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Making-of Ideenzug: So wird Bahnfahren neu gedacht!

Wie sieht das Bahnfahren der Zukunft aus? Das Hamburger Designstudio zweigrad durfte zwei Konzepte für den Ideenzug der Deutschen Bahn entwickeln. Wir zeigen, wie sie dabei vorgingen.

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Bahnfahren neu gedacht Dieses CAD-Modell erarbeitete das Designstudio zweigrad bei der Konzeptentwicklung zweier Module für das Modellprojekt IdeenzugRegio – eine Kooperation von DB Regio in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Eisenbahngesellschaft, der Südostbayernbahn, dem Innovationslabor d.lab des DB Personenverkehrs, dem Designstudio Neomind und dem Messebauer Hubl & Hubl | Alle Bilder: zweigrad GmbH & Co. KG

 

PROJEKT Konzeptmodule für den IdeenzugRegio, https://ideenzug.deutschebahn.com/ideenzug
AGENTUR zweigrad, Hamburg, www.zweigrad.de
KUNDE DB Regio, Frankfurt am Main, www.dbregio.de; Evac, Wedel, www.evac-train.com
TOOLS Illustrator, Photoshop, Rhino, SolidWorks, KeyShot, 3DVista, Rhino
ZEITRAUM Dezember 2019 bis Juli 2021

 

Die Bahn ist unumstritten die nachhaltigste Reiseform und als solche gefragt wie nie. Doch dieser Wettbewerbsvorteil ist nicht unumstößlich. Neue Technologien könnten ihr den Status streitig machen – allen voran das autonome Fahren (natürlich mit E-Autos). Denn damit würde ein weiterer wichtiger USP der Bahn entfallen: Dass man während der Fahrt andere Dinge tun kann. Sorgt eine smarte Verkehrsfüh­rung außerdem dafür, dass Autos weniger im Stau stehen und schneller ankommen, muss die Bahn eine Schippe drauflegen, um weiterhin attraktiv zu bleiben. Eine weitere Herausforderung ergibt sich aus dem Trend hin zu Megacitys. Sie stellen vor allem den Nahverkehr vor erhebliche Kapazitätsprobleme.

Überrollt wird die Bahn von diesen Entwicklungen aber nicht: Schon seit 2017 testet sie Konzepte für das Bahnfahren von morgen in den quasi einsatzfähigen 1 : 1-Modellen IdeenzugCity und IdeenzugRegio. Dafür arbeitet der Konzern direkt mit Hersteller- und Zulieferunternehmen zusammen, die als Partner ihr Know-how einbringen und ihre Produkte für den Modellbau sponsern – mit der Hoffnung auf spätere Aufträge. Erste Ideen sind als Pilotprojekte bereits auf den Schienen unterwegs. 2021 sollten neue Modu­le zu den ursprünglichen Modellen hinzukommen.

Durch das Eisenbahntechnikunternehmen Evac, das für die Entwicklung eines neuen Hygienemoduls für den IdeenzugRegio gewonnen wurde, kam das auf UX, UI sowie Industriedesign spezialisierte Hamburger Studio zweigrad mit ins Spiel. Es arbeitet mit Evac bereits seit längerer Zeit zusammen, unter anderem an Toilettentürkonzepten und Touchless-Bedienungen rund um Waschbecken. Im März 2020 kam von DB Regio zusätzlich der Auftrag für ein neues Fahrradmodul dazu.

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Hygienemodul Inklusiv gestaltet

Um die Zugtoilette für möglichst viele Menschen nutzbar zu machen, hat zweigrad ein Konzept entwickelt, das den Publikums­verkehr neu regelt: Zusätzlich zum regulären WC gibt es ein Urinal, und das Waschbecken befindet sich außerhalb der Kabinen. So halten sich Fahrgäste kürzer auf der Toilette auf, und zusätzlich können alle einfach mal so die Hände waschen – gerade in Pandemiezeiten eine willkommene Idee!

Apropos: In der Kabine ist alles touchless bedienbar. Zur Ausstattung gehören ein Wickeltisch, der diagonal in den kleinen Raum hereinragt, um möglichst viel Fläche zu nutzen, sowie eine Halterung, in die man ein Baby hineinsetzen kann, während man selbst auf der Toilette sitzt. Oder hockt: Analog zu einer Lösung für Flugzeugtoiletten, die zweigrad zusammen mit Krüger Aviation umgesetzt hat, verfügt das Modell über eine Sitz-Hock-Toilette. Wer sich aus religiösen oder hygienischen Gründen nicht auf die Brille setzen möchte, findet neben der Toilettenverkleidung Platz für seine oder ihre Füße. Handläufe unterstützen ältere und schwäche­re Fahrgäste. Dazu kommen eine große LED-Leuchtfläche, in den Spiegel integrierte Fahrgastinformationen sowie ein gut sichtbares Signal an den Türen, ob das WC frei oder besetzt ist.

Die gesamte Ausstattung ist sehr hochwertig, da sich herausgestellt hat, dass robuste Edelstahlkonstruktionen nicht nur ungemütlich sind, sondern entgegen ihrer Intention Vandalismus eher provozieren als verhindern. Eine freundliche, helle Gestaltung mit Holzelementen führt dagegen eher dazu, dass die Kabine so hinterlassen wird, wie man sie vorgefunden hat. Wichtig für Zugtechniker:innen: Die beiden Kabinen sind diagonal angeordnet, sodass die Technik für die Türen sowie die Toiletten an einem Ort zusammenläuft und durch eine einzige Zugangsklappe von außen erreichbar ist.

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Edle Ausstattung und platzsparendes Raumkonzept: Der Wickeltisch ist diagonal aufklappbar, an der Wand gegenüber gibt es einen zusätzlichen Babysitz. Die Toilette selbst kann man sitzend oder hockend nutzen

Den Regionalverkehr neu denken: Hygiene und Fahrradmitnahme

Aufgabe von zweigrad war es nun, Antworten auf fol­gende Fragen zu finden: Wie können Zugtoiletten für wesentlich mehr Passagier:innen zur Verfügung ste­hen – und sauber bleiben? Wie lassen sich Waggons so umrüsten, dass sie sowohl Sitzplätze als auch Stellfläche für Fahrräder bieten – und das besser als bisher?

Die Entwicklung der Module verlief zeitversetzt mit einem Team aus jeweils drei Industriedesig­ne­r:innen und einer gemeinsamen Projektleitung. Der Fokus lag auf dem Industriedesign, Interfaces spielten nur am Rande eine Rolle. Beide Teams tauschten sich regelmäßig untereinander aus, und am Ende wurden beide Module in einem Modell zusammengeführt. Bei dem Hygienemodul arbeiteten die Desig­ner:innen mit Evac und Krüger Avation zusammen, bei dem Fahrradmodul mit DB Regio. Weitere Partner kamen im Projektverlauf dazu.

Zweigrad arbeitet grundsätzlich nutzerzentriert in einem methodisch gestützten Designprozess – und von Anfang an kollaborativ mit den Kund:innen zusammen. »Wenn man Ideen gemeinsam entwickelt und bewertet, entsteht ein viel besseres Teamgefühl«, sagt zweigrad-Geschäftsführer Timo Wietzke. »Außerdem stehen am Ende die Chancen besser, das Projekt bei der Geschäftsführung durchzubekommen – sofern diese nicht ohnehin Teil des Prozesses ist.« Das war auch beim Ideenzug der Fall.

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Beim Strategieworkshop definierten die Designer:innen von zweigrad gemeinsam mit Vertreter:innen von Evac und DB Regio die Anforderungen an ein neues Hygienemodul für Regionalzüge. Außerdem spielten sie Use Cases durch und formulierten erste Lösungsansätze

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Ausprobieren geht über Studieren! Mithilfe rudimentärer Prototypen aus Holz und KAPA-Platten testete das Team seine Entwürfe mit unterschiedlichen Proband:innen. Die Tochter eines Designers zeigte dabei eindrücklich, dass es beim Waschbecken einen Hocker geben sollte

Start: Analyse und Ideenworkshop

Los ging es mit einer gründlichen Analyse des Mark­tes und des Wettbewerbs, von Designtrends sowie sogenannter Analogien, also Beispielen aus verwandten Feldern – in diesem Fall Luftfahrt oder Caravaning. Letztere dienten beim späteren Workshop als Anregung, querzudenken und Ideen aus anderen Bereichen auf den eigenen zu übertragen.

Anschließend fand ein Strategie- und Innovationsworkshop mit Evac und DB Regio statt, bei dem die Design- und Projektziele formuliert, Anforderungen an die Technik und Gestaltung spezifiziert, Zielgruppen definiert und Use Cases durchgespielt wurden, um zu ersten Lösungsansätzen zu gelangen. Von Kundenseite waren Vertreter:innen aus Technik, Marketing und Vertrieb dabei, die ihre Perspektive auf Umsetzung und Wartung, den Markt sowie auf die Nutzer:innen einbrachten. »Normalerweise laden wir hier auch Anwender:innen dazu. Aber in diesem Fall waren wir das selbst: Wir fahren sowohl beruflich als auch privat viel mit der Bahn«, berichtet Timo Wietzke.

Sich nur auf eigene Erfahrungen zu verlassen genügt aber nicht: Mithilfe von Use Cases wurde durch­gespielt, wie etwa Teenager:innen, ältere Menschen mit Seh- oder Gehbehinderungen oder Familien mit kleinen Kindern die Bahn nutzen. »Dabei ergaben sich verschiedene Anforderungen, die wir im Design berücksichtigen mussten. Use Cases erweitern immer die Perspektive und führen zu einem höheren In­novationsgrad«, ist Wietzke überzeugt. Im Laufe des Designprozesses kam auf Initiative der Deutschen Bahn punktuell auch Karl-Peter Naumann mit dazu, um als Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbands ProBahn seine langjährige Expertise einzubringen.

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Vom Grundriss in Illustrator über handgezeichnete Skizzen bis zu Photoshop-Renderings: Im Laufe des Prozesses kritallisierten sich die besten Entwürfe heraus, bis das finale Design schließlich in der CAD-Software Rhino ausgearbeitet wurde

 

Kreation: Vom Mockup zur 3D-Visualisierung

Aus den im Workshop generierten Einzelideen wähl­te das Team gemeinsam mit Evac und DB Regio die besten aus und entwickelte daraus ein schlüssiges Gesamtkonzept. In dieser Phase entstand zum Beispiel der Grundriss für das neue Hygienemodul in Illustrator. Im nächsten Schritt evaluierte das Team sei­ne Ideen anhand von rudimentären 1 : 1-Mock-ups mit Proband:innen. Dafür baute zweigrad in der agentureigenen Werkstatt ein einfaches Modell aus Holzwänden und KAPA-Platten. »Auf diese Weise entsteht ein Gefühl für die Raumdimensio­nen und die Ergonomie unserer Entwürfe«, erklärt Timo Wietzke. Und es fällt zum Beispiel auf, dass kleinere Menschen einen Hocker vor dem Waschbecken benötigen. Das Setting tes­tete das Team mit den Kund:innen sowie mit Familienmitgliedern. Ein größer angelegter Nutzer:in­nen­test muss­te pandemiebedingt ausfallen.

Für das evaluierte Konzept erarbeiteten die Ge­stal­ter:innen dann diverse Designrichtungen. Hier kamen Moodboards und viel 2D-Sketching zum Ein­satz. Die aussichtsreichsten Entwürfe setzten sie in Photoshop-Renderings um und präsentierten sie Evac und DB Regio. Als das finale Design verabschiedet war, folgte die Ausarbeitung in der CAD-Soft­ware Rhino, und es entstanden 3D-Renderings mit den ausgewählten Materialien und Oberflächen (siehe Abbildung oben). Nun übergab zweigrad die Designs an die Ingenieur:innen auf Kundenseite, die mit der Konstruktion des 1 : 1-Zugmodells starteten. Die Agen­tur begleitete den Produktionsprozess bera­tend, um notwendige Änderungen zu diskutieren und das Design anzupassen. »Das machen wir bei allen unse­ren Projekten, sowohl im Bereich Interfaces als auch Hardware. So stellen wir sicher, dass wir unsere Vorlage gut ins Ziel bringen«, so Wietzke.

Während der initiale Workshop für das Hygienemodul Ende 2019 noch vor Ort stattfinden konnte, lief alles Weitere ab März 2020 digital über Miro und Microsoft Teams. »Das hat viel besser funktioniert, als wir anfangs gedacht hätten«, sagt Wietzke. Zwar könne man virtuell weniger auf Mimik und Gestik eingehen, dafür sei die Scheu vor der aktiven Teilnahme im Workshop geringer. Ein großes Plus sei auch die Dokumentation via Miro. Das Projekt-Board ist durchgängig für alle zugänglich und kann bearbeitet oder mit To-dos ergänzt werden. Zusätzlich fanden Meilenstein-Präsentationen statt sowie in der Schlussphase wöchentliche Abstimmungscalls.

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Abschließend renderten die Designer:innen ihre Entwürfe für das Hygienemodul in 3D. Ihr Design wurde nahezu eins zu eins umgesetzt, sodass sich diese Bilder kaum von den Fotos des fertigen Real-Life-Modells unterscheiden

 

Ergebnis: In Real Life und Virtual Reality

Im Juli 2021 war es dann so weit: Die High-End-Modelle der beiden Ideenzüge – gebaut vom Messebauer Hubl & Hubl – wurden im Research Center von DB Regio in Oberursel offiziell vorgestellt. Die Fotos der realen Hygiene- und Fahrradmodule (siehe Abbildung oben) sind kaum von den 3D-Ren­derings zu unterscheiden. Demnächst gehen die Ideenzüge auf Tour und werden unter anderem auf der internationalen Verkehrstechnikfachmesse Inno­Trans 2022 zu sehen sein.

Die Ideenzüge lassen sich aber auch digital erkunden: Auf https://ideenzug-event.de gibt es eine VR-Tour, die einen durch die neuen Module führt. Dafür erstellte das zweigrad-Team aus seinen CAD-Da­teien mit den Programmen KeyShot und 3DVista 360-Grad-Ansichten des Hygienebereichs sowie des Fahrradwagens und übergaben sie an die Münchner Event- und Digitalagentur planworx, die die Website und die VR-Tour programmierte.

Die Designer:innen von zweigrad hoffen nun – gemeinsam mit den Partnerunternehmen –, dass ihre Konzepte bei Ausschreibungen für Umbauten oder neue Züge Anklang finden. Beide Module funktionieren nämlich nicht nur unabhängig voneinander, sondern existieren auch jeweils als Komplett- sowie als Retrofit-Lösung für bestehende Züge. »Besonders bei dem Fahrradmodul gab es schon positive Resonanz, weil viele Verkehrsbetriebe hier eine neue Lösung suchen«, sagt Wietzke. Und mal ehrlich: Welcher Fahrgast würde sich nicht über die attraktive Toi­lettenvariante von zweigrad freuen? 

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Oben das Rendering, unten das Modell im echten Leben: Das Konzept von zweigrad sieht vor, dass der Waggon entweder nur für Sitzplätze, nur für Fahrräder oder gemischt genutzt werden kann – je nachdem, was auf welcher Fahrt und zu welcher Uhrzeit am sinn­vollsten ist. Der Umbau erfolgt durch das Bahnpersonal

Fahrradmodul – Verschiedene Nutzungsszenarien kombiniert

Viele Verkehrsbetriebe stehen vor der Herausforderung, dass immer mehr Fahrgäste aus Ballungsräumen mit ihren Fahrrädern raus in die Natur wollen – während Menschen aus den umliegenden Re­gionen zum Arbeiten oder Einkaufen in die Stadt möchten. Die Wagen müssen also für zwei sehr unterschiedliche Nutzungsszenarien gleichermaßen funk­tionieren. »Die bisherige Lösung mit Klappsitzen in Fahrradabteilen wird dieser Problematik nicht gerecht, weil sie nicht eindeutig genug ist«, erklärt Timo Wietzke. »Dort sitzen oft auch Personen ohne Rad, was zu Streitigkeiten führt, die für die Kon­trol­leur:innen schwer zu regeln sind.«

Die Lösung von zweigrad sieht ein flexibles Raumsystem vor, das in seiner Bedienung beziehungswei­se Nutzung klar definiert ist: Man kann entweder sit­zen oder ein Fahrrad anschließen. Welches Szenario auf welcher Fahrt und zu welcher Uhrzeit gerade sinn­voll ist, entscheidet das Bahnpersonal. Die Umstellung kann entweder motorisiert oder mechanisch erfolgen. Es gibt auch die Option einer Mischform mit Sitzen auf der einen und Fahrradständern auf der anderen Seite. Dank einer Nachrüstlösung ließe sich das Konzept in bestehenden Wagen schnell umsetzen – vorausgesetzt, es findet sich ein Sitzhersteller als Partner, der entsprechende Vorrichtungen produziert.

 

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