Schrift bringt’s! Aber wie?

10 handfeste Tipps für die Beurteilung & Auswahl der richtigen Schrift gibt’s in PAGE 08.2018



Editorial: Typonomie

Als die sparsamsten Buchstaben der Welt bezeichnete Gerard Unger seine hochpreisige, weltweit auf 100 Lizenzen limitierte Schrift Gulliver in PAGE 01.94. Sie wirkte größer und schmaler als sie war, und aufgrund ihrer großen Punzen konnte man sie in sehr kleinen Graden setzen. Zudem ließ sich die Gulliver verschmälern und verbreitern, ohne dass Schriftbild und Lesbarkeit darunter litten. Eine mittelgroße holländische Universität, die damals im Jahr 40 Millionen DIN-A4-Seiten druckte, könne mit ihr 25 000 Kilo Papier sparen und mit einer intelligenten Typografie ihre Publikationen sogar auf die Hälfte reduzieren, rechnete Unger vor. Und der »USA Today« hat die Type dann beim Redesign im Jahr 2000 tatsächlich zig Millionen Dollar Papierkosten eingespart, denn sie erlaubte es, das Format des Blattes – bei gleicher Textmenge – um beinahe eine Spaltenbreite schmaler zu machen.

Auch wenn ich mit den Zahlen im Folgenden Äpfel mit Birnen vergleiche – schon allein deshalb, weil sie aus verschiedenen Publishingepochen stammen – so zeigen sie doch, warum sich die Frage nach der richti gen Schrift stets anders und von Neuem stellt: 2014 zum Beispiel, da sorgte der Schüler Suvir Mirchandani noch für Aufsehen mit seiner Rechnung, dass die US-Regierung, wenn sie im Schriftverkehr auf die Garamond umsteigen würde, eine Tintenersparnis in Höhe von 136 Millionen Dollar erzielen könnte. Manch ein Typedesigner machte sich dagegen bloß zum Gespött mit seinen ach so umweltverträglichen Printerfonts – denken wir nur an die löchrige Eco Sans. Bei ihr übersah man nämlich ganz, dass die zusätzlichen Aussparungen bei normaler Leseschriftgröße ohnehin zulaufen, sie aber gleichzeitig die Zahl der Stützpunkte in der Vektorbeschreibung in die Höhe treiben. Und das erfordert Rechenpower, sprich Energie!

Bereits heute entfallen 10 Prozent des globalen Stromverbrauchs auf Kommunikations- und Informationstechnologien; 2030 könnten es sogar schon 30 Prozent sein; und wenn das Internet ein Land wäre, stünde sein Bedarf weltweit derzeit an dritter Stelle hinter China und den USA (»Die ZEIT«, Nr. 6/2018). Da mag es nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein, wenn uns immer bessere Displays zum Einsatz zunehmend detailreicherer, mehr Energie fressender Webfonts verleiten. Doch was, wenn wir diese Schriften dann auch noch in Bitcoin bezahlen, was 10 000-mal mehr Energie als eine Buchung per Kreditkarte benötigt, und die Blockchain fürs Digital Rights Management nutzen? Definiert sich nicht spätestens dann die Beurteilung einer Schrift auch rein energetisch neu? – Handfeste Tipps für die Antwort auf die Frage »Do you really want to use this typeface?«, gibt’s in PAGE 08.2018.

 


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