PAGE online

Making-of: Die Metaversity im Siemens-Intranet

Für Siemens-Mitarbei­tende entwickelte Curious Company die interaktive 3D-City »Everyday«, wo man in kleinen Storys alles über Ziele und Tätigkeiten des Tech-Konzerns erfährt. Wir zeigen, wie immersives Storytelling und Gamification – klug eingesetzt – die Corporate Culture fördern.

Siemens 3D-City »Everyday« von Curious Company

PROJEKT Entwicklung des 3D-Games »Everyday« als interaktives Asset für den Siemens Sharepoint
KUNDE Siemens
AGENTUR Curious Company, Hamburg
TECHNIK WebGL, Three.js, Blender, Photoshop, Illustrator, Figma, Next.js, Strapi CMS, Tailwind CSS, howler.js, MobX
ZEITRAUM April bis September 2023

Siemens stellt schon lange keine »weiße Ware« mehr her, dafür aber unter anderem Züge, Flug­zeug­triebwerke, Ladeinfrastruktur für E-Autos, virtuelle Fabriken oder Software. Mehr als 300 000 Mitarbeitende sorgen bei Siemens jeden Tag dafür, dass sich die Menschheit auf diesem Planeten bewegt.

»Die Elektrizität im Dienste des Lebens«

, wie es der Begründer der modernen Elektrotechnik Werner von Siemens bereits 1880 in einem Essay beschrieb, ist heute realer denn je.

Siemens transformiert die Welt

Allerdings lautet der Claim des internationalen Konzerns aktuell »Transforming the everyday. Seit 1847«, denn mit seinen innovativen Lösungen und Produkten ist Siemens im 21. Jahrhundert zu einem der stärksten Motoren der digitalen Transforma­tion weltweit geworden.

Doch weil Verbraucher beim Na­men Siemens zuerst an Waschmaschinen denken, weiß kaum jemand davon. Und weil der Mischkonzern so vielfältig unterwegs ist, wissen auch die Mit­arbeitenden nicht immer genau, was ihre Kol­le­g:in­nen auf der anderen Seite der Erde gerade machen.

Siemens 3D-City »Everyday« von Curious Company

Business, Technik, Storytelling

»Siemens ist ein richtig cooles Unternehmen, beispielsweise Weltmarktführer für Steuerungssoftware oder Inno­vator im Bereich nachhaltiger Energieversorgung. Mit KI- oder VR-Anwendungen baut Siemens selbst das industrielle Metaverse.

Aber viele dieser Ingenieur­s­themen sind wahnsinnig abstrakt und nicht so leicht transportierbar. Das wollte das Employee-Communications-Team bei Siemens mit einer Intranet­an­wen­dung ändern«, sagt Henning Westerwelle, Grün­der und Creative Strategist bei Curious Company in Hamburg.

 

Die Agentur gründete er schon 2016 mit Blick auf eine Zukunft, die bereit ist für jede Menge unterhalt­same, lehrreiche und liebevolle AR-, VR- und XR-Anwendungen. Mit einer zehnköpfigen Crew entwickelt das Studio auf Basis eines starken strategischen Fundaments, aktuellen Technologien und Storytelling immersive Experiences, um das Publikum mitzurei­ßen. »Wenn Technologie deine Idee ist, hast du noch keine Idee. Für immersive Geschichten im Unterneh­menskontext stellen wir uns zu Beginn einige grundlegende Fragen: Was wollen wir erzählen? Mit welchem Ziel? Was wollen wir erreichen? Außerdem geht es darum, ein möglichst nachhaltiges System aufzu­setzen, das man weiter nutzen und entwickeln kann. So schont man auch das Budget des Kunden«, erklärt Westerwelle seinen Ansatz.

Erster Aufschlag: Infinity-Loop

Der Kontakt zu Siemens kam bereits während eines internen Innovationswettbewerbs im Herbst 2022 zustande. Unter dem Motto »meta tangere« sollten rund zehn Agenturen ein Siemens-Meta­verse erarbeiten. Curious Company entwickelte in ei­nem zwei­tägigen Hackathon die Ideen einer virtuel­len Show­case-Stadt und gewann prompt!
»Wir hatten Glück mit unserem Konzept vom persistent place for all things. Das neue Signet war noch nicht bekannt, und wir kamen bei dem Thema zufäl­lig auf die Idee, den Ort als beständigen Kreislauf in Form eines Unendlichzeichens aufzugreifen«, berichtet Julia Wübbe, Geschäftsführerin und Executive Producer bei Curious Company. Ihre langjähri­ge Erfahrung als Producerin setzt sie seit rund drei Jahren für die Agentur ein, um Kunden zu beraten und um Geschäftsmodelle zu analysieren, zu designen und als Projektleiterin zu begleiten.

Siemens 3D-City »Everyday« von Curious Company
In ersten Wireframes entstand die User Experience der Anwendung. Interagieren User:innen mit Stadtbewohner:innen und lösen deren Probleme mithilfe von Siemens-Technologien, erhalten sie Auszeichnungen und werden am Ende zu Gamechangern

Siemens 3D-City »Everyday« von Curious Company

Siemens 3D-City »Everyday« von Curious Company
Abstraktes wird greifbar: Indem man Siemens-Sensoren in die digitalen Zwillinge von Zügen einbaut, hilft man beispielsweise Julia dabei, pünktlich zu ihrem Termin zu gelangen

Pitch mit KI und Storytelling

Die Idee einer exemplarischen Siemens-Stadt, ei­nes kleinen Utopia im Metaverse zum Entdecken und Er­leben, war geboren. Aber zunächst passierte nichts damit. Erst im April 2023 meldete sich das Employ­ee-Communications-Team von Siemens mit einer Pitch-Einladung für ein interaktives Web-Asset zurück. »Wir waren so etwas wie die Wildcard bei dem Pitch und mussten uns gegen Bestandsagenturen durch­setzen«, erklärt Julia Wübbe.

Wie genau das Asset aussehen sollte, war nicht klar, nur dass es die Siemens-Belegschaft moti­vie­ren soll­­te, sich mit den Tätigkeitsfeldern und Un­ter­neh­mens­zielen zu befassen. Mithilfe von Midjourney entstanden in einem kurzen Kreativsprint bei Cu­rious Company die Moods für drei verschiedene Designrouten und ein kleines Game-Konzept, das für Engagement der Mitarbeitenden sorgen sollte.

»Wir wollten erzählen, wie Siemens-Technologie den Alltag der Menschen wirklich verändert und verbessert, und die schwer verständlichen Fachgebiete von Siemens durch kleine persönliche Storys greifbar machen«, sagt André Hennen, seit rund ei­nem halben Jahr Creative Lead for Immersive Business & Stories für Mixed Reality bei Curious Compa­ny. Für den Kommunikationsexperten bedeutet immersi­ves Storytelling in erster Linie, dass Geschichten emotional, wirtschaftlich und technologisch überzeugen müssen, damit sie ein langes Leben haben (siehe hier.). »Siemens hat uns darin bestärkt, etwas Inno­vatives zu gestalten. ›Wir trauen uns etwas, wir sind mutiger, als ihr denkt‹, gab uns das Team bei einem ersten Schulterblick mit auf den Weg«, erinnert sich Henning Westerwelle.

Siemens 3D-City »Everyday« von Curious Company
Durchdachte Gamification: Ein Achievement-System mit zwölf Auszeichnungen und drei Leveln belohnt eifrige Gamer. Für jeden Mitarbeitenden, der alle Level meistert, spendet Siemens an eine NGO
Siemens 3D-City »Everyday« von Curious Company
Eine Aufgabe besteht darin, die Tourismuskampagne von Everyday auf Plakaten in der ganzen Stadt zu enthüllen und so die Unternehmensziele kennenzulernen

»Everyday«: Eine 3D-Microcity im Metaverse

Und so entschied sich Curious Compa­ny für ein 3D-Asset und für einen starken Gamification-Ansatz: In der Stadt Everyday interagieren die Siemens-Mit­arbeiter:innen über einen Chatbot mit ver­schie­de­nen Protagonisten, unterstützen in kleinen Mis­sio­nen, deren alltägliche Proble­me zu lösen, und er­fah­ren damit fast nebenbei, was das Technologie­unter­neh­men umtreibt. Weil man nicht sämtliche Siemens-Technologien als einen Charac­ter darstellen konnte, dachte sich das Team den Siemens-Chat­bot aus. Eine sympathische, manchmal freche KI, die Zugriff auf das gesamte Know-how im Siemens-Kos­mos hat. »Die Botschaft: Siemens hilft de­nen, die den Menschen helfen – zum Beispiel durch 3D-Druck­­ver­fahren für Prothesen, mit intelligen­ter Fa­briksteue­rung oder durch die Herstellung von Wasserstoff­zügen«, fasst André Hennen die komple­xen Ab­­läufe aus zig von seinem Team studierten Sie­mens-White­papers zusammen.

Insgesamt zwölf Abzeichen kann man in der rund zehnminütigen Anwendung sammeln, indem man sieben kleine Quests löst, Münzen findet oder sämt­liche Plakate enthüllt, die in Everyday verteilt sind. »Wir haben die Unternehmensziele und Kernbotschaften in eine Posterkampagne mit prägnan­ten Sätzen verpackt. Man bekommt aber auch ein Badge, wenn man Feedback auf die Anwendung und eine Sternebewertung abgibt«, beschreibt Julia Wüb­be die wichtigsten Mechaniken.

Siemens 3D-City »Everyday« von Curious Company
Das Team von Curious Company – hier im Videocall – trifft sich immer montags im neuen Co-Working-Space Jacs im Herzen von Winterhude persönlich

Umsetzung für Hand und Ohr

Damit wirklich alle Siemens-Angestellten Everyday im Bro­w­ser zuverlässig nutzen können und so lan­ge wie mög­lich in der 3D-Stadt verweilen, entschied sich Curious Company für eine in Three.js geschriebene WebGL-Anwendung. Eine nachhaltige, zugäng­liche und zuverlässige Lösung, wie Julia Wübbe betont: »Wir hat­ten Hosting- und Maintenance-Kos­ten im Blick – für so ein Asset braucht man kein teures Pixelstreaming. Damit möglichst viele Menschen sich längere Zeit damit beschäftigen, sind für einen großen, internationalen Konzern beispielsweise Lokalisierung und Übersetzung oder fein abgestimmte Interaktionen und fachlich korrekte Inhalte on brand wichtiger als Hochglanzoptik.«

Darüber hinaus gönnte sich Siemens in Sachen Sounddesign eine der besten deutschen Agenturen für Au­dio­branding. »Zu einem perfekten immer­si­ven Erlebnis gehört ein professioneller, emotio­na­ler Sound. Dafür vertrauen wir voll auf das Können von German Wahnsinn aus Hamburg. Die Musik und die Soundeffekte für Everyday sollten einer großen Tech-Company an­gemessen sein – German Wahnsinn hat hier genau den Ton getroffen«, sagt Henning Westerwelle.

Bestnote fürs Employee-Communications-Team

Als Everyday dann Ende September 2023 launchte, bestand die 3D-City sowohl in Sachen Robustheit als auch beim Engagement mit Bestnote. Alle Mit­arbeiterinnen und Mitarbeiter können gleichzeitig auf die Anwendung zugreifen, ohne dass sie crasht, und einige der Mitarbeitenden waren derart begeistert, dass sie durchschnittlich vier Sterne vergaben und über den Feedbackkanal ihre eigenen kleinen Geschichten bei­steu­erten. Und wegen der großen Nachfrage aus sämtli­chen Unterneh­mens­berei­chen entschied man sich bei Sie­mens, die ursprüngliche Experience für den Browser zusätzlich für große Touchdisplays weiterent­wickeln zu lassen, um sie bei Messen und Events zu zeigen. »Auch inhaltlich bleibt Everyday lebendig: Durch ein eigenes Content-Management-System in­tegrieren wir schnell neue Storys, ändern schnell Texte oder fügen Sprachen hinzu«, erklärt André Hennen.

Und was sagt der Kunde? »Themen wie Purpose und Nachhaltigkeit werden immer wichtiger. Gleichzeitig gestaltet es sich mit einem zunehmenden Informations-Overload immer schwieriger, zu Einzel­nen in den unterschiedlichen Beschäftigungsfel­dern durchzudringen. Genau hier liegt die große Stärke von Everyday: Durch das interaktive Storytelling können wir Mitarbeitende spielerisch dazu motivieren, sich mit unserer Kernbotschaft und den Unternehmenszielen zu beschäftigen und dabei auch noch Spaß zu haben«, sagt Franz Linner, Employee Communications Specialist bei Siemens.
Eben ganz in der Tradition des Werner von Siemens. Der war Mitte des 19. Jahrhunderts schon ein Pionier auf diesem Gebiet und traf ebenfalls geschickte Maßnahmen, um qualifizierte Angestellte zu mo­ti­vieren und an sich zu binden.

Lena Simonis vor Siemens Waschmaschine

Lena Simonis besitzt einen Siemens-Wäschetrockner von Bosch und hat Sinologie studiert: Xīménzi (西门子) sagt man auf Chinesisch – das klingt fast so wie Siemens und bedeutet: »Tor nach Westen«. Die gelungene Übersetzung erklärt viel des unternehmerischen Erfolgs im Reich der Mitte – Siemens ist dort bereits seit 150 Jahren aktiv und seitdem ein persistent partner everyday

 

 

Siemens 3D-City »Everyday« von Curious Company
Für jede Geschichte in Everyday erstellte Curious Company ein detailliertes Storyboard mit Inter­ak­tionen und Kamera­bewegungen

A Story about Storytelling

Lerne die vier wichtigsten Lektionen für immersives Storytelling von den Kommunika­tions­experten der Curious Company und Mei Goodway, Bürger­meisterin von Everyday

Schon als Christine die erste Zeile dieses Textes las, spürte sie es – hier war etwas seltsam. Sie erwartete einen Fachbeitrag zum Thema »Immersive Storytelling«, stattdessen ging es um sie! Sie wollte auf­hören – keine Zeit für so einen Quatsch! Doch Zeile um Zeile stieg sie tiefer in den Text ein. Irgendwas wartete hier. Oder jemand?
Da erschien ein grünblaues Licht vor ihr, und eine kleine 3D-gerenderte Frau im Anzug sprach: »Hallo! Ich bin Mei Goodway, die Bürgermeisterin von Every­day. Ich mache einen Ausflug, um heute deine Men­torin in dieser Story zu sein! Ich gebe dir die beiden wichtigsten Geschenke: Orientierung und Motivation! Ohne Orientierung wüsstest du nicht, wo du bist, und ohne Motivation nicht, wohin du willst – das wäre schrecklich!

Dein Ziel ist es, das Geheimnis des immersiven Storytellings zu lösen! Durch seine Macht kannst du auch dem trockensten Inhalt etwas Magisches geben: Immersion! Während reine Information nur vor dir steht, umschließt Immersion dich vollständig. Du tauchst in die Geschichte ein – und die Geschichte in dich. Der Lerneffekt ist überwältigend! Bist du bereit?« Christine nickte schüchtern. Und die Bürgermeisterin gab ihr vier Lektionen:

1. Die Realität um die Story

Echte Immersion kann nicht allein innerhalb einer Story oder eines Assets gelingen, sondern nur im gesamten Umfeld einer Marke oder im Fall von Everyday sogar eines global agieren­den Unternehmens. Egal, wo und wann ich Kontakt mit der Marke habe – ich erlebe dieselbe Story. Wir nennen es den Kreislauf aus Business, Story, Tech – alles baut aufeinander auf. Wir planen contentstrate­gisch und konzeptionell von Anfang an, wie sich die Story im gesamten Funnel aller Touchpoints verhält.
Everyday war zwar ein internes Employee-Engagement-Projekt – aber für fast 300 000 Mitarbeitende in unterschiedlichen Bereichen, Ländern und Ebe­nen – vom Vorstand bis zum Azubi in der Kantine. Wie erreicht unsere Story alle – ohne zu unter- oder zu überfordern? Wie kommen alle in die Experience, was passiert, und wie sollen sich die User:innen füh­len? Schon in der Mood-Phase hatten wir Rewards und ein Achievement-System eingeplant – besonders bei längeren oder vielen kleinen Storys bietet Gamification dauerhafte Motivation.

Man braucht außerdem zwingend eine schlaue Aktivierung, keine plumpen Ads oder Flyer, sondern passend zur Story – immersiv. Everyday wurde mit einer internen und später externen Kampagne gelauncht, die exakt im selben Look, passender Tonalität und Messaging die Mitarbeiter:innen emotional erreichte und ihnen, wie ein Mentor, Orientierung und Motivation gab.

»Wenn der Spielercharakter zu viel spricht oder zu viel Emotion zeigt, die der Spieler selbst nicht empfindet, dann wird die Immersion unterbrochen«

Brian Bloom, Headautor von »Call of Duty«

2. Die Art der Story

Die klassische und mit Abstand erfolg­reichs­te Story ist die Held:innenreise – du befindest dich übrigens in einer. Die typischen Be­standteile: 1. Der Ruf des Abenteuers, 2. Die Wei­gerung, 3. Das Treffen des Mentors, 4. Das Über­schrei­ten der Schwelle, 5. Der Weg der Prüfungen – hier sind wir jetzt gerade. Es ist erstaunlich, wie viele Klas­siker in jedem Medium in diese Struktur passen. In Everyday haben wir uns für viele kurze Heldenreisen entschieden, bei denen man jeweils Be­wohne­r:in­nen der Stadt trifft.
Manchmal nimmt der Held oder die Heldin aber zu viel Raum ein. Dann beginnt ein kleiner Kampf zwischen Story und User Experience. Brian Bloom, der Headautor von »Call of Duty«, sagt: »Wenn der Spielercharakter zu viel spricht oder zu viel Emotion zeigt, die der Spieler selbst nicht empfindet, dann wird die Immersion unterbrochen.« Manchmal muss die Story also einsehen, dass die UX den besseren Job macht. Dann nimmt sie sich zurück, setzt anfangs kurz Setting und Motivation und schaut dann der Unterhaltung zu. Auch das ist Immersion.

Der extreme Fall von Storyreduktion ist das En­vironmental Storytelling. Hier muss endgültig niemand mehr sprechen oder lesen, sondern wie der Na­me schon sagt, ist die Gestaltung der Welt so eindeutig, dass sie als Erklärung ausreicht. In dem Game »Uncharted« erkennt man die Kletterpunkte anhand von gelben Farbmarkierungen, und in »Zelda« sieht man am Horizont immer die nächste interessante Location, zu der man gehen könnte. Diese Technik kann man gut beimischen.

Siemens 3D-City »Everyday« von Curious Company
Hi, mein Name ist Mei Goodway, ich bin die Bürger­meisterin von Everyday. Wir haben hier einen praktischen Messenger, in dem wir uns unterhalten und alle auch mit unserer freundlichen Siemens-KI kommu­nizieren können

3. Die Bestandteile einer Story

Egal für welche Art von Story wir uns entscheiden, wir definieren immer dieselben Dinge: Im Plot erklären wir auf nicht mehr als einer halben Seite, worum es generell geht. Die Charaktere (inklusive User:in), Motivation, Timing der Story (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), Set­ting der Story (Stil und Design der Welt) und ihre Integration in den Funnel (siehe Step 1). Diese Definition ist unser Werkzeugkasten.

Im Prozess kommt es dann zwangsläufig zu UX-Optimierungen, Texte werden meist kürzer, bekommen einen besseren Flow oder können dank UI oder Sound ganz weggelassen werden – in diesem schnellen Prozess ist es wichtig, kurz checken zu können, ob alles noch on character und on storyline ist.

Ein gutes Beispiel bin ich selbst, der Mentor Character in Everyday. Ursprünglich sollte der Siemens-CEO meine Rolle übernehmen, aber als die Stadt immer lebendiger wurde, wurde ich geboren: Mei Goodway, die Bürgermeisterin! Übrigens duzen sich alle in Everyday außer mir, weil das zur Siemens-Kultur passt. Für eine Bürgermeisterin ist es aber nicht on character, alle zu duzen.

4. Der Weg von Information über Emotion zur Immersion

Die größten Herausforderungen bei Everyday waren die enorm komplexen Inhalte, die wir emotional verständlich verpacken mussten. Auch Nicht-Gamer:innen sollten die kurzen Held:innenreisen direkt verstehen – sie sollten emotional packen und trotzdem das Fachwissen aus den Abteilungen von Siemens kommunizieren.
Der Ursprung einer Story – was wollen wir erzählen? – ist fast immer trocken und komplex, weil sich schließlich noch niemand um die Emotion gekümmert hat. Unser Ziel war es, so lange Fragen zu stellen, bis wir einen möglichst einfachen emotionalen Zugang bekommen, den alle verstehen.

Wir haben die Expert:innen bei Siemens gefragt: »Erklär es mir, als wäre ich fünf.« Dasselbe haben wir mehrfach auch mit ChatGPT durchgespielt. Irgendwann hatten wir zu jeder gesellschaftlichen Herausforderung und jeder Technologie einen emotionalen Hook. Einen Wunsch, den einfach viele Menschen teilen – wie ein E-Auto, mehr nachhaltige Energie in der Stadt oder pünktliche Züge. Zu diesen Wünschen entwickelten wir Charaktere und Storys, in denen man ihnen jeweils helfen muss, den Wunsch zu realisieren. Zum Teil haben wir auch mit Betroffenen gesprochen – etwa für die Prothesenstory –, um alles besser zu verstehen. Währenddessen lernten wir fast nebenbei die globalen Unternehmensziele von Siemens und die Technologien kennen. Ziel erreicht.

Mei Goodway strahlte jetzt mehr als zuvor und lächelte Christine an. Vor ihrem inneren Auge erschien ein kleines Fenster: »Mission ›Story­teller‹ abgeschlossen! Trophäe freigeschaltet.«

Dieser Beitrag ist zuerst in PAGE 1.2024 erschienen.

PDF-Download: PAGE 01.2024

KI-Geschäftsmodelle für Kreative ++ Scrollytelling für Branding und Infotainment ++ Studie: Designfähigkeit in Unternehmen ++ Making-of: Die Metaversity im Siemens-Intranet ++ Kollaboration in Zeiten von KI ++ ENGLISH SPECIAL Studio Birthplace ++ Mara Recklies über KI in der Designforschung

9,90 €
AGB

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte dich auch interessieren