Nils Hartmann, Chief Creative Officer und Managing Partner bei Parasol Island, spricht in einem Gastbeitrag über (hässliche) KI-Flyer und diskutiert, was der Erfolg solcher Flyer über die Kreativbranche verrät.
Nils Hartmann, Chief Creative Officer und Managing Partner bei Parasol Island
Ich mag KI‑Flyer. Da hab ich’s gesagt. Nicht wegen der unleserlichen Schrift, oder der sechs Finger, oder der Rahmen, die so aussehen, als wären sie nie wirklich Rahmen gewesen. Sondern weil mich beschäftigt, warum Friseur:innen, Imbissbetreiber:innen und Yogalehrer:innen sie mit offensichtlicher Zufriedenheit veröffentlichen, während meine LinkedIn-Timeline vor Empörung überläuft.
Das ist keine Randnotiz der KI-Debatte, sondern ziemlich aufschlussreich. Denn der KI-Flyer ist kein Designproblem. Er zeigt, wie wenig zugänglich professionelle Kommunikation für viele noch immer ist.
Mir geht es dabei nicht um die grundsätzliche Frage, ob KI gut oder schlecht ist, um ihren CO₂-Fußabdruck oder um die Unterstützung US-amerikanischer Tech-Konzerne. Mich interessiert, was der Erfolg solcher Flyer über unsere eigene Branche verrät.
Im Alltag zählt, was funktioniert
Die Kritik an KI-generierten Flyern und Bildern folgt meist den Maßstäben der Kreativbranche. Ist die Typografie sauber? Passen Bildsprache und Botschaft zusammen? Gibt es eine gestalterische Idee, vielleicht sogar eine Markenstrategie? Das sind berechtigte Fragen. Nur sind es nicht zwangsläufig die Fragen, die sich die Inhaber eines kleinen Handwerksbetriebs, der Wurst-Case-Szenario-Imbiss oder die Organisatoren eines Vereinsfests stellen.
Dort geht es darum, Menschen aus der Umgebung zu erreichen und auf das eigene Angebot aufmerksam zu machen. Der Flyer richtet sich an Nachbar:innen und Stammkund:innen, nicht an eine Jury aus Creative Directors. Wenn er bei diesem Publikum funktioniert, besitzt die professionelle Kritik an seiner Qualität nur begrenzte Aussagekraft.
Kommunikation muss sich an ihrer Aufgabe messen lassen, nicht nur an Branchenstandards. Das heißt nicht, dass gestalterische Qualität unwichtig wäre. Ein ästhetisch fragwürdiger Flyer, der verstanden wird und Menschen erreicht, kann für seinen Absender wertvoller sein als ein überzeugendes Konzept, das sich ohnehin nicht umsetzen lässt.
Genau darin liegt die für uns als Kreativbranche unbequeme Seite der Entwicklung. Wir diskutieren darüber, was generative KI kann und wo ihre Grenzen liegen. Kleine Unternehmen nutzen sie längst für das, was sie brauchen. Sie entscheiden sich für ein Ergebnis, das schnell verfügbar ist und sich eigenständig erstellen lässt.
Professionelles Design beginnt oft mit einer hohen Schwelle
Ich führe eine Agentur und kenne den Ablauf von innen: Erstgespräch, Briefing, Positionierungsfragen, Angebot, Korrekturrunden. Das ist sinnvoll, weil gute Gestaltung Zeit braucht. Problematisch wird es, wenn dieser Prozess für kleine Betriebe weniger wie Hilfe wirkt als wie ein Türsteher, der sie gar nicht erst hineinlässt.
KI verlangt all diese Schritte nicht. Sie akzeptiert eine ungenaue Beschreibung und einen persönlichen Geschmack, den eine Designerin zunächst hinterfragen würde. Sie weist nicht darauf hin, dass vor dem Flyer eigentlich ein Markenworkshop stattfinden müsste. Sie produziert etwas Sichtbares und überlässt Nutzer:innen die Entscheidung. Das Ergebnis kann schlecht sein. Der Zugang ist trotzdem einfach.
Was hat professionelles Design so kompliziert erscheinen lassen, dass der selbst gebaute KI-Flyer niedrigschwelliger wirkt als eine Anfrage an eine:n Gestalter:in? Bleibt der Nutzen professioneller Gestaltung unklar oder fehlt dafür das Budget, ist der KI-Flyer keine bewusste Entscheidung gegen gutes Design, sondern schlicht die verfügbare Lösung.
Hinzu kommt die wirtschaftliche Realität. Kleine gastronomische Betriebe, Friseursalons oder Kursanbieter müssen Miete, Löhne und laufende Kosten tragen. Für externe Kommunikation bleibt häufig kein nennenswertes Budget. Die Alternative zum KI-Flyer ist deshalb selten eine angemessen bezahlte Designagentur mit ausreichend Zeit für Konzeption und Umsetzung. Oft ist die Alternative gar keine visuelle Kommunikation. Und für die meisten Anwender:innen wären wir ohnehin nie relevant gewesen.
Selbst gemacht ist mehr als eine Sparmaßnahme
Generative KI ist auch deshalb attraktiv für Selbstständige und kleine Unternehmen, weil sie ihren Nutzer:innen Kontrolle gibt. Sie können eine vage Idee selbst in etwas Greifbares verwandeln und ihren eigenen Geschmack darin wiederfinden, selbst wenn er professionellen Vorstellungen widerspricht. Das erzeugt Stolz und motiviert dazu, weiterzumachen. Ein Betrieb, der ohne fremde Hilfe einen Flyer erstellt hat, produziert wahrscheinlich auch den nächsten. So wird Kommunikation regelmäßiger und selbstverständlicher.
Für Designer:innen entsteht daraus ein Spannungsfeld. Gestalterische Mängel klar zu benennen, ist berechtigt. Herablassung gegenüber kleinen Betrieben vermittelt dagegen den Eindruck, Design sei ein exklusives System, in dem Laien vor allem erfahren, was sie falsch machen.
Es gibt schöne Alternativen – wir zeigen sie nur zu selten
Die Debatte stellt meist eine falsche Wahl vor: KI-Flyer hier, professionelle Agentur dort. Dabei gibt es einen dritten Weg, den die Branche zu selten aktiv anbietet.
Eine gut beschriftete Kreidetafel vor dem Eingang. Ein Buchstabentafelsystem, das wenig kostet und trotzdem Haltung hat. Modulare Vorlagen, bei denen Schrift, Farbe und Abstände einmal sorgfältig festgelegt wurden und die sich danach ohne Vorkenntnisse bedienen lassen. Das wäre kein Kompromiss zwischen Qualität und Zugänglichkeit. Das wäre beides.
Solche Lösungen existieren. Die Branche entwickelt und zeigt sie zu selten, weil daran weniger zu verdienen ist als an umfassenden Markenprozessen. Dabei wäre das genau der Beitrag, der mehr Menschen mit guter Gestaltung in Kontakt bringt.
Unsere Branche muss ihren Wert verständlich machen
Künstliche Intelligenz ersetzt weder die Erfahrung noch das Urteilsvermögen von Kreativen, verändert aber die Bedingungen, unter denen diese Qualitäten gefragt sind. Bilder und Layouts lassen sich inzwischen ohne Kenntnis gestalterischer Regeln erzeugen. Damit verliert die Branche einen Teil ihrer bisherigen Gatekeeper-Rolle.
Produktiver als über fehlerhafte oder unästhetische KI-Flyer auf LinkedIn herzuziehen, wäre es, den professionellen Beitrag genauer zu bestimmen. Denn sichtbar schönere Ergebnisse allein reichen nicht. Gute Gestaltung übersetzt eine Botschaft so, dass sie bei der richtigen Zielgruppe ankommt. Dieser Nutzen muss sichtbar sein, auch außerhalb der eigenen Kreise.
KI-Flyer führen der Kreativbranche vor Augen, dass gestalterische Qualität und praktischer Nutzen nicht immer denselben Maßstäben folgen. Wer ausschließlich auf ästhetische Mängel schaut, erkennt zwar die Fehler im Bild, übersieht jedoch die Leistung des Werkzeugs: Es hat eine bestehende Hürde beseitigt.
Vielleicht ist der KI-Flyer deshalb weniger eine Zumutung für das Design als eine Zumutung für sein Selbstverständnis. Er zeigt, dass Zugang, Selbstbestimmung und Umsetzbarkeit für viele zunächst schwerer wiegen als Perfektion. Er stellt die Frage, ob wir wirklich so zugänglich sind, wie wir glauben. Und ob wir die richtigen Lösungen anbieten, oder nur die teuren.