Variable Fonts: Was sagt die Branche?

Variable Fonts sind in aller Munde, aber werden sie auch im Gestalteralltag ankommen? Wir haben uns in der Branche umgehört.



Grafik: Elastique.

 

Kurz zur Erinnerung: Das neue OpenType-1.8-Format ermöglicht es, Schriftmerkmale wie Buchstabenbreite, x-Höhe, Strichstärke, Kontrast, Serifenlänge, das Aussehen der i- und anderer Punkte, einfach alles, was man sich vorstellen kann, stufenlos zu verändern. Mit Chrome Canary existiert immerhin auch schon eine Entwicklerversion eines Browsers, der die Technik unterstützt.

Natürlich experimentieren Typedesigner derzeit fleißig mit variablen Schriften und haben bereits einige erstellt. Desktop-Programme, die deren Einsatz erlauben, gibt es bislang allerdings nicht. Ohnehin ist die neue Technik vor allem für digitale Anwendungen interessant, erweitert sie das Responsive Design doch um den Aspekt Schrift.

Während viele Typedesigner mit Volldampf in das Thema Variable Fonts einsteigen, ist bei Gestaltern noch eine gewisse Skepsis und auch Unsicherheit zu beobachten. Fragen nach künftigen Lizenzmodellen stehen genauso im Raum wie der Wunsch, dass es doch ein paar vom Designer der Schrift definierte Fixpunkte gibt.

 

»Spannend, wenn sich responsive Typografie dynamisch meiner aktuellen Betrachtungssituation anpasst«

Hannah Hiecke, Designerin bei Elastique., Köln

Als Designerin frage ich mich, inwieweit Variable Fonts unsere Gestaltung beeinflussen. Die Antwortet lautet momentan: vordergründig gar nicht. Technisch gesehen sind sie die Erlösung von vielen Problemen – weniger unterschiedliche Fontfiles, weniger Daten, einfacheres Handling, mehr Varianz –, doch gestalterisch ist es extrem wichtig, dass wir zwar beachten und wissen, welche Techniken zur Verfügung stehen, uns im Prozess selbst aber nur auf eines konzentrieren: dass die Ergebnisse einen echten kommunikativen Nutzen haben, emotional sind, berühren und dabei ästhetisch bleiben.

Zwei Details finden wir extrem spannend: Zum einen den Gedanken, dass responsive Typografie sich dynamisch meiner aktuellen Betrachtungssituation anpasst. Dass also eine Applikation die Schrift nach Lichtverhältnissen, Betrachtungsabstand oder persönlichen Präferenzen in Bezug auf Größe, Weißraum, Laufweite et cetera aktualisiert. Zum anderen die Möglichkeit, als Gestalter endlich die Wirkung eines Fonts bis ins Detail regulieren zu können. Wie oft saßen wir vor einem Layout, hatten die optimale Schrift gefunden – doch der Regular-Schnitt wirkte ein wenig zu prominent, die Light-Version etwas zu dünn . . . Mit variablen Schriften können wir genau diese Parameter optisch in feinsten Gradationen anpassen.

Aber wir haben auch Fragen, zum Beispiel zur Abrechnung. Wie viel wird man für einen variablen Font bezahlen müssen? Wie wäre es, wenn man künftig statt festgelegter Schnitte nur noch bestimmte »Ranges« eines Fonts kauft (siehe Grafik oben im Beitrag). Mit einem Abrechnungssystem, das genauso dynamisch ist wie das gekaufte Produkt. Es bleibt ein spannender Prozess, und wir freuen uns auf die neuen technischen und gestalterischen Möglichkeiten, die Variable Fonts mit sich bringen werden!

Was andere Branchenkenner zum Thema sagen lesen Sie in PAGE 10.17, die hier im Shop erhältlich ist.


Schlagworte: , ,




Kommentieren

Einfach mit dem PAGE Account anmelden oder Formular ausfüllen

Name *

Email *

*Pflichtfeld

Ihr Kommentar *

 
 

Das könnte Sie auch interessieren