Dynamic Font Day 2018 – Überblick und Ausblick

Am Samstag, den 17. November, fand in München der Dynamic Font Day statt. Petra Wöhrmann fasst den Tag für uns zusammen.



Dynamic Font Day

Am 17. November 2018 standen Variable Fonts ganz im Mittelpunkt aller Vorträge. Die Typographische Gesellschaft München (tgm) hatte die internationale Konferenz in der Designschule München veranstaltet. Die drei Kuratoren Tim Ahrens, Antje Dohmann und Oliver Linke (von links) holten international anerkannte Designer und Entwickler der Digitalen Branche auf die Bühne.

Am zweiten Dynamic Font Day – die vier vorangegangenen Veranstaltungen hießen noch Webfontday – ging es um den aktuellen Stand der Variable Fonts, der linear interpolierbaren OpenType Fonts und wie die Unterstützung in den gängigen Applikationen seit der letzten Konferenz 2016 nun fortgeschritten war.


Im Eröffnungsvortrag erzählte Gerrit van Aaken, dass die neuen Webfonts und die sich geänderte Handhabung der Medien nach einem neuen Webdesign verlange. Heute stehe die Gestaltung am Handy an erster Stelle, dann erst am Computer. Das beeinflusse die Schriftgrößen. Die gestrige Schriftgröße 12 pt ist die heutige 32 pt. Alle aktuellen Browser unterstützen heute Variable Fonts (WOFF ist das beste Format) und die Technik wäre schon weiter als die Kunden selbst. Die Gewinner wären immer noch Google mit Google Fonts. Nun läge es an Designern und Entwicklern, Kunden zum Thema Webfonts besser zu beraten und Typedesigner müssten in Zukunft unkompliziertere Lizenzverträge anbieten, damit der monotone Einheitslook des Google Font »Open Sans« aufgebrochen wird. Noch nie gab es so wenig technische Grenzen, überzeugte Gerrit. Ein hoffnungsvoller Ausblick.


Die Grafik– und Webdesignerin Marlene Rudolph stellte ihre Masterarbeit »Die Rolle der Typographie im Internet der Dinge« vor. Anschaulich zeigte sie, wie die enorme Anzahl der »Digitalen Dinge« die Zahl der Weltpopulation schon längst überholt hätte.

Somit müsse Typographie in diesem gigantischen Wandel variabler reagieren, wie z. B. in Armbanduhren (kleinste Flächen), Interfaces in Autos (unterschiedliche Lichtverhältnisse) oder digitale Anzeigen von Waschmaschinen (verschiedenste Sprachen). Schriftgrößen, Schriftschnitte müssten sich stufenlos verändern, Variable Fonts sollten sich automatisch an die Umgebung anpassen. Ihre Zukunftsvision sei, dass Typographie nicht nur responsive sein sollte sondern live. Spannend.


Variable zeigten sich auch die experimentellen Projekte der in Providence, Rhode Island, lebenden Koreanerin June Shin. Sie verzauberte das Publikum mit kontrastreichem Typedesign, verspielten 3D-Buchstaben und kalligraphischer Teamarbeit ihrer Studenten. Zum Abschluss zeigte June ein Geburtstagsgeschenk an ihre Mutter: Ein minimalistischer Stop-Motion-Film, in dem sie mit Schreibgeräten ihre Glückwünsche nachbaute – in der koranischen Schrift Hangul.

In all diesen freien Schriftprojekten schwang ihre Begeisterung für Schriftgestaltung mit, denn: Typedesigner care about details! Lovely.


Im Vortrag von Rasmus Michaëlis und Thorsten Lindsø von Kontrapunkt aus Kopenhagen drehte sich alles um Branding-Projekte und speziell um ihren Ansatz von variablen Schriften. Aus dem einzigartigen Material des Kundens heraus entwickeln sie eine individuelle Gestaltung, ein distinguish design. Anregungen finden sie z. B. in der Architektur, in der Natur und übersetzen hier gefundene Formen in Buchstaben. Begeistert sprachen die beiden Designer von »each glyph is a sculpture«, von feinsten Änderungen an Buchstabenformen und deren diversity, der Vielseitigkeit. Im letzten Beispiel zeigten sie ein zukunftsweisendes Projekt, in dem Querstriche von Buchstaben auf Sound reagieren: Je lauter um so kantiger mutieren die sonst bei Stille geraden Striche. Mit dieser real gewordenen Version verabschieden sich Rasmus und Thorsten:

»A typeface that responds to sound. … There are endless ways for variable fonts.«


Bunt, mal feinsinnig, mal schrill und einzigartig sind die Projekte von Hansje van Halem. Einen kurzen Einblick in ihre Welt gab uns allein der Designer und Coder Just van Rossum, da Hansje leider verhindert war. Daneben zeigte er uns auch seine Welt: Eine bewegte fast psychedelische Welt von Formen, entstanden durch Codes (Drawbot). Und dann trifft die Kreativität der beiden, Hansje und Just, aufeinander. Es trifft sich analoge Kreativität, im Adobe Illustrator gezeichnet, und kreatives Coding. Und aus dem ursprünglich übersichtlichen kleinen Projekt von Hansje wird mit Just zusammen Großes: The Lowlands Project, das Corporate Design für ein niederländisches Musikfestival. Für Hansjes grafische Ideen schrieb Just ein eigenes Programm für das random design, relativ einfach mit dem Austausch einiger Zahlen zu bedienen. Und plötzlich können von kleinen Flächen wie Tickets riesige Flächen wie Wände und Zelte mit algorithmisch hergestellten Buchstabenmustern verzaubert werden. Filme bringen die Muster noch in Bewegung, in Kooperation mit einem Animation Designer. Begeistert berichtet Just, was in Teamarbeit möglich ist: Grafik, Coding, Animation. Gigantisch.


Irene Vlachou aus Athen nimmt uns mit in ihre Welt des Typedesign und spricht über stress, die Betonung eines Striches bei Buchstaben. Sie erklärt grundsätzliche Unterschiede zwischen den Lateinischen Schriften und dem Griechischen. Sie stellt einige Projekte vor, wie die Schriften Portada und der Protipo, einem Variable Font. Es dreht sich um die variablen Strichstärken, das Character-Set, die Kompatibilität der Outlines und die Einsatzmöglichkeiten. Irene teilt mit uns ihre Begeisterung für Variable Fonts und ihren Arbeitsprozess, von der Skizze bis hin zum Schrifttext in Axis-Praxis.org.


Ein Ausflug in die Welt von AR gibt uns Andrew Johnson. AR? Augmented Reality. Andrew ist Designer und Suchender zugleich, er lotet Schnittstellen aus. Mit traditionell chinesischer Tuschemalerei startete er, der Pinsel als Werkzeug und Material. Der Computer wäre ebenfalls Material, ebenso Schriften, 3D-Programme, Interfaces. Die heutigen Veränderungen in der Technik ließen uns auch Typographie neu überdenken. Wie müsste sich diese in neue Gegebenheiten anpassen? Handys und Headsets seien AR-Fenster und Andrew stellte uns hierzu seine experimentellen Projekte und Programme vor, speziell der Fokus auf Typografie. Diese sollte das Layout beeinflussen können, wie umgekehrt auch das Layout die Typografie. Schriften verändern sich mit dem Blickwinkel, Typografie in Relation zur Umwelt. Seine Projekte wirken wie eine Vorschau: »We have seen the future.«


Für den Abschlussvortrag kommen Akiem Helmling und Bas Jacobs von Underware auf die Bühne und ihre ersten Screens warfen so manchen Zuschauer Jahre zurück: Die Welt von Barbapapa. Die Jüngeren im Zuschauerraum brauchten nun eine Erklärung über diese kultigen Protagonisten vom Ende der 1960er Jahre. Barbapapas können ihre Form verändern: Variable Form. Da war es zum eigentlichen Thema Variable Fonts nicht mehr weit. Akiem und Bas starten in die Welt des Typedesigns mit dem Workflow bei statischen Schriften: Shapes, contours, points. Und dann kam »HOI«! Bitte was? Hight Order Interpolation. In einem Beispiel sahen wir, wie bei einer herkömmlichen Interpolierung von einer schmalen Schriftstärke zu einer dickeren nun Kanten entstehen. Hier müssten Lösungen gesucht werden, eine höhere Ordnung der Interpolation. Kurven statt Linien. Und die beiden zeigten uns, was man darunter verstehen könnte. Eine Reise in die nächsten Dimensionen begann. Zum Ende stellten Sie uns noch einen ihrer Variable Fonts vor: Bello Write, eine runde selbstschreibende Brushscript-Familie mit vielen Plugins für Illustrator und After Effects. Am einprägsamsten war wohl dieser Satz von Underware: »If you know the answer, the problem doesn’t exist.« Ach ja, und Barbapapapapa und Barbapapmama am Ende.


Ein intensiver und anregender Tag ging zu Ende. Oliver Linke bedankte sich noch bei den Sponsoren und überreichte allen Helfern eine Rose. Eine Konferenz, die wieder einmal zeigte, wie bereichernd der Austausch unter Kreativen, Typedesignern und Entwicklern ist, was für großartige Ergebnisse Zusammenarbeit bewirkt und wohin die Zukunft mit Variablen Fonts hingehen kann. Es bleibt und wird spannend. Alle Vorträge des Dynamic Font Day 2018 wird es auch demnächst online zu sehen geben.

Die Designschule München war eine schöne Location und lieferte genügend Raum für den Flurfunk. Von links Julia Kahl, Antje Dohmann, Bas Jacobs, Laurence Penney und Irene Vlachou.

Alle Fotos mit Personen stammen von Michael Bundscherer. Die Screenfotos von Paul Plunger.


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