Heimat Sans

Was treibt einen Schrift Designer um, nach einer so eleganten Schrift wie der Novel (von der in der nächsten Zeit die mit Spannung erwartete Sans herauskommt), in diese Richtung zu gehen? Ein Versuch der Annäherung in drei Schritten: 1. Manchmal muss ein Mann tun, was er tun muss. 2. Lagen die Entwürfe für eine Displayschrift

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Was treibt einen Schrift Designer um, nach einer so eleganten Schrift wie der Novel (von der in der nächsten Zeit die mit Spannung erwartete Sans herauskommt), in diese Richtung zu gehen? Ein Versuch der Annäherung in drei Schritten: 1. Manchmal muss ein Mann tun, was er tun muss. 2. Lagen die Entwürfe für eine Displayschrift wohl schon länger in der Schublade. 3. Ist Christoph Dunst nach mehreren Jahren in den Niederlanden wieder in die »alte Heimat« Berlin gezogen.

Nun versteht wahrscheinlich jeder Mensch etwas anderes unter Heimat. In Deutschland ist der Begriff zwar sprachlich zuhause, doch galt er lange als besonders umstritten. Aber er hat ohne Frage wieder Hochkonjunktur. In einer Zeit großer Verunsicherungen gibt die Beziehung auf das lokal Vertraute ein Stück Geborgenheit. Das hat Werbeagenturen in den letzten Jahren bei ihrer eigenen Namengebung inspiriert. Und das Geschäft mit kultigen Devotionalien fürs regionale Umfeld boomt wie nie.
Warum also nicht einen Font so benennen? Zwar ist es markentechnisch mit Sicherheit wichtig: Aber Schriften verkauft man kaum über den Namen. Doch wenn schon »Heimat« – was sollen wir assoziieren? Einen Ort, ein Gefühl? Vertraute Erinnerungen, Gerüche und Farben? Heimat kann Großmutters Butterkuchen-Wohnküche oder der Szeneclub mit den vertrauten Fremden in der Großstadt sein. Der Geruch von schmorendem Motoröl auf Metall beim Schrauber Henning, das Schwätzchen mit den Chicks beim Friseurbesuch – Latte Macchiato inklusive. Heimat kann das alles sein. Und doch wieder nicht. »Home is where my heart is«, sagt der Engländer und meint damit auch, wo er seinen Hut hinhängt. Ein Schuh wird draus, wenn man den Namen umdreht: Sans Heimat!
Heimat ist ganz sicher nicht, wo ich mich unwohl fühle. Es ist ein seltsam deutsches Wort. Ob so auch die Schrift gewollt ist?

Setzen wir bei den Formalien an: Ein wenig seltsam stolziert sie schon, diese neue Sans. Auf den ersten Blick sieht man eine robuste Grotesk. Dann fallen Einem die unorthodoxen Rundungen auf: Spazierstöcke, Eckfahnen, Überlaufrohre …
Kleines q und y haben die gleiche Art von mittig angesetzten Schweifen. Wegen der Seltenheit im Gebrauch ist soviel Freiheit kein Problem. Weil recht dezent ausgeführt, bei den historisierenden Formen von k und w auch nicht; ebenso wenig wie bei dem im Deutschen sehr häufigen e. Erstaunlich ist das a wegen des überdeutlich elliptischen Bauchs.
Die seltsamsten Buchstaben aber sind das etwas beulige Versal-S sowie das überkomplizierte Minuskel-g. Positiv am S ist, dass es nicht der momentanen Quadratur-Mode folgt. Ein wenig unsicher oberhalb der Taille wirkt es trotzdem; je fetter, desto mehr schnürt sich der Oberköper zu. Das g erinnert nach unten hin an die Haken und Ösen aus der Schneiderei. Hier wäre weniger vielleicht mehr gewesen. Aber das geht auch – denn man staune: Deutlich gemäßigte Formen finden sich bei diesem Font im »Alternate character Set«!

Die Ziffern sind vergleichsweise unspektakulär – außer dass sie in der Abfolge eine leichte Links-Neigung zu haben scheinen, die sie den steilen Schrägen der 6 und 9 verdankt. Sonst passen sie gut ins Schriftbild. Die schablonenhaften Akzente mögen logisch sein, sind aber zumindest gewöhnungsbedürftig. Bei den Lettern wird es generell interessant, wo sich Ligaturen bilden. Da zeigt sich die Stärke des Rasters – wie auch die Weitsicht des Gestalters. Denn auf diese Weise lässt sich ein verführerisches Spiel mit Innen- und Außenräumen inszenieren. In Schwarzweiß ist die »Heimat Sans« stark und verbindlich – ob sie auch in Farbe noch wirkt?

Was macht man also mit solch einer Schrift? Die 1920er-Jahre-Anmutung einer streng rasterbasierten Grotesk scheint das Anwendungsfeld einzuengen auf Mode, Architektur, Museen – vielleicht noch hochpreisige Luxusmarken. Wenn da nicht diese extravaganten Spielereien wären, die sie auch als Headline-Schrift im Editorial Design spannend machen dürfte. Dort könnte sie auch in kleinen Graden gesetzt werden, denn sie scheint erstaunlicherweise auch für Mengentexte zu funktionieren.

Heimat bedeutet auch Besinnung auf Traditionen. Das sind in Deutschland nicht zuletzt Ingenieursleistungen und solides Handwerk. Gepaart mit einem Schuss zukunftsweisenden, aber unbedingt logisch agierenden Gestaltungswillen. Heimat pur: Alles in allem ist die mit 732 Zeichen umfangreich ausgebaute Schriftfamilie ob ihrer Alternativen und zahlreichen OpenType-Features qualitativ hochwertiger, als sich auf den ersten Blick vermuten lässt. Die Frage danach, wessen Heimatverbundenheit sie ausdrückt, kann sicher jeder Anwender individuell beantworten. In mind. 52 Sprachen hat man ab jetzt die Chance dazu.

Büro Dunst

Heimat Sans


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