Voll agil in die Mittelmäßigkeit

Welche Herausforderungen Agile Development für Designer birgt. Ein Gastbeitrag von John Grøtting von Fjord.



Die Design- und Innovationsagentur Fjord hat ihre Trends für 2018 veröffentlicht. Sie umfassen sieben Entwicklungen, die in den kommenden zwölf Monaten großen Einfluss auf Design- und Innovationsprojekte haben sollen. Einer der Trends, Design Outside the Lines, beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Agile Development auf Designer. John Grøtting, Group Design Director bei Fjord Berlin, erklärt, worum es dabei geht.


Wie Design-Handwerk

in hektischen Zeiten relevant bleibt

 

Produkte und Services werden heute immer rascher entwickelt und im großen Stil gelauncht. Gleichzeitig gab es nie mehr technologische Möglichkeiten, etwas Neues umzusetzen. Viele Unternehmen begegnen diesen Herausforderungen mit Agile Development. Die Methode stammt aus der Software-Entwicklung und bedeutet im Kern, dass etwas iterativ, also in kurzen Zyklen, entwickelt, getestet, verworfen, verbessert und zur Marktreife gebracht wird.

Agil bedeutet nicht ASAP

So weit, so schlecht. Denn vielen Unternehmen gilt Agile als Synonym für ASAP (as soon as possible). Mit Folgen: Das mittlere Management trägt plötzlich Sneaker, verordnet Design Thinking für alle und tritt bei der Produktentwicklung kräftig aufs Gas. Viel zu oft steht am Ende dann schlechtes Design à la Malen nach Zahlen.

Vielen Unternehmen gilt Agile als Synonym für ASAP

Diese Entwicklung hat vor allem in jüngster Vergangenheit an Dynamik gewonnen und schlägt mehr denn je auf die Arbeit von Designern durch.

Sicher ist, dass Agile in der Software-Entwicklung zu besseren Prozessen und Werkzeugen geführt hat. Doch die beste Zeile Code – und sei sie noch so schön geschrieben – nützt wenig, wenn sie die falsche Frage beantwortet.

Gerade weil Software heute ein untrennbarer Bestandteil vieler Produkte und Services ist, müssen Designer mehr denn je verstehen, was Agile ausmacht. Nur dann werden sie den Wert, den gutes Design liefert, einbringen können. Meiner Erfahrung nach lassen sich durch gutes Design in der Entwicklung 30 bis 50 Prozent der Kosten sparen.

Erst der Mensch, dann der Code

Das Hauptargument dafür, auch in agilen Entwicklungsprozessen das bestmögliche Design anzustreben, sind die Herzen der User. Sie müssen höher schlagen, wenn jemand ein neues Produkt in die Hand nimmt oder einen Service zum ersten Mal nutzt. Das geht nur, wenn man die Probleme durchdrungen hat, die dem Anwender unter den Nägeln brennen, also eine Antwort auf die richtige Frage liefert.

Das kann in iterativen, rasch getakteten Prozessen abgebildet werden. Die Designdisziplin selbst hat Methoden entwickelt, um digitale Produkte schneller auf die Straße zu bringen. Dazu zählen Systeme wie Google Material Design. Auch Airbnbs Design-System lohnt einen Blick.

Designer und Auftraggeber in der Pflicht

Um mit neuen Produkten und Services nicht regelmäßig in der Mittelmäßigkeit zu landen, müssen Entwickler und Designer das Big Picture teilen und eine gemeinsame Sprache sprechen. Sowohl Unternehmen bzw. Auftraggeber als auch Designer sind hier in der Pflicht. Wir als Designer sollten uns künftig noch intensiver mit Software befassen, ein Verständnis für die Rolle von Daten entwickeln und wachsam für neue Entwicklungsmethoden bleiben. Dafür müssen wir die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen suchen – Entwicklern, Data Scientists, den Experten aus den Geschäftsbereichen.

Auch ein erfahrener Design Thinker ist noch lange kein Design-Praktiker

Unternehmen müssen diese Zusammenarbeit in multidisziplinären Teams unterstützen und nicht bloß eine Design-Thinking, sondern eine Design Culture unterstützen. Gleichzeitig sollten sie Designern den Raum und die Autorität für ihr Handwerk überlassen. Auch ein erfahrener Design Thinker ist noch lange kein Design-Praktiker und gut beraten, sich auf deren Expertise zu verlassen.

Diese Verantwortung müssen wir Designer auch übernehmen. Der Anspruch ans Design-Handwerk wandelt sich – und Neugier ist oberste Designer-Pflicht. Dazu zählt heute zweifellos die Beschäftigung mit Agile Development und Software-Entwicklung.


Der Autor

John Grøtting ist Group Design Director bei der Design- und Innovationsberatung Fjord in Berlin, die zu Accenture Interactive gehört.

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