Ästhetik: Was gefällt? Und warum?

Wie Gestalter gesellschaftliche und visuelle Trends nutzen können – und wieso es manchmal besser ist, sich ihnen zu entziehen…



Ästhetik: Wie Gestalter visuelle Trends nutzen
»Lottie« © Joe Cruz http://www.jcruz.co.uk/

Gerade scheint alles möglich zu sein in der Gestaltung: Trends und Gegentrends lösen einander nicht ab, sondern laufen parallel. So gibt es zum Beispiel als Reaktion auf das vorherrschende Webdesign und dessen typische Gestaltungsmittel von Responsivität bis Animation seit einiger Zeit einen (Neo-)Brutalismus-Trend – mit ganz simplen Websites, die häufig nur aus HTML-Code bestehen und dadurch aussehen wie aus den Neunzigern oder als wären sie noch nicht ganz geladen. Auf  brutalistwebsites.com  sammelt Pascal Deville, Kreativdirektor und Partner der Züricher Agentur Freundliche Grüsse, entsprechende Beispiele. Seine Erklärung für das Phänomen: »Brutalism can be seen as a reaction by a younger generation to the lightness, optimism, and frivolity of today’s web design.«

Die Bezeichnung »brutalistisch« lehnt sich dabei an eine architektonische Stilrichtung an, die in den Fünfzigern aufkam: Bei brutalistischen Bauwerken, darunter zahlreiche von Le Corbusier, steigt unverkleideter Beton vom Material zum Gestaltungselement auf, die Konstruktion des Gebäudes wird bewusst zur Schau gestellt, dessen Funktionalität betont. Ähnlich attackiert der Web-Brutalismus gängige »Schönheitsideale« und bricht mit vorherrschenden Designregeln, um die Ästhetik immer gleich aussehender Templates zu unterlaufen. »Als Gegenbewegung wird der schlechte Geschmack zum guten erhoben – einem guten schlechten Geschmack«, erklärt Dr. Sebastian Löwe, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Design der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Berlin unter anderem zur Ästhetiktheorie forscht.

Schönheit des Hässlichen
Der »gute schlechte Geschmack« ist ein ironisch gespicktes Abgrenzungsprinzip, das neben bewusster Verweigerung auch Überlegenheit ausdrückt: Alle anderen mögen schöne Websites? Dann finden wir eben hässliche gut! Das funktioniert über ein ästhetizistisches Ver fahren, wie Sebastian Löwe beschreibt: »Ästhetizisten deuten Dinge um, die ihrem Geschmack nicht entsprechen, sodass sie diese am Schluss doch ästhetisch genießen können. Sie finden etwas Schönes im Hässlichen, etwas Ansprechendes im Ekligen.« Damit demonstrieren sie nebenbei, dass sie sich selbst nicht zu ernst nehmen und keine langweiligen Perfektionisten sind.

Unter Kreativen herrscht längst Konsens darüber, dass »ästhetisch« nicht mit »schön« gleichzusetzen ist. Editorial-Design-Vorreiter Mario Lombardo erklärt, dass Gestaltung erst durch Brüche interessant wird, die er darum immer wieder bewusst einbaut: »Es wäre zu flach, wenn es nur schön wäre.«

So ist es kein Zufall, dass gerade avancierte Designstudios (etwa Eike Königs Hort), Kunstmuseen (beispielsweise das Whitney), stilbildende Magazine wie »TANK« und »PIN-UP« oder sogar ein Luxusmodelabel wie Balenciaga Websites im brutalistischen Stil haben (Letztere gestaltet von Mirko Borsche). Sowieso herrscht unter Kreativen längst Konsens darüber, dass »ästhetisch« nicht mit »schön« gleichzusetzen ist. Editorial-Design-Vorreiter Mario Lombardo erklärt, dass Gestaltung erst durch Brüche interessant wird, die er darum immer wieder bewusst einbaut: »Es wäre zu flach, wenn es nur schön wäre.«

Was er von Gestaltungstrends hält und wie Designer mit ihnen umgehen sollten, berichtet er im Interview in PAGE 02.18. In dem dazu gehörigen Artikel geht es darum, wie Geschmack zustande kommt, wie visuelle Trends entstehen und welche Rolle technische sowie gesellschaftliche Entwicklungen dabei spielen.

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