Perfekte Welle

Die Atlantik von Daniel Janssen hat mit Schrift auf den ersten Blick nicht viel zu tun, ist aber – wie auch die anderen hier vorgestellten Musterfonts – eine echte Type.



Atlantik  Daniel Janssen. Insgesamt 213 Einzelelemente, sortiert in sechs Fonts, gestaltete Daniel Janssen für die Atlantik. Die Familie kostet rund 70 Euro und ist über www.fountaintype.com oder www.fontshop.de zu beziehen. Ursprünglich entstand die Type für ein Plakat, das das Büro für Gestaltung für das Hafenmuseum Hamburg entwickelte. Die Wellenmuster sind dafür bestens geeignet, denn sie greifen das Hafen- und Wasserthema auf und haben zugleich einen historischen Aspekt.  ≥ www.bfgjanssen.de

Die Atlantik von Daniel Janssen hat mit Schrift auf den ersten Blick nicht viel zu tun, ist aber – wie auch die anderen hier vorgestellten Musterfonts – eine echte Type

Warum legt man einen Entwurf wie die Atlantik als Font und nicht als Bilddatei an?

DANIEL JANSSEN: Die Organisation ist dann viel einfacher. Lege ich ein Ornament als Vektordatei an, muss ich es immer wieder duplizieren, wenn ich etwa eine Reihe erzeugen will. Gerade wenn man viele verschiedene Ornamente verwendet und übereinanderlegt, gerät man schnell ins Schleudern. Bei einem Font habe ich einen guten Überblick über die vorhandenen Zeichen und wie ich sie nutzen kann. So lässt sich ein Reihenornament generieren, indem ich immer wieder den gleichen Buchstaben eintippe. Und da der Font ja schon so angelegt ist, dass alles zusammenpasst, kann ich davon ausgehen, dass die Anschlüsse stimmen.

Daniel Janssen, Gründer des Büros für Gestaltung Janssen, Hamburg

Es lässt sich also ganz einfach ein Rapport erzeugen?

Genau. Bei vielen Ornamenten ist ja ziemlich eindeutig, wie sie aneinandergehören, aber gerade bei der Atlantik gibt es auch Elemente, bei denen nicht auf den ersten Blick klar ist, wie man sie so zusammensetzt, dass sie in der Reihe ergeben, was sie ergeben sollen. Da ist es dann natürlich von Vorteil, wenn man zehnmal auf B drückt und dann alles stimmt. Hätte man eine Vektordatei, die man hin und her schieben müsste, wäre das ungleich mühsamer.

Ist der Entwurf eines Musterfonts schwieriger als der einer Schrift mit normalen Buchstaben?

Im Gegenteil, eigentlich ist es einfacher. Eine Textschrift etwa stellt viel größere Anforderungen, da am Ende ein harmonisches Schriftbild stehen soll und alle Zeichen und Details perfekt zueinanderpassen müssen. Bei der Atlantik hält das Thema Wellenlinien die Ornamente zusammen. In sich sind sie aber sehr unterschiedlich und eigenständig.

Das heißt, jeder, der schon mal eine Schrift entworfen hat, kann auch einen Musterfont entwickeln?

Ich würde sogar sagen, dass das auch jemandem ohne Erfahrung im Typedesign gelingen kann. Er kann ja einfach die Elemente, die er in Illustrator oder FreeHand gestaltet hat, als Font organisieren. Wenn wir für Kunden viele Icons entwerfen, die auch im Fließtext untergebracht werden sollen, generieren wir diese Dingbats gerne als Font, weil wir sie dann viel einfacher in den Text laden können.

Welche Software kam beim Entwurf der Atlantik zum Einsatz?

Die Vorarbeit haben wir in FreeHand gemacht und die Vektordateien dann in Fontlab importiert.

Arbeiten die beiden Programme gut zusammen?

Aus den Vektorprogrammen funktioniert der Import in die Fonteditoren einigermaßen problemlos. Aber es kommt dabei immer mal wieder zu Fehlern, da muss man aufpassen und gegebenenfalls noch mal korrigieren.

Wie entstand die Idee zur Atlantik?

Für das Hafenmuseum Hamburg sollten wir ein Poster gestalten, das in der U-Bahn und an anderen Orten der Stadt auf das neue Museum aufmerksam macht. Da es keine Bilder gab, mussten wir uns etwas anderes ausdenken. Beim Thema Hafen ist man natürlich schnell bei Wellen, und diese mal in einer anderen Form umzusetzen, war unsere Grundidee. Im Hamburger Museum für Arbeit haben wir dann in Büchern nach Mustern von Wellenlinien gesucht.

Was waren das für Bücher?

Schriftmusterbücher. In vielen alten Schriftmusterbüchern werden Zierelemente und Vignetten gezeigt, die mich sehr inspiriert haben. Auf dieser Grundlage habe ich dann in FreeHand Muster entworfen, die eine Verbindung zum his­to­rischen Gedanken haben, aber auch mit dem Thema Was­ser verbunden sind.

Also gehören Schrift und Muster doch zusammen?

Unbedingt. Die Schriftmusterbücher stellen im vorderen Teil die verschiedenen Schriften der Schriftgießerei vor, weiter hinten aber eben auch die entsprechenden Zierelemente, um der Gestaltung noch ein bisschen mehr Spielraum zu geben.

Wie viele verschiedene Wellenformen bietet die Atlantik?

Es gibt sechs Sets mit insgesamt 213 Einzelelementen, aus denen sich die verschiedensten Muster erzeugen lassen. Wir haben alles Mögliche ausprobiert, zum Beispiel Moiréeffekte oder unterschiedliche Verläufe. Ein interessantes Ergebnis erzielt man, wenn man aus dem Reihenornament (etwa einer Reihe mit B) ein Flächenornament macht (viele Reihen B untereinander). Weil die auf diese Weise entstehenden Zwi­schen­räume wieder etwas Neues ergeben, erhält man einen ganz anderen Effekt.

Ganze 213 Einzelelemente – das klingt ziemlich unübersichtlich. Wie arbeitet man strukturiert damit?

Der Umgang mit der Atlantik ist ganz einfach. Eine Struktur ergibt sich ja schon durch die Aufteilung in die sechs Sets. Ruft man in dem

Programm, in dem man arbeitet, die Zeichenbelegungsübersicht auf, sieht man genau, was wo liegt. Und die Musterstücke liegen nur auf den Buchstaben und nicht auf irgendwelchen Sonderzeichen. Natürlich lassen sich die sechs Fonts auch kombinieren. Recht spannend sieht es aus, wenn man sie alle untereinandersetzt.

Entstehen Schriften bei Ihnen eigentlich manchmal auch als Abfallprodukt einer grafischen Gestaltung?

Gelegentlich ja, aber häufiger gehen wir konzeptionell an einen Schriftentwurf heran. Im Moment ist Type­design noch eher die Kür bei uns im Büro. Aber ich habe Typografie als Kernthema für mich gefunden und werde diesen Bereich künftig noch weiter ausbauen.


Multigenic  Boris Kahl. Mit der Multigenic kann man aus einzelnen Chromosomenteilen seinen persönlichen Gencode experimentell gestalten. Der Freefont entstand für das 2006 im spanischen Verlag Actar veröffentlichte Buch „Bastard: Choose my Identity“ (isbn 978-84-96540-15-6), zu dem Fotografen, Illustratoren, Grafik-Designer, Typografen, Musiker und Autoren gemeinsam beitrugen. Beispielsweise zu Aufgabenstellungen wie: Sag mir, wer ich bin, und gib mir ein Gesicht. ≥ www.volcano-type.de


Architekt  Nicole und Petra Kapitza. Für zirka 60 britische Pfund bietet die Architekt 72 minimalistische Architekturzeichnungen, inspiriert von Räumen und Gebäuden. Jedes Zeichen gibt es als positive und als negative Form. Die Formen des von Nicole und Petra Kapitza gestalteten Musterfonts passen perfekt auf- und ineinander, sodass sich interessante Farbeffekte erzielen lassen. ≥ www.kapitza.com


Pop  Nicole und Petra Kapitza. Die beiden Schwestern sind bekannt für ihre Musterfonts. Auf ihrer Website finden sich noch erheblich mehr als die hier gezeigten. Die Pop enthält 320 grafische Elemente in 4 Stärken und kostet rund 100 britische Pfund. Den richtigen Umgang mit dem Font zeigt ein PDF-Tutorial, das auch zahlreiche Inspira-tionen bereithält. Im Verlag Hermann Schmidt Mainz (www.typografie.de) erschien kürzlich das Buch „geometric. graphic art and pattern fonts“ (isbn 978-3-87439-767-4, siehe PAGE 01.09, Seite 113). Sämtliche Muster in diesem Buch gestalteten Nicole und Petra Kapitza mit den von ihnen entworfenen Schriften. ≥ www.kapitza.com


Patriot Kit  Lars Harmsen und Boris Kahl. Ein Font-Kit zur individuellen Tarnung aller Dinge ist die Patriot – eine Geheimschrift für Militärs und Grafiker. Die Anwendung ist einfach: Zuerst schreibt man den Code am besten in drei bis vier gleich große, voneinander getrennte Textrahmen. Man färbt die Texte unterschiedlich ein und legt diese übereinander. Anschließend wählt man den passenden Schriftschnitt aus dem Patriot Kit: George, Osama, Saddam, Fidel, Slobodan oder Commander Robot. Fertig ist die Camouflage. Dem Font George dienten die Staaten Europas sowie Nord- und Südamerikas als Grundlage. Das so entstandene Tarnmuster wird zurzeit bei der NATO eingereicht – schließlich benötigt ein vereintes Europa auch eine einheitliche Camouflage. Das ganze Kit kostet etwa 70 Dollar, ein einzelner Schnitt rund 12 Dollar.

www.volcano-type.de; erhältlich bei www.myfonts.com

Gaia  Ricardo Esteves Gomes. Wunderschön sind die organischen Formen der Gaia, die nur rund 22 Dollar kostet. Die Elemente des brasilianischen Designers Ricardo Esteves Gomes lassen sich einzeln oder als grafisches Muster verwenden. Es besteht allerdings die Gefahr, dass bei zu langem Starren auf die Muster ein Schwindeleffekt einsetzt. ≥ www.outrasfontes.com; erhältlich über www.myfonts.com

Puzzler   Zuzana Licko. Halftone Fine und Coarse sowie Geometric und Floral heißen die vier Kategorien der Puzzler, die Zuzana Licko, Mitinhaberin der kalifornischen Foundry Emigre, entwarf. Mit den insgesamt 268 verschiedenen Elementen lassen sich nahezu unendlich viele Ornamente erzeugen. Die Puzzler kostet zirka 100 Dollar. ≥ www.emigre.com; erhältlich über www.fontshop.de

Sixties Living  Fernanda Salmona. Mit der Schrift der Brasilianerin Fernanda Salmona werden die (Tapeten-)Muster der sechziger Jahre wieder lebendig. Die insgesamt 36 Zeichen liegen im TrueType-Format für Mac OS und Windows vor. Die Sixties Living gibt es für etwa 20 Dollar. ≥ www.myfonts.com

Fleurons Six  Gert Wiescher. Insgesamt acht Schnitte enthält die Fleurons Six von Typo-Urgestein Gert Wiescher: Fleurons Six eins bis sechs plus Initialen und Label. Auf der Basis alter Schnörkel und Verzierungen schuf der Münchner Designer mit der Schriftfamilie eine immense Vielfalt an zeitgemäßen Ornamenten für alle erdenklichen Anwendungen. Jeder Schnitt kostet etwa 30 Dollar. Wem das noch nicht reicht, der findet auf Gert Wieschers Homepage noch mehr Ornamentfonts. ≥ www.wiescher-design.de; erhältlich über www.myfonts.com

Floriat und Keystone  Ted Staunton. Die US-amerikanische Foundry P22 hat eine ganze Reihe Ornamentfonts im Programm – und zwar sowohl historisch inspirierte als auch modernere. Zur ersten Kategorie gehört die Floriat, deren Muster auf organischen Formen basieren und die sich sowohl einzeln als auch als Reihen- oder Flächenornament einsetzen lassen. Die geometrischen Formen der Keystone wirken moderner, haben aber auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel, denn sie basieren auf Ornamenten, die die Keystone Type Foundry aus Philadelphia um 1903 veröffentlichte. Beide Fonts kosten jeweils rund 20 Dollar. ≥ www.p22.com

(Diesen Artikel finden Sie in PAGE Heft 08.2009)

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