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So funktioniert der neue AR-Audioguide Drifter

Drifter ist der erste dynamische AR-Audioguide, der jeden Fleck der Erde abdeckt. Der Berliner Medienkünstler Vinzenz Aubry und der Autor Ralph Tharayil zeigen, wie man die AR-­Technologie für Audioprojekte nutzen kann – inklusive Tipps für Audiotools, mit denen sich in wenigen Klicks eigene Audiowalks erstellen lassen!

Audiophiles Berlin: Mit der Drifter-Website erkundigt man mit jedem Smartphone seine ganz eigenen Hörpfade. Dynamic Audio macht’s möglich | Foto: Mathias Trumminger

Audiowalks sind ein alter Hut, genau genommen stammt das Prinzip »Spazierengehen und Hören« be­reits aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, erfreut sich aber seit der ubiquitären Existenz von Smartphones und GPS sehr großer Beliebtheit. Die meis­ten Au­diowalks sind auf eine ganz bestimmte Rou­te spe­zialisiert – und nicht nur das: »Es gibt zum Beispiel Spaziergänge entlang der Berliner Mauer, da ist die Story komplett linear und funktioniert nur, wenn du den Walk in der festgelegten Richtung abläufst«, sagt der Berliner Medienkünstler und Designer Vin­zenz Aubry und demonstriert anhand diverser Au­dioex­perimente, dass man das besser machen kann.

Gemeinsam mit dem Autor Ralph Tharayil und Studio Sansho entwickelte er den prämierten Audio­walk »Social Score«, der nicht nur GPS-basiert läuft, sondern auch personalisiert und für jeden Hörer live und individuell komponiert wird. Je nachdem, wo sich die User:innen befinden, wird der passendste Inhalt generiert und abgespielt. Eine vorgegebene Route exis­tiert nicht, jedoch vorgeschriebene, dyna­misch personalisierte Textblöcke. Auswahl und Aus­gabe der vorgelesenen Inhalte auf der Website https://socialscore.eu erfolgen da­ten­­ge­steuert und nutzen Echtzeitmetadaten der Höre­r:in­nen wie GPS-Koordinaten, Statistiken oder per­sonalisierte Datensätze.

Vinzenz Aubry und Ralph Tharayil erforschen die Möglichkeiten von Augmented Audio – eine weltweite Begleitstimme ist ihr Prototyp | Foto: Mathias Trumminger

Die Eckdaten zum Projekt AR-Audiowalk Drifter

Projekt Drifter, ein weltweiter AR-Audioguide auf Basis von Wikipedia, https://drifter.augmented.audio
Programmierer und Autor Vinzenz Aubry, ungroup, Berlin, https://ungroup.group
Co-Autor Ralph Tharayil, Berlin, https://ralphtharayil.com
Tools HTML, JavaScript, Google Text-to-Speech, Node.js, Wikipedia-Api, SuperCollider, MongoDB
Zeitraum seit Januar 2021

AR-Audio­guide: Die ganze Welt »erhören«

Seit zwei Jahren beschäftigt sich Vinzenz Aubry mit dem Thema »Dynamisches Audio«: »Wir hatten das Gefühl, dass man mit ortsgebundenen Audiowalks zu viele Leute ausschließt – und so kam ich auf die Idee eines weltweiten Reiseführers und einer unend­lichen Erzählweise.« Drifter soll der erste AR-Audio­guide werden, der die gesamte Erde abdeckt. Die In­halte für die Anwendung stammen zum Großteil aus Wikipedia: »Wenn ich die Position der Nutzer:innen kenne, kann ich nach passenden Artikeln suchen. Fast alle Artikel sind dort geografisch verortet, und so ziehe ich über Algorithmen die Inhalte heraus und setze sie dynamisch wieder zusammen«, so Aubry. Außerdem sind die Artikel nicht urheberechtlich ge­schützt, sondern unter Creative-Commons-Lizenz ver­fügbar, sodass man sie bedenkenlos für Audioexperimente nutzen kann.

Vinzenz Aubrys und Ralph Tharayils Grund­ge­dan­ke war, dass es gelingen könnte, die Hö­re­r:in­nen stärker für ihre Umgebung zu sensibilisieren, wenn man die Informationen aus den vor­ge­tragenen Wikipedia-Artikeln mithilfe von Metadaten erweitert. »Wie der Name schon sagt, soll Drifter auch dazu an­regen, ein­fach umherzustreifen und ab­seits ge­wohn­ter Wege die Umgebung zu erkunden – ohne Zweck oder ein definiertes Ziel, mit dieser Stimme im Ohr, die quasi laut denkt«, erklärt Tharayil.

Dabei lernt die Anwendung die User:innen kennen, merkt sich Positio­nen sowie bereits gehörte In­halte und verknüpft alle Informationen zu einem ­individuellen Hörstück. Nach dem Motto: Wer heute am Reichstag vorbeifährt und morgen am Pergamonmuseum, erfährt etwas über die histori­schen Zusammenhänge der Bauten – das ist zumindests der Plan für eine ausgereiftere Version der Anwendung.

Das Script von Vinzenz Aubry generiert je nach GPS-Standort ein individuelles Audioerlebnis. Wetterdaten, Uhrzeit, wiederkehrende Bewegungsdaten – die Ausspielparameter sind vielfälig, das Ergebnis jedesmal unique

Dynamisches Audio: Wiedergeburt der klassischen Erzählung

»Dies ist nicht der Tod der klassischen Erzählung, sondern ihre Wiedergeburt mit zeitgemäßen Möglichkeiten der Audiowiedergabe und -generierung«, sagt Vinzenz Aubry, der 2020 mit den Radioprojek­ten »Future Voices« und »_FM« zusätzlich an dynamisch zusammengestellten, personalisierten Audio­erlebnissen geforscht hat. Während »Future Voices« ein kollektiv an der UdK Berlin produzier­ter, zufällig generierter Stream ist, kann man mit der Anwendung »_FM« bestimmte Wörter wie etwa »Corona« oder »Covid-19« aus Radiosendungen herausfiltern und mithilfe eines Transmitters eine kuratierte Version lokal ausspielen.

Auch Co-Autor Ralph Tharayil ist der Meinung, dass das Medium noch lange nicht ausgereizt ist: »Ich denke, dynamisches Audio wird uns in den kom­menden Jahren stark prägen: als aufwieglerische Stimme in unseren Köpfen, die uns überallhin begleitet und dynamisch, webbasiert und somit in Echtzeit auf uns und unsere Umgebung reagiert – sei es in Form von per­sonalisierter (Des-)Information, ortsbasiertem Product Placement oder klassischem Piratenradio«, so Tharayil.

Bis wir losdriften können mit Drifter, müssen wir noch eine Weile warten – wer will, kann sich auf https://drifter.augmented.audio schon mal als Betatester:in vormerken. Drifter wird aktuell privat über Vinzenz Aubrys Designstudio ungroup finanziert. Für die künftige Weiterentwicklung sind Aubry und Tharayil auf der Suche nach Förderungen. Wer sich die Wartezeit mit einer eigenen Audio-Ex­perience versüßen möchte, findet unten kostenlose Audiotools sowie auf PAGE Online eine Reihe inspi­rie­ren­der Beispiele. 

Die besten Tools für eigene Audiowalks

Mit diesen Anwendungen lassen sich mit wenigen Klicks eigene Audiowalks erstellen

Radio aporee ::: miniatures for mobiles ist eine Webplattform und App für Audio-AR-Projekte im öffentlichen Raum des Medienkünstlers Udo Noll. Mithilfe des webbasierten Tools lassen sich Hörspiele und Klangkunst für mobiles Hören in einem übersichtlichen Editor kostenlos umsetzen. Zudem können Nutzer:innen über die App ihren Spaziergang tracken und an radio aporee senden.
https://aporee.org

Guidemate aus Berlin ist ein – für private Zwecke kostenloser – Webeditor, mit dessen Hilfe sich mit wenigen Klicks eigene Audiowalks realisieren lassen, hilfreiche Informationen zur Erstellung spannender Touren und Aufklärung über Nutzungs­rechte inklusive. Wer seine Kreation auf der Plattform oder in den zugehörigen Apps verkaufen möchte, darf den Editor weiterhin kostenlos nutzen, zahlt aber eine Provision.
https://guidemate.com

BBC Audio Orchestrator ist ein Tool, mit dem man alle möglichen Devices als Lautsprecher nutzen und miteinander verbinden kann, um vorgefertigte Audioprojekte in interaktive 360-Grad-Audioerleb­­nisse zu verwandeln. Dafür lädt man seine Dateien in den Editor und legt dann fest, wann welche Geräusche an welchen »Lautsprecher« gesendet werden. Im Rahmen ihrer Connected-Studio-MakerBox-Initiative stellt die BBC das Tool Interessenten gratis zur Verfügung.
www.bbc.co.uk/makerbox/tools/audio-orchestrator

Audio-Experiences zum Reinhören. Vinzenz Aubry und Ralph Tharayil haben uns ihre Audiowalk-Favoriten verraten www.page-online.de/audio-experiences

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