Von Trump über Lesbos bis zum Zauberwald: Das war die Furore VI

Die Erwartungen an Markenfilms Veranstaltung Furore VI waren hoch – und wurden voll erfüllt.



Am 19. Mai lud die Produktionsfirma Markenfilm zu ihrem alljährlichen Kreativ-Event Furore in einem ehemaligen Pferdestall an ihrem Standort im Hamburger Schanzenviertel. Wie schon die fünf Male davor war der Tag mit viel Liebe zum Detail geplant – von den Illustrationen der Speaker über den Foodtruck zur Mittagszeit bis hin zu den kleinen Tütchen mit Weingummi für den Zuckerflash zwischendurch – und dem Erfrischungsspray gegen einsetzende Hitze und Ermattung.

Gut vorbereitet und mit der perfekten Mischung aus Witz und Respekt vor seinen Gesprächspartnern führte Moderator Kai Schächtele durch einen Tag mit vielen spannenden und inspirierenden Gästen.

 

Vom Boxer zum Star-Illustrator

 

Den Auftakt machte der US-amerikanische Illustrator Tim O’Brien, unter anderem bekannt für seine Cover fürs TIME Magazine (zuletzt Donald Trump im Sturm). Das besondere an seinen Arbeiten: Sie sind alle mit Öl gemalt – bis aufs letzte einzelne Haar auf Trumps Kopf. Eine unglaublich beeindruckende Arbeit!

O’Brien berichtete davon, wie ihn seine Karriere als Hobby-Boxer auf seinen Beruf als Künstler vorbereitete: »Man lernt, gut vorbereitet zu sein und isoliert zu arbeiten. Im Grunde ist jeder Auftrag wie ein Kampf.« Nach dem Besuch der Kunsthochschule entschied er sich für eine Karriere als Illustrator, da seine Familie eher einen pragmatischen »Blue Collar«-Hintergrund habe.

Seine Karriere begann er als Buchcover-Illustrator, doch irgendwann fehlte ihm die »Seele« in der Arbeit und er baute ein neues Portfolio auf, um an die Jobs zu kommen, die er wirklich wollte. Dabei habe ihm vor allem der Neid auf andere geholfen. Mittlerweile sei es für ihn unerlässlich, alle 6 bis 7 Jahre seine Ausrichtung zu ändern oder zumindest zu überprüfen.

Sein erstes TIME-Cover im Jahr 1989 habe ihn elektrisiert: Seitdem wisse er, dass er als Illustrator Teil der öffentlichen Debatte sein möchte. Seither hat er unzählige Cover für internationale Magazine gemalt (auch für den Spiegel) und pflegt einen äußerst unterhaltsamen und stets bissigen Instagram-Account. Noch warte er auf die »Goldmedaille« für Illustratoren: einen Tweet von Trump. Der US-Präsident habe zumindest eines seiner Wahlversprechen gehalten: Jobs zu schaffen -»unzählige Jobs für Illustratoren«.

Tim O’Brien, Foto: Sebastian Muth

 

Werber als Grenzgänger

 

Die Furore VI stand unter dem Oberthema »Grenzen« und so berichtete Martin Peters Ginsborg, Executive Creative Director bei Anomaly in Amsterdam, von »Borderline Advertising«. Das Team bei Anomaly gebe sich stets Mühe, die Grenzen der Werbung zu überschreiten und für ihre Kunden Außergewöhnliches zu schaffen – wie den ausgeflippten Film »Make Love not Walls« von David LaChapelle für Diesel. Oder den Super-Bowl-Spot »Born the hard way« für Budweiser, womit die Marke mit der Tradition der süßen Pferde+Hundebabies-Spots brach.

Oder der Dokumentarfilm »Ode to Lesvos« über die Bewohner von Lesbos, die den Unmengen an Flüchtlingen halfen, die an ihre Küsten gespült wurden, den Anomaly für Johnnie Walker produzierte. Der durchaus beeindruckende Film sorgte allerdings für kritische Nachfragen aus dem Publikum, was das Thema eigentlich mit der Whisky-Marke zu tun habe und ob es nicht ethisch fragwürdig sei, die Menschen für einen »Werbefilm« auszubeuten. Eine schlüssige Antwort blieb der leicht verdutzte Ginsborg schuldig.

 

Als Werber sei er stolz darauf, solche Arbeit machen zu können und Kunden dazu bewegen zu können, einen Standpunkt einzunehmen. Es sei eine tolle Zeit, um als Auftragskreativer sich selbst und seine Ansichten in Projekte einzubringen und wichtige Geschichten zu erzählen. Er persönlich bekomme seine besten Ideen beim Backen – woraufhin er Kai Schächtele ein Stück des Familien-Sauerteigs überreichte.

Martin Peters Ginsborg, Foto: Sebastian Muth

 

Ein Hoch auf die Menschenrechte

 

Kurz vor der Mittagspause berichtete dann Markus N. Beeko, Generalsekretär von Amnesty International Deutschland, von seinem Werdegang. Nachdem sich in seinem Elternhaus die Anti-Apartheid-Community traf und er als Kind von Miriam Makeba (alias Mama Afrika) geherzt wurde, war sein Weg im Grunde vorgezeichnet. Doch er verirrte sich zunächst in die Kreativbranche, wo er u.a. bei Landor Verpackungen für »Öl, Fett und Käse« gestaltete.

Als er 2006 zu Amnesty International wechselte, nutzte er sein Fachwissen in Sachen Design und Kommunikation, um der Organisation eine einheitliche Corporate Identity zu bescheren – dazu gehören das Gelb und die Maschendraht-Kerze, wie wir sie heute kennen. Sein Anliegen sei nicht sofort bei allen auf Gegenliebe gestoßen, berichtete Beeko. Eine Frau habe bei der Präsentation geweint, weil sie es als zu kommerziell für eine gemeinnützige Organisation empfand.

Mittlerweile sei aber deutlich geworden, wie wichtig professionelle Kommunikation und Werbung für Amnesty ist – besonders dann, wenn es darum gehe, Geschichten zu erzählen, zu denen es keine Bilder gibt (beziehungsweise nur solche, die man nicht zeigen kann/möchte). Dabei spiele auch schwarzer Humor oft eine Rolle – frei nach dem Zitat von Mohammed Ali: »Sometimes the truth is the biggest joke.«

Markus N. Beeko, Foto: Sebastian Muth

 

Künstliche Sonne, Zauberwälder und ein nächtlicher Regenbogen

 

Dem Tief nach dem Mittagessen trat Andrew Shoben, Künstler, Kunstprofessor und Gründer des Kollektivs Greyworld, aus London entgegen. Mit einem Wasserfall aus begeisterten Beschreibungen, Fotos und Videos von Arbeiten seines Kollektivs brachte er das Publikum zum Lachen und Staunen. In seiner Arbeit gehe es ihm auch um die Rückeroberung des öffentlichen Raums und darum aufzuzeigen, dass Kunst dort nicht immer eine langweilige Bronze-Statue sein muss.

Er zeigte Arbeiten wie den »Clockwork Forest«, in dem überdimensionale Uhrenschlüssel an Bäumen montiert wurden, die beim Aufdrehen eine Melodie abspielten; die »Trafalgar Sun«, eine große künstliche Sonne, die den Londonern ein paar zusätzliche Stunden Licht bescherte; und den »Night Rainbow« am Trafalgar Square, der »größte und schwulste Regenbogen ever«.

Andrew Shoben, Foto: Sebastian Muth

 

Von Physik zur Oper

 

Next up: Kirill Serebrennikov, Artistic Director am Gogol Center in Moskau. Der studierte Physiker arbeitete nicht einen Tag in seinem gelernten Beruf, sondern entschied sich gleich nach seinem Abschluss in die Theaterwelt abzutauchen. Mit seiner ersten Inszenierung in Moskau (»Plasticine«) sorgte er 2001 für Furore und gilt seither als Star der Moskauer Theaterszene. In seiner Funktion als Artistic Director am Gogol Center nimmt er regelmäßig Anteil am öffentlichen Diskurs.

Mit der russischen Regierung gebe es eine Art gegenseitiges Dulden: »Don’t touch us, we don’t touch you«. Sein Team und er seien zu erfolgreich und beliebt, als dass der Staat ihnen ohne weiteres zusetzen könne, so Serebrennikov. Ohnehin sei Angst Gift für die Kunst, sagte er mit dem Hinweis auf den Fassbinder-Film »Angst essen Seele auf«. Der Wahnsinn, der derzeit in seinem Land stattfände, sei vielmehr der perfekte Nährboden für Künstler. Er selber habe einen Weg gefunden, die Regierung zu kritisieren, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen:

»You can die for freedom – or you can live for it.«

Kirill Serebrennikov, Foto: Sebastian Muth

Gut vorbereitet ins Chaos

 

Den Abschluss machte an diesem Tag der Regisseur Jakob Lass, Erfinder des FOGMA – eine Form von Filmen ohne ausformuliertes Drehbuch, die vornehmlich auf Improvisation beruhen.

Sein Film »Love Steaks« wurde mehrfach ausgezeichnet und brachte ihm im Nachhinein die Anerkennung seiner Ausbildungsstätte Filmuniversität Babelsberg ein, die sich bis dahin gegen das Projekt gesträubt und es nicht gefördert hatte. Lass beschrieb die Mischung aus guter Vorbereitung und komplettem Loslassen beim Dreh seiner Fogma-Filme. So sei die Entwicklung der Charaktere, ein Drehbuch-Skelett sowie ein vorab fertiggestellter Soundtrack, der den Ton vorgibt, für ihn essenziell – danach müsse man einfach abwarten und den Schauspielern Raum geben.

Als nächstes wird von Lass »Sowas von da« in den Kinos zu sehen sein – die »erste improvisierte Romanverfilmung«. Die Geschichte von Autor Tino Hanekamp handelt von einer turbulenten Silvesternacht und dem Ende eines Hamburger Clubs. Dafür habe die Crew vier Nächte richtig Party gemacht, so Lass. Sein abschließender Tipp an Kreative aller Art:

»Lasst euch nicht von euren Erwartungen an euch selbst runter ziehen!«

Jakob Lass, Foto: Sebastian Muth

 

Dem Furore-Team ist es erneut gelungen, einen sehr unterhaltsamen und abwechslungsreichen Tag zu kuratieren, der vor allem auch durch die Familiarität der Umgebung und viele liebevolle Details punktete. Mehr Fotos von der Furore VI gibt es auf www.facebook.com/Markenfilm. Wir freuen uns schon auf die Furore VII!


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