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Circular Design: Es braucht ein Umdenken im E-Commerce

Designer Karel Golta nahm das Publikum der MOONOVA mit auf einen rasanten und inspirierenden Ritt durch die Welt der Circular Economy – mit tollen Beispielen und klaren Handlungsempfehlungen.

Moonova_Karel_Ressourcen

»Innovation ist nur dann innovativ, wenn sie die Bedingungen allen Lebens auf der Welt verbessert«: eine klare Aussage von »Innovationsrebell« Karel Golta, mit der Moderatorin Ingrid Lommer, Redakteurin bei »Internet World« am Mittwoch dessen Vortrag über Circular Design auf der Digitalkonferenz MOONOVA einleitete.

Und es ging mit deutlichen Worten und eindrücklichen Beispielen weiter – angefangen mit dem Bestatter in den Lucky-Luke-Comics, der verzweifelt, weil der Cowboy einfach nicht stirbt. Davon ausgehend fragte Golta, warum wir uns eigentlich alle so wenig mit unserem eigenen Ende beschäftigen. Schließlich würden wir sonst bestimmt wesentlich bewusster Leben. Vom Ende ausgehend zurück nach vorne denken – das ist auch der Grundsatz der Circular Economy.

An diesem Punkt stellte der Referent die erste Frage an sein Publikum (via menti): Was ist das Schlimmste, das euch im Online-Handel zustoßen könnte?

Zu den Antworten zählten neben Hackerangriff und Datenklau unter anderem »nicht lieferbar« und Handelskettenunterbrechung. Letztlich also ein Mangel an Ressourcen – was Golta zu seinem nächsten Punkt brachte:

Wir leben in einer Welt mit finiten Ressourcen.

Wir alle wissen es – und doch herrscht einer Art »Don’t Look Up«-Syndrom. Wir spenden für viele wohltätige Zwecke, aber die wirklich wichtigen Inventionen in Geo-Engineering oder die Reduktion von Nuklearwaffen bleiben aus.

So ist es auch mit der Wirtschaft: Sie ist nach wie vor zu 90% linear. Heißt: Kaufen, Nutzen, Wegschmeißen, neu Kaufen. Dabei müssten wir mit unserem Vorwissen doch längst umdenken und eben das Ende mitdenken beziehungsweise es am besten eliminieren. In der Circular Economy heißt das Upstreaming.

Für den Online-Handel sind dabei vor allem vier Phasen interessant, für die Golta sehr inspirierende Positiv-Beispiele von Unternehmen und Initiativen zeigte:

1. Nutzung

Sbag: Mülltrennung in Indonesien
Incentivierung zu sauberer Mülltrennung durch ein Punktesystem

Loop: Mehrweg für alles
Wiederverwertbare Verpackungen für alles – von Shampoo über Kaffee bis hin zu Marmelade, bis zu 300 Mal nutzbar, danach recycelt

Shift: Faire Handys
Fair produzierte modulare Smartphones, die Verbraucher:innen selbst reparieren können, Einzelteile werden recycelt

2. Verkauf

Alipay: nachhaltig handeln und Bäume pflanzen
Mit umweltfreundlichen Aktivitäten (Verzicht auf Plastikbesteck, Leihfahrrad statt Auto) sammeln Nutzer:innen Energy Points und lassen digitale Bäume wachsen. Sind genug Punkte beisammen, wird ein echter Baum gepflanzt – bis heute   über 100 Mio. Bäume.

Trove: Second-Hand Markenshop
Second-Hand Mode von Marken, aufgekauft und aufbereitet von Trove

Deconomy: Emissionsgrenzen setzen
Emissionslimit statt Kreditlimit: Nutzer setzen ihre Emissionsgrenzen selbst fest und halten so den eigenen Konsum in Schach (oder denken zumindest bewusst darüber nach)

3. Produktion

Oceanworks: Material aus Ozeanplastik
Plastikmüll aus dem Meer wird in Granulate umgewandelt, die wiederverwendet werden können, sodass sie im Loop bleiben.

4. Design

everdrop: Reinigungsmittel als Tabletten
Statt immer wieder neues Reinigungsmittel in Flaschen zu kaufen, reicht eine everdrop-Tablette, die man in Wasser auflöst. So simpel, so weitreichend.

Anschließend stellte Karel Golta dem Publikum die Frage, wo es bei sich selbst die größten Möglichkeiten zur Veränderung sieht. Und siehe da: 31% Design, 25% Produktion, 28% Nutzung und 16% Verkauf. Wenn das mal kein Handlungsauftrag für Designer:innnen ist!

80% der Emissionen eines Produkts werden bereits in der Designphase festgelegt. Insofern liegt in dieser Phase der größte Hebel. Aber sie muss mit den anderen Phasen verknüpft werden. Dafür braucht es laut Golta neue Partnerschaften und eine systemische Zusammenarbeit. Keiner kann es alleine schaffen.

Dieses neue Denken manifestiert sich in 3 Aktionsfeldern, für die Golta erneut inspirierende Beispiele parat hatte:

1. Eliminierung

Rewe: Aquaponik
Aus dem Mist aus Fischkulturen wird Dünger für den Basilikumanbau. Klingt abgefahren, wird von Rewe-Supermärkten in Hessen aber schon umgesetzt.

2. Wiederverwertung

Lime & Loop
Reusable Packaging im Online-Handel – denn wiederverwerten ist besser als recyceln.

3. Materialzirkulation

Holy Grail 2.0
Codes für Müllsortierungsanlagen werden direkt auf die Verpackungen gedruckt – unsichtbar für Konsument:innen, ultra-hilfreich bei der Mülltrennung.

Eine letzte Frage hatte Golta dann noch für das Publikum: Wie viele alte Handys habt ihr zu Hause rumliegen? Zwar sind es bei 19% keine, aber weiteren 19% drei und bei 2% sogar mehr als elf …

Das ist laut Golta auf den mangelnden Offboarding-Prozess zurückzuführen. Während uns das Kaufen von neuen Smartphones denkbar einfach gemacht wird, haben wir keine Ahnung, was wir mit den alten Geräten tun sollen. Anders formuliert: Während Zero, First, Second und Ultimate Moment of Truth im Handel bestens erforscht und finanziert sind, wird der End Moment of Truth komplett ausgeblendet.

Hier ergebe sich ein großes Handlungsfeld für den (Online-)Handel – und ein großes Potenzial. Denn mit Nachhaltigkeit lasse sich durchaus viel Geld verdienen, sagt Golta. Es sei an der Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen, sich mit dem Ende zu beschäftigen und es mit dem Anfang zu verknüpfen. Der E-Commerce könne hier wichtige Lösungen für unsere Gesellschaft finden und vorantreiben.

Loop ist schon dabei: Das Unternehmen bietet einen Sarg aus Pilzen an, der sich ebenso auflöst wie der Leichnam im Inneren und so die Grundlage für neues Leben schafft.

Wir danken Karel Golta für diesen inspirierenden Talk auf der MOONOVA!
Das Event läuft noch – hier gibt es kostenlose Tickets!

Karel GoltaBild: klaus heinzler

Karel J. Golta, Founder und CEO von Indeed Innovation,  ist ein Kämpfer für unsere Zukunft. Seine Mission ist ein vollkommen neues Verständnis von Innovation, die vor allem eines bewirken muss:die Bedingungen allen Lebens auf unserer Erde nachhaltig zu verbessern. Daher hat der Gründer und Geschäftsführer dreier hochspezialisierter Innovationsunternehmenein Herzensthema – das Innovationsrebellentum. Und so geht es in seinenmitreißenden Keynotes um relevante Topics wie Circular Economy, Behavioural Change und die Rolle, die KI darin spielen sollte.

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