Die Handschrift kehrt zurück – aber in welcher Form?

Mit einem Stylus schreiben wir heute vielfach einfa­cher und schneller als mit der virtuellen Tastatur – zumindest bei kurzen Notizen oder Mails. Hier also konkurrieren Handschrift und virtuelle Tastatur bereits in puncto Brauchbarkeit. Wie aber können wir, nachdem wir die Handschrift weitgehend vernachlässigt haben, erneut eigenhändig und dann auch noch für andere lesbar schreiben?

Am einfachsten geht das natürlich mit Großbuch­staben, wie in der Vorschule oder beim Ausfüllen von Formularen. Erheblich schneller allerdings ist die sogenannte Grundschrift mit gedruckten Groß- und Klein­buchstaben. In vielen Ländern, zum Beispiel in den USA, wird Handschrift ohnehin ausschließlich in dieser Form gelehrt.

Noch ge­eigne­ter wäre eine verbundene Schreibschrift, eine Schnür­li­schrift

Sicher, noch ge­eigne­ter wäre eine verbundene Schreibschrift, eine »Schnür­li­schrift«, wie die Schweizer sagen: Sie funk­tioniert schneller, wirkt individueller und erweist sich als bes­ser fürs Gehirn. Das alles gilt aber bekanntlich nur, wenn wir Schreibschrift richtig ein- und regelmäßig ausüben.

Und genau hier liegt das Problem aller Versuche, an der klassischen Schreibschrift allein mit konservativen Argumenten und nur auf dem Papier festzuhalten, wie beispielsweise in der US-ameri­ka­nischen »Campaign for Cursive«.

In Wirklichkeit besteht heute nur eine gewisse Aussicht auf einen erneut alltäglichen Gebrauch von Handschrift, wenn wir gelegentlich und zu besonderen Gelegenheiten auch digitale Notizen, E-Mails und Posts in unserem mühsam erlern­ten Schreiber-Handwerk verfassen. Für längere Texte in Schreibschrift erscheint nun aber auch iOS9 noch kaum geeignet. Vorbildlich sind da nach wie vor die speziell für Handschrift ausgelegten Apps, wie Noteshelf, UPAD und Jotter. Hier kann man etwa in eine Lupe schreiben und den Text zugleich mit einstellbarer Verkleinerung aufzeichnen.

Einerlei jedoch, ob wir uns für die Grundschrift oder eine Schreibschrift entscheiden: Wenn wir erst einmal einen Stylus in die Hand nehmen, dann können wir nicht nur schreiben, sondern auch kritzeln und skizzieren, zeichnen und malen – fragt sich nur: was und wie?

Von Doodlegrammen zu einer Bilder-Handschrift

Sinn macht das Kritzeln in E-Mails und Posts zunächst vor allem dann, wenn wir damit den Text einer Nachricht annähernd gleichbedeutend visualisieren oder ergänzend illustrieren. Im Prinzip also wie mit den Emojis und Smileys.

Doch wenn man jetzt da­von ausgeht, dass inzwischen jeder seine Mails selbst illustrieren kann, dann wäre es für die meisten sicher­lich hilfreich, wenn sich dafür geeignete Vorlagen, Muster, grafische Typen herausbilden würden. Das wären dann zum Beispiel typografische Entwürfe für Smileys zum Selberkritzeln – durchaus vergleich­bar mit den typografischen Entwürfen für die Buchstaben einer bestimmten Hand- oder Schreibschrift.

Zudem müssen sich die selbst gezeichneten Smileys gar nicht mehr in eine Zeile ducken. Sie lassen sich größer, differenzierter und damit vielsagender entwerfen – sozusagen als Smiley Men und Smiley Women. Smileys mit Hand und Fuß, mit Mimik und Körpersprache entwickeln sich im Grunde wie Pik­to­gramm- und Icon-Systeme.

Eine Art Bilder-Handschrift könnte sich künftig als eigentlicher Anreiz für den Gebrauch einer Grund- oder Schreibschrift erweisen

Vordringlich erscheinen dann freilich nicht mehr Papierkörbe und Not­aus­gänge, sondern grafische Anrede- und Grußformeln, visuelle Begriffe für Freude, Liebe, Sex und wohl auch, Hieroglyphen für inkorrekte oder zensier­te Aus­drücke, wie das F-Wort.

Am Ende allerdings ist das Zeichnen und Malen womöglich nicht nur als Zu­gabe zur digitalen Handschrift zu betrachten. Auch die eigenhändigen Illus­tratio­nen, also eine Art Bilder-Handschrift, könnte sich künftig als eigentlicher Anreiz für den Gebrauch einer Grund- oder Schreibschrift erweisen – und damit wiederum eine positive Rückkopplung von Handschrift und eigenhändiger Illustration ein­lei­ten. Wer noch Anregungen und Inspiration für Smi­leys, Pik­to­gram­me und Icons sucht, findet solche unter  www.doodlegram.design  und www.icon-lan­guage.com.


Jochen-Gros

Zum Autor:

Der Designer Jochen Gros lehrte von 1974 bis 2004 an der HfG Offenbach das Fach Theorie der Produktsprache.

Bis heute werkelt er an einer Art piktografischen Zeichensprache und fragt sich: Was würde der Isotype-Erfinder Otto Neurath heute wohl mit Computer und Internet anstellen?




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