Ein tiefer Glaube an das eigene Projekt und ganz viel Herzblut: Das war die Indiecon 2016

Vergangenes Wochenende fand zum dritten Mal die Independent Magazin-Konferenz in Hamburg statt.



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Gleich zu Beginn der Indiecon 2016 machte Danny Miller, unter anderem Gründer des Filmmagazins Little White Lies, im Gespräch mit Steven Watson (Stack Magazines) klar, was ihn dazu bewegt, Independent Magazine zu machen: »Use your design skills for good«. So entstand mit seiner Londoner Agentur Human After All auch »The Publishing Playbook«, ein kostenloser Guide mit wertvollen Tipps für all diejenigen, die ein eigenes Magazin auf die Beine stellen wollen. Ein weiterer Leitsatz für Miller lautet »Turn knowledge into action«: komplizierte Sachverhalte verständlich und anschaulich darzustellen, das ist das Motiv hinter dem Magazin-Zyklus »Weapons of Reason«, das sich in acht Ausgaben jeweils einer globalen Herausforderung widmet, von der Arktis bis zu Megacities.

Im Anschluss daran plauderte der Medien-Tausendsassa Markus Peichl (Journalist, Chefredakteur, TV-Formaterfinder …) im Gespräch mit Christian Schiffer, Mitherausgeber von »WASD – Bookazine für Gameskultur«, aus dem Nähkästchen. Dabei ging es vor allem um die Zeit, als das berüchtigte Magazin »Tempo« in den Räumen des heutigen Verlagshauses Hoffmann und Campe – und zudem Veranstaltungsort der Indiecon! – hergestellt wurde, inklusive eingeschlagener Fensterscheiben und dubioser Methoden bei der Produktion.

Das letzte Gespräch am ersten Konferenztag war gleichzeitig der Pre-Release der neuesten Ausgabe von »The Gentlewoman« und fand zwischen den beiden Gründern Veronica Ditting und Richard O’Mahony sowie Ricarda Messner (Flaneur-Magazin) statt. Hier wurde deutlich, dass es für die Macher von Independent Magazinen äußerst wichtig ist, ihre Leser kennenzulernen und sie nicht als bloße Verbraucher zu sehen. So existiert ein »The Gentlewomans Readers Club«, der regelmäßig Events organisiert und so eine physische Verbindung zwischen Publizisten und Lesern schafft. Zum Schluss verrieten die beiden noch, dass ihre absolute Titelkandidatin Barbara Streisand wäre – die sich aber bisher noch ziert.

Am Samstag ging es schwungvoll weiter mit den Australiern Rosetta Mills und Sam Cooney von »The Lifted Brow«, die sich mit Fabian Ebeling und Steffen Greiner (Die Epilog) über die essentielle Frage unterhielten: warum ein Independent Magazin machen? Simple Antwort: »to create the magazine we want to read«. Herausgekommen ist dabei ein unkonventionelles Magazin, von dem die Macher selbst sagen, es sei »ein Mutant, ein Frankenstein’sches Monster, das zusammengesetzt ist aus den besten Teilen anderer Magazine, die wir gut finden«. Hört sich schlimmer an als es aussieht.

Als nächstes betrat Agnese Kleina aus Riga die Bühne, Gestalterin und Gründerin des Bookazine »Benji Knewman«. Die Subline lautet »Life that you can read«, und beim Durchblättern hat man gelegentlich das Gefühl, dass das Magazin tatsächlich lebt – beispielsweise wenn der fiktive Charakter Benji Knewman den Leser auf einer Seite darum bittet, das Heft auf den Kopf zu stellen. Auch für Agnese Kleina ist es unverzichtlich, ihre Leser kennenzulernen. Das hält sie in fünf Regeln fest: talk to the people, think about them, surprise them, speak their language, eat together. Letzteres wird zu jedem Erscheinen einer Ausgabe zelebriert, ob als Dinner oder Brunch.

Danach bewies der Fashionfotograf Joachim Baldauf mit seinem Magazin »Vorn«, wie weit man die Grenzen von Magazingestaltung ausloten kann: Die aktuelle Ausgabe kommt komplett ohne Text aus, selbst das Impressum findet sich nur online. Die Credits der gezeigten Fotografien sind ebenfalls nur über einen Tumblr zu finden, sodass es für den Leser, in diesem Fall ja eher Betrachter, nicht direkt ersichtlich ist, ob es sich um eine Arbeit eines Studenten oder eines Profis handelt. Außerdem interessierte Baldauf die Frage, wie sich die Lesegeschwindigkeit dabei verändert, und ob man genauso schnell durch die Seiten blättert wie man online eine Galerie durchklickt.

Der Artidirektor Nelson Ng und Gründer des »Lost«-Magazins, einer Art Reisemagazin auf ungewöhnlichen Wegen, berichtete von den »invisible communities« in China: Die ausgeprägte Zensur durch die Regierung hat Kreative in China dazu veranlasst, neue Wege des Publizierens zu finden, und zwar über das Smartphone. Mit ein paar Apps ist es jedem einzelnen möglich, binnen weniger Sekunden einen eigenen Shop zu erstellen und sein Produkt online zu verkaufen und somit die offiziellen Wege zu umgehen. Das führte dazu, dass unzählige Nischen-Magazine aus dem Boden schossen und für jedes noch so skurrile Thema eine Leserschaft finden, nach dem Motto: »Behind every publication is a invsible community that believes in something«.

Gerade noch rechtzeitig und druckfrisch wurde schließlich das Ergebnis der Indiecon Summer School angeliefert, das in nur fünf Tagen entstanden ist. Ein Video zeigt Einblicke in den Prozess von »41-43« (der Titel ist die Adresse des Entstehungsortes, die Filmfabrique am Oberhafen).

Zuguterletzt hielt Louis-Jaques Darveau, Gründer von »The Alpine Review«, einen flammenden Vortrag über die Verantwortung und auch die Macht, die man als Magazinmacher hat: »Controlling ideas in today’s world is more powerful than controlling space and capital« (Zitat Jeremy Rifkin, 1999). So befasst sich The Alpine Review in unregelmäßigen Abständen, dafür aber umso intensiver mit den Ideen und Systemen, die die Gesellschaft im Wandel umtreiben. Und ein besseres Schlusswort hätte es für diese Konferenz nicht geben können:

»Magazine making should not be about smelling the paper and the ink, but about making a cultural and social change«

Viel zu schnell ging diese Konferenz zu Ende, aber es bleibt die Gewissheit »print is not dead«, und so können wir uns auf viele neue Publikationen im nächsten Jahr freuen.




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