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Making-Of Scriptfont Scribo – intelligent, schön und dynamisch

Scribo – das sind 15 schöne, intelligente Scriptfonts und eine dynamische Variante, in die der Prozess des Schreibens eingebaut ist. Eine technische und gestalterische Innovation der Foundry Underware.

ScriboAufmacher

Zur Underware-DNA gehört Dynamik. Schon seit ein paar Jahren beschäftigen sich Akiem Helmling, Bas Jacobs und Sami Kortemäki mit der Frage, wie sich digitaler Text flüssig schreiben lässt (siehe Grammato.com). Mit Scribo Write gibt es jetzt eine Schrift, bei der Dynamik den Ausgangspunkt bildet. »Es soll der Eindruck entstehen, dass eine reale Person gerade in diesem Moment etwas schreibt«, erklärt Akiem Helmling.

ScriboDynamik

Eine Möglichkeit, dies technisch zu realisieren, ist das Variable-Fonts-Format, allerdings braucht es dafür mehr als die gewöhnlichen Achsen. Wie schon bei ihrer Schrift Plakato arbeiteten die Typedesigner deshalb mit zwei Arten von Achsen: Während man mit den Low-Level-Achsen wie bei anderen variablen Schriften zum Beispiel die Größe verändern kann, lassen sich mit High-Level-Achsen bestimmte Dynamiken erzeugen. Darüber hinaus entwickelten die drei für dieses Projekt das WriteFont-Format (.wf), das im Vergleich zum Variable-Fonts-Format wesentlich kleiner ist und mehr Möglichkeiten bietet, zum Beispiel verschiedene Schreibstile.

  • PROJEKT  Gestaltung der dynamischen Scriptfontfamilie Scribo und des Onlinetools Scribomat  
  • DESIGNER Akiem Helmling, Bas Jacobs, Sami Kortemäki, Gründer der Foundry Underware in Den Haag, Amsterdam und Helsinki
  • TOOLS  Stifte, Pinsel, Papier, Glyphs, Vektorgrafiktool Inkscape, Python-Bibliothek fonttools, Python
  • ZEITRAUM  2019 bis Mai 2023
ScriboSchnitte
Regular ist mit einem Marker geschrieben, Rough mit einem Bleistift. Für Ink griffen die Underware-Designer zu einem sehr nassen Haarpinsel, Brush entstand mit einem eher trockenen, flachen Borstenpinsel, Brush XL mit einem ebenfalls flachen, aber größeren Borstenpinsel. Diese fünf Schnitte gibt es für alle drei Scribo-Pro-Varianten: Regular, Caps und Ornaments.

Ein eigenes Toolkit statt Fonteditor

Die Idee von Underware war es, die Dynamik beziehungsweise die Dimension Zeit in die Fontdatei zu integrieren. Konkret bedeutet das, den Fluss der Tinte darstellen und wie lange es dauert, einen bestimmten Buchstaben zu schreiben, und wie viel Zeit es vom Ende eines Strichs bis zum Beginn des nächsten braucht. Das Problem bei dynamischen Fonts: Sie sind unerforschtes Terrain. »Klassische Fonteditoren wie Glyphs funktionieren da nicht mehr, es braucht ein eigenes Toolkit«, so Akiem Helmling.

ScriboScreenshotSchema
Dynamische Fonts sind Neuland, bestehende Fonteditoren dafür nicht gemacht. Also entwickelte Underware ein eigenes Toolkit mit einer Timeline und den drei Schemata Zebra, Gradient und X-Ray.

Das Underware-System besteht aus drei sogenannten Schemata, mit denen sich im Gestaltungsprozess Vorschauen der Dynamiken anzeigen lassen, um das Design zu kontrollieren. Das Schema Zebra zeigt, wie sich die Geschwindigkeit des Schreibens während des Schreibprozesses verändert. Gradient kontrolliert die korrekte Strichfolge und bei X-Ray geht es um die Eigenzeit – ein Begriff aus Einsteins Relativitätstheorie.

Damit gemeint ist die Beschleunigung im Schreibprozess, die unabhängig von den jeweils Schreibenden ist. Setzt man zum Beispiel die Spitze eines Filzstifts oder Füllers auf ein Papiertaschentuch, kann man einen Punkt sehen, der mit der Zeit größer wird. Diese Bewegung wird nicht von der oder dem Schreibenden selbst verursacht, sondern durch das Material. »Mit unserem System können wir das Schreiben selbst kontrollieren«, sagt Bas Jacobs.

ScriboSchemaZebra

ScriboDesigner
Akiem Helmling, Sami Kortemäki und Bas Jacobs (von links) am Flughafen Osaka Kansai. In launigen und sehr erhellenden Vorträgen stellen sie Typointeressierten in aller Welt ihre zukunftsweisenden Schriften und Technologien vor.   

Neue Einheiten Line und EMPA

Unterschiedliche Schriften lassen sich nur schwer in genau der gleichen Geschwindigkeit schreiben, denn manche haben komplexere Buchstaben als andere. Um Vergleichbarkeit zu schaffen, definierte Underware für die Entwicklung der Scribo Write eine neue Einheit für die Geschwindigkeit im Verhältnis zur Maßeinheit Geviert (em): Line heißt die Einheit, die die geschriebenen em pro Sekunde angibt.

»Normalerweise schreibt man in einer Minute vierzig Buchstaben, benötigt also anderthalb Sekunden für jeden«, erklärt Bas Jacobs. »Und da ein Buchstabe nach unseren Berechnungen durchschnittlich anderthalb em Schreibweg hat, entspricht 1 Line einer normalen Schreibgeschwindigkeit. Die Formel lautet: 1.5 em geteilt durch 1.5 Seconds = 1 Line.«

ScriboWriteSchreibprozess3
Bei mit Scribo Ink geschriebenem Text sieht man förmlich die Tinte tropfen.
ScriboWriteSchreibprozess2
Bei mit Scribo Ink geschriebenem Text sieht man förmlich die Tinte tropfen.
ScriboWriteSchreibprozess1
Bei mit Scribo Ink geschriebenem Text sieht man förmlich die Tinte tropfen.

Die Maßeinheit em nutzten die Typedesigner auch, um die Länge der Animationsachse zu bestimmen. Underware definierte dafür die Einheit EMPA – em per axis. EMPA ist notwendig, um ganz verschiedene Schriften in der gleichen Geschwindigkeit schreiben zu können. »Noch ist das Zukunftsmusik, kein Browser unterstützt das bislang, aber künftig gibt es hoffentlich bei dynamischen Variable Fonts einen Slider für die Schreibgeschwindigkeit«, sagt Akiem Helmling.

ScriboVariableFontAchse
Mit der Herausforderung, die Länge der Animationsachse (gepunktete Linie) eines Variable Fonts zu bestimmen, schlagen sich viele Typedesigner:innen herum. Underware definierte dafür die Einheit EMPA (em per axis). So lassen sich ganz verschiedene Schriften in der gleichen Geschwindigkeit schreiben.

Für mich klingt das Ganze nach sehr viel Mathematik und Physik, Helmling und Jacobs betonen aber: »Es ist nicht superwichtig, das alles genau zu verstehen …«. Uff, Glück gehabt. Das Ergebnis ist jedenfalls absolut überzeugend. Es sieht sehr schön aus, wenn auf einer Website die Überschriften wie von menschlicher Geisterhand geschrieben werden –und es sich dabei um eine Schriftdatei mit all ihren Vorzügen wie zum Beispiel Unicode-Unterstützung handelt, inklusive einer sehr flüssigen Bildrate und stets scharfen Outlines.

ScriboWriteFarbe
Scribo gibt es auch als COLRv1-Font. Mit dem in OpenType 1.9 eingebauten Fontformat lassen sich Schriften farbig darstellen, inklusive Verläufen, Compositing und Blending. Underware nutzte die variablen COLRv1tables, das heißt, bei der dynamischen Scribo verändern sich die Farben während des Schreibens, werden nach und nach dunkler. Es sieht aus, als ob die Schrift trocknete.

  ScriboZitat

Scribomat für dynamische Schriften

Doch auch wenn man den mathematisch-technischen Hintergrund nicht komplett verstehen muss: Will man variable Schriften dynamisch nutzen, ist ein gewisses Coding-Know-how erforderlich. »Das vielleicht größte Problem mit Variable Fonts sind momentan nicht die Schriften selbst, sondern ihre Bedienung. Um sie zu animieren, benötigt man JavaScript-, CSS- und HTML-Kenntnisse. Die haben aber in der Praxis nicht viele oder jedenfalls nicht ausreichend«, so Akiem Helmling.

Eine Lösung bietet Underware mit dem Tool Scribomat, das sich supersimpel nutzen lässt. Es bietet das, was sich viele Anwender:innen wünschen: nicht eine Schrift, die sie selbst animieren müssen, sondern den geschriebenen Text als Vektoranimation, die sich genau so einfach in einer Website einbauen lässt wie ein Bild. Auf www.scribomat.com kann man Text eingeben und zwischen fünf Schreibgeschwindigkeiten wählen – übrigens nicht nur für Scribo, sondern auch vier weitere Underware-Fonts.

Zum Ausprobieren gibt es das animierte SVG zum kostenlosen Download. Für alle anderen Formate, darunter das von Underware entwickelte Higher Order Interpolated SVG (HOIVG), sowie für eine kommerzielle Nutzung muss man sich registrieren. Die Typedesigner wollen Scribomat nach und nach erweitern, um Farben beispielsweise oder um den Text in musikalischen Tempi wie Glissando, Staccato oder Legato schreiben zu lassen.

ScriboScribomat
Auf www.scribomat.com kann man in einer von fünf Underware-Schriften Text eingeben, zwischen fünf Schreibgeschwindigkeiten wählen und das Ganze in verschiedenen Animationsformaten downloaden. 

Statische und intelligente Scriptfonts

Auch an all die Designer:innen, die sagen: »Schön und gut, aber ich brauche diesen ganzen dynamischen Kram nicht, sondern möchte ganz normale Fonts«, hat Underware gedacht. Für sie gibt es Scribo Pro, einen intelligenten OpenType-Font, der einer menschlichen Handschrift sehr nahekommt. Die Basis bilden – wie auch bei Scribo Write – unzählige Blätter mit handgeschriebenen Buchstaben der Underware-Designer.

Scribo-O
Jedes o hat eine andere Form. Welches zum Einsatz kommt, entscheidet der OpenType-Code, ohne dass ein manuelles Eingreifen erforderlich ist.

Nun sieht in einer Handschrift ein Buchstabe nie zweimal identisch aus. Deshalb braucht ein digitaler Scriptfont viele Alternativzeichen. Das Wichtigste ist aber der OpenType-Code, der all diese verschiedenen Glyphen steuert. Das richtige Zusammenspiel zwischen dem Code und den Buchstabenformen sorgt für ein natürliches Ergebnis. »Der Designprozess war ein ständiges Hin und Her zwischen Konzept, Design und Code – deshalb hat es auch ein paar Jahre gedauert, bis Scribo fertig war«, so Bas Jacobs.

ScriboBeginnertoMaster
Die OpenType-Features Ligatures und Contextual Alternates sorgen dafür, dass dieselben Buchstaben und Verbindungen immer anders aussehen – menschlich eben. Dass die Lettern in Scribo nicht immer verbunden sind, ist kein Fehler, sondern von Underware bewusst so gestaltet. In den 1980er Jahren waren Scriptfonts nicht verbunden, das kam erst in den 1990ern. Ab 2010 kamen Variationen gleicher Buchstaben dazu. Bei heutigen Scriptfonts sind nicht nur Alternativlettern, sondern auch ganz unterschiedliche Buchstabenverbindungen möglich.

Das Ergebnis ist eine kontrolliert unkontrollierte Schriftfamilie, lebendig und voller menschlicher Unvollkommenheiten. Scribo Pro besteht aus den drei Varianten Regular, Caps und Ornaments, Letztere sorgt mit ihren vielen Pfeilen, Strichen, Kritzeleien und Dingbats für eine zusätzliche handschriftliche Note. Alle Varianten sind mit fünf verschiedenen Werkzeugen geschrieben, haben also je fünf Schnitte.

Scribo Ornaments
Pfeile, Dingbats und Kritzeleien sorgen in der Scribo Ornaments für noch mehr handschriftlichen Charakter.

Scribo Pro und Scribo Write bringen die Welt der analogen Handschrift und der digitalen Typografie auf innovative und sehr charmante Weise zusammen. Was Akiem Helmling, Bas Jacobs, und Sami Kortemäki wohl als Nächstes einfällt?

In ihrem Vortrag auf der ATypI 2023 in Paris erklärt Underware die technischen Hintergründe der Scribo-Entwicklung.

Dieser Artikel ist zuerst in der Ausgabe 10.2023 erschienen. Die komplette Ausgabe könnt ihr hier runterladen:

PAGE 10.2023

Good Design Drives Value ++ Creative Prototyping mit KI ++ Ideen und Konzepte präsentieren ++ Let’s talk about money ++ Branding meets Interior Design ++ ENGLISH SPECIAL YONK ++ Making-of: Geospatial-Flug-App ++ Scribo und Scribo Write von Underware ++ rechtliche Risiken von KI für Kreative

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