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PAGE Digital 7.2018
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Future of Design: Wie realistisch ist ein Ehrenkodex für Designer?

Jochen Rädeker meint, Design wird in den 2020ern mehr und mehr eine Haltung, die einen Ehrenkodex für Designer nötig macht. Designphilosophin Mara Recklies sieht das viel bodenständiger: Design ist ein Werkzeug, das im Interesse anderer ge- und missbraucht wird. Ein Eid wäre so radikal, dass sie einen Großteil der Auftraggeber eliminieren würde.

Designphilosophische Debatte

Wie wird sich der Designberuf in den 2020ern entwickeln? Wie verändern sich die Arbeitsbedingungen in Zeiten von Automatisierung und künstlicher Intelligenz? Wie verdienen wir in Zukunft unseren Lebensunterhalt? In unserer Serie »Future of Design«, die vollständig in der PAGE 03.2020 erschienen ist, hat Jochen Rädeker acht Thesen zur Zukunft des Designs formuliert. Damit daraus eine richtige Diskussion wird, haben wir namhafte Experten wie Stefan Sagmeister, Designphilosophin Mara Recklies oder Victoria Ringleb eingeladen, auf die bewusst zugespitzten Thesen von Jochen Rädeker zu antworten. Eine Übersicht über die bisherigen Thesen und Konter finden Sie in unserem Artikel »The Future of Design: Thesen von Jochen Rädeker«.

Aber auch Sie sind gefragt – diskutieren Sie mit und sagen Sie uns Ihre Meinung – ganz unkompliziert über die Kommentarfunktion am Ende des Artikels. Wir freuen uns auf eine lebhafte Debatte!

THESE 8: Mit Design die Welt verändern

Designer werden mit wachsenden Aufgabenbereichen und fortschreitender Digitalisierung Prozesse an den wesentlichen Schnittstellen des moder­nen Lebens gestalten – und das extrem schlagkräftig. Design wird dabei mehr und mehr zu angewandter Tiefenpsychologie: hochwirksam im Unterbewuss­ten und schwer zu dechiffrieren.

Wir verhelfen Marken zu einer Philosophie und Philosophien zu ihrer Verbreitung, wir definieren Trends und Gegentrends. Wir gestalten intuitive Interfaces für Waffen- wie für medizinische OP-Systeme. Wir verändern das Denken, Handeln und Fühlen der Gesellschaft. Design reduziert sich nicht mehr auf Ästhetik, Form und Funktion: Es dringt aus kulturellen und wirtschaftlichen in gesellschaftliche und ethische Dimensionen vor. Kurz: Design wird die Welt verändern.

Ob es das im Guten oder im Schlechten tut, liegt an unseren Werten und Visionen. Bedenken wir: Die Nazis verpackten ihre Horrorideologie bereits vor 90 Jahren in leider höchst wirkungsvolles Design. Eine der wichtigen Aufgaben der 2020er wird es sein, Kreativität und effiziente Designmethoden sinnvoll einzusetzen – und ihren Missbrauch zu verhindern.

Design wird weniger durch technische Skills geprägt – dafür wird der Umgang mit der zunehmen­den Verantwortung wichtiger. Design ist kein Beruf, sondern eine Haltung. Je eher professionelle Tools allgemein zugänglich und bedienbar sein werden, desto eher wird ein Ehrenkodex, eine Art hippokrati­scher Eid für Designer nötig werden. Was wir mehr denn je brauchen: Achtsamkeit, Leidenschaft und Einfüh­lungsvermögen. Wir können den Menschen das Leben leichter – oder es uns allen zur Hölle machen.

KONTER: Design ist kein autonomer Akteur

Design ist wirksam, manifestiert Werte und deshalb tragen Designerinnen und Designer Verantwor­tung. Dem stim­me ich grundlegend zu. Bezüglich anderer Aussagen möchte ich mal höflich nachfragen: Warum ist Design kein Beruf, sondern eine Haltung? Und inwiefern verhelfen Designerinnen Marken zu Philosophien? Philosophien sind ja, per definitionem, der Liebe zur Wahrheit beziehungsweise Weisheit verpflichtet. Ist das bei Firmenphilosophien auch der Fall?

Und nehmen wir einmal den Ausführungen der These entsprechend an, dass Designerinnen mehr sein wollen als bloß Erfüllungsgehilfen von Konzerninteressen, die Auftraggebern zu wirtschaftli­chem Wachs­tum verhelfen. Nehmen wir an, ihr Fokus läge auf einer Weltveränderung zum Wohle aller. Und sie würden das mit einem Eid beschwören, wie ihn das Oslo Manifesto oder der Ökologische Eid für Designer bereits versucht haben zu formulieren. Was hätte das für berufliche Konsequenzen?

Ist die Lösung wirklich mehr »Achtsamkeit, Leiden­schaft und Einfühlungsvermögen« für klimaschädliche Automobilkonzerne, die uns betrügen, für das Design von windigen Finanzprodukten oder für die Hersteller von Sportartikeln, die unter menschenunwürdigen Verhältnissen im globalen Süden fertigen lassen? Wie verantwortungsbewusst ist es, die Strukturen und Interessen auszublenden, die Design instrumentalisieren? Design ist kein autonomer Akteur, der im Alleingang die Welt verändert. Es ist ein Werkzeug, das im Interesse anderer ge- und missbraucht wird. Ein Eid, der Designerinnen verpflichtet, dem ein Ende zu bereiten, wäre die denkbar größte Designrevolution. Sie wäre so radikal, dass sie einen Großteil der Auftraggeber eliminieren würde. Ich bezweifle, dass das realisierbar ist, auch wenn so ein Eid gut klingt.

Apropos gut klingen: Man könnte natürlich trotz­dem einen Eid formulieren und für Marketingzwecke nutzen. Allerdings hätte er dann ungefähr so viel mit Verantwortung zu tun, wie Firmenphilosophien mit Wahrheit. Um das zu verhindern, biete ich gern meine Hilfe an. Ich bin zwar keine Designerin, aber mit Philosophie kenne ich mich ein bisschen aus.

Mara Recklies ist Design­philosophin mit den Themenschwerpunkten Kritik und zeitgenössische Kultur. Derzeit promoviert sie zum Thema Designkritik an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Wir sprachen mit ihr über die Verantwortung von Designern angesichts des Klimawandels und darüber, welche Gültigkeit der Ansatz des Human-Centered Designs heute noch hat: »Die Kriterien für gutes Design werden sich in Zukunft radikal verändern müssen«

Was halten Sie von dieser These? Ihre Meinung ist gefragt!

Sie können sich ganz leicht an der Diskussion beteiligen: Nutzen Sie dafür einfach die Kommentarfunktion unter dem Artikel. Und bleiben Sie dran: Jede Woche veröffentlichen wir eine neue These von Jochen Rädeker samt Konter.

Sind Sie neugierig geworden? Alle acht Thesen von Jochen Rädeker und die gesammelte Experten-Diskussion finden Sie in der PAGE 3.20, die Sie downloaden oder als Printexemplar bestellen können.

PAGE 03.2020

Debatte: The Future of Design ++ Visual Trend: Cultural Cross-over ++ Für Kunden im Nahen Osten arbeiten ++ Top-Schriften für UI Design und Coding ++ Kundenbindung durch Erlebnisse: Innovationsprojekt für adidas ++ CD/CI: Vom PDF-Bericht zum kompletten Branding ++ EXTRA: Top 50: PAGE Ranking 2020

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Toll geschrieben! Vielen lieben Dank!

  2. Wenn davon geredet wird, das Pflegetätigkeit nicht geschätzt wird, wen meinen wir damit? Die gepflegten Personen oder den Arbeitgeber? Ist Respekt käuflich?

    Ob Honorarkannibalismus nicht ein Teil der Marktwirtschaft ist? Oder bezahlen Sie sich gern gleich einen Liter Parfüm, anstatt den Geruch an sich zu testen? Der Markt wird über den Preis und die Qualität geregelt. Hohe Hürden erschaffen Eliten und mähen alles Neue, was für jedes Leben eines Prozesses wichtig ist.

    Der hippokratische Eid hat auch einen Doktor Mengele nicht davon abgehalten sein menschenverachtendes Unwerk zu tun. Vielleicht ist die Lösung im Menschen selbst zu suchen?

    “Die Nazis verpackten ihre Horrorideologie bereits vor 90 Jahren in leider höchst wirkungsvolles Design.” Finde ich nicht. Und warum “leider”? Denn Sie haben ja verloren. Also war ihr Design, ihre Firmenphilosophie nicht Wirkungsreich genug. Design bedeutet immer noch gestalten. Gottspielen mag der Mensch! Gottsein befreit vor Verantwortung.

    Blutet der Mensch denn nicht? Und was soll toll daran sein, Schutzbedürftige zu ermorden? Wobei wir erneut beim “Menschen” wären.

  3. Der Ruf nach einem Ehren- bzw. ganz allgemein Berufscodex ist alles andere als neu und wird sicherlich von den unterschiedlichen Designdisziplinen entsprechend unterschiedlich betrachtet.
    Der Verband Deutscher Industrie Designer e.V. (www.vdid.de) hat einen solchen bereits 2012 erarbeitet und auf seiner Website veröffentlicht (https://www.vdid.de/positionen/berufscodex.php).
    Dieser sei hier einfach mal als Anregung zu verstehen.

  4. Es kommt doch letztlich darauf an, was der Ehrenkodex beinhaltet und was nicht.
    Was die gesamte Kreativbranche nach wie vor dringend braucht, ist der ausnahmslose Verzicht auf die Teilnahme an unbezahlte Pitches, wenn schon nicht auf alle Arten von Pitches, die zu einer weiteren Honorarkanibalisierung führen. Ich weiß, das ist geradezu utopisch. Aber sag niemals nie! Und wenn ein Ehrenkodex den Weg dafür bereitet, hätte ich nichts dagegen.

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