Richtig klauen – und das mit Recht!

Wie man sich bekannte Ideen auf kreative Weise zu eigen macht, ohne stumpf zu imitieren, lesen Sie in PAGE 04.2019



Christopher David Ryan
Illustration: Christopher David Ryan

 

Editorial: Watch out!

Was ist Originalität? Unentdecktes Plagiieren? – Nun, das Geschäftsgebaren unserer Branche lässt sich mit dem Spruch »Good artists copy; great artists steal« vielleicht doch ein wenig ehrenhafter und mindestens genauso provokant umschreiben. Steve Jobs bediente sich jedenfalls gern dieses illustren Sat­zes und machte erst gar keinen Hehl daraus, großar­tige Ideen zu übernehmen. »[. . .] we have always been shameless about stealing great ideas«, sagte er und wies das Zitat keinem Geringeren als Pablo Picasso zu. Aber aus seinem Mund klangen diese Worte fast zynisch, ließ doch gerade er keine Gelegenheit aus, Konkurrenten wie Microsoft, Google oder Samsung des illegalen Kopierens zu bezichtigen. Auch noch nach seinem Tod diskutiert man darüber, wie er das wohl gemeint haben könnte, er, der geniale Kopf bei Apple, der sich über die Jahre selbst zahlreichen Plagiatsvorwürfen ausgesetzt sah.

Denn klar, man kann »to steal« auch im übertragenen Sinn mit »sich zu eigen machen« übersetzen. Dann erschließt sich eine durchaus rechtschaffene Lesart seiner Worte. Ideen sind nicht schutzfähig, le­diglich ihre konkrete Ausformung ist es. Und ein schöpferischer Akt fußt nun mal auf bereits Vorhandenem. Darum nimmt sich ein Designprofi voll­kom­men zu Recht fremder Werke an und ergründet, welche Ideen sich dahinter verbergen. Er kristallisiert einzelne Aspekte heraus, greift sie auf und entwickelt sie eigenständig, seiner spezifischen Aufgabenstellung entsprechend weiter. Kurzum: Er lernt aus ihnen und interpretiert sie schließlich neu, anstatt sie nur zu duplizieren.

Auch der Aphorismus »Good artists copy; great artists steal«, bei dem übrigens keineswegs belegt ist, dass er von Picasso stammt, hat eine beachtenswer­te Wandlung hinter sich. QuoteInvestigator.com etwa führt ihn auf den ei­gent­lich ganz konträr lauten­den Satz »That great poets imitate and improve, whereas small ones steal and spoil« des britischen Autors W. H. Davenport Adams zurück. Doch so ein­deutig diese Formulierung auch ist, zwischen inspirierter Originalität und peinli­chem Abklatsch, klu­ger Anleihe und folgenschwerem Plagiat verläuft ein schmaler Grat. Die Gretchenfrage der Titelgeschichte in PAGE 04.2019 lautet denn auch: »Alles nur kopiert?«. Nehmen Sie uns beim Wort.

Gabriele Günder,
Chefredakteurin/Publisherin

 


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