Die Welt ist eine Bühne

Hinaus in die große Welt zu spielen, was drinnen auf der kleinen Welt der Bühne erzählt wird – ob dies den Schaupielhäusern in ihrer Kommunikation gelingt, untersucht Gudrun Pawelke an aktuellen Erscheinungsbildern



 

Hinaus in die große Welt zu spielen, was drinnen auf der kleinen Welt der Bühne erzählt wird – ob dies den Schaupielhäusern in ihrer Kommunikation gelingt, untersucht Gudrun Pawelke an aktuellen Erscheinungsbildern.

»Anfangen, wo es anfängt.« Das Licht im Zuschauerraum schwindet. Eine Stimme spricht aus dem Off. Die Auf­führung beginnt. Seit etwa 4000 Jahren wird Theater gemacht, und es gibt 2500 Jahre alte Stücke, die heute noch gespielt werden, weil sie uns immer noch etwas zu sagen haben. Auf der Bühne werden Texte in Bilder verwandelt, Geschichten erzählt über Liebe und Tod, Leidenschaft und Träume. Theater ist eine Kunstform, die nur in der Gegenwart existiert und ihre Kraft aus Gleichzeitigkeit und Unmittelbarkeit gewinnt. Nirgends sonst ist die Ent­stehung von Kunst kollaborativer – an einem großen Haus wirken etwa 300 Menschen mit, um eine Produktion zu ermöglichen – und zugleich kollektiv erlebbar. Ein Glück, wenn man mit tausend anderen Publikum ist.

Die Theaterlandschaft in Deutschland ist weltweit einzigartig, weil wir uns als Gesellschaft das Theater als öffentliche Einrichtung leisten – es gibt in Deutschland rund 150 Häuser in öffentlicher Trägerschaft. Wir alle sind also das Theater: Und das bedeutet eine Verantwortung in beide Richtun­gen. Zum einen haben die Schauspielhäuser den Auftrag, gesellschaftlich relevante Stoffe zu inszenieren, zum anderen ist es Bürgerpflicht, sich mit ihren Ideen auseinanderzusetzen und sich einzumischen. Theater ist Partizipation und nicht Club Med.
  
Theater sind Orte, an denen gedacht und gemacht wird. Thomas Oberender nennt sie »Reflexionsmaschinen«. Er leitet seit Januar die Berliner Festspie­le. Mit ihm hat die Großorganisation, die Theater, Musik, Tanz und Literatur zusammenführt, ein neues Corporate Design bekommen. Ihre Identität beginnt sich langsam zu zeigen. Das MaerzMusik-Festival und das Theatertreffen 2012 waren erste Bewährungsproben. Man meint den neuen Werbemitteln anzusehen, dass sie keine Wer­bung machen wollen. Es sind visuelle Leisetreter, die mit ihrer Herkunft eher hinter dem Berg halten: Als hätten sie sich erst mal ausgenüchtert nach zehn Jahren Intendanz Joachim Sartorius.

Der Auftritt mit dem roten Rahmen tost also nicht, er steht dem ausgewiesenen Intellektuellen Oberender auch gut zu Gesicht. Doch was erzählt der neue Look, wenn er schon flüstert? Die Berliner Festspiele bringen zum Beispiel eine eigene, zweimonatliche Edition heraus, die, in Graupappe eingeschlagen, zur Mitnahme bereitliegt. Kaum ein Besucher griff während des Theatertreffens zu den grauen Heftchen. Als schließlich doch einer die Ausgabe mit der Ziffer 3 zur Hand nahm, entschuldigte er sich, er bräu­ch­te die lediglich als Schreibunterlage. Auf der grauen Umschlaginnenseite könne man sich so wunderbar No­tizen machen. So ist das, wenn Design sich nützlich macht. Was sich da zwischen den grauen Deckeln versteckt, würde man auch eher der Kunst zurechnen. Das dreifarbig gestufte Magazin zum Theatertreffen müsste eigentlich animieren, es sich genauer anzusehen. Auch hier wird zum Teil schwer Zugängliches hochästhetisch offeriert.

Es beginnt mit Text, also Anstrengung. Un­gefragte Texte sind ein wenig wie ungebetene Gäste. Es lässt sich trefflich streiten, wenn man sich auf sie einlässt. Aber vielleicht hat man auch gerade nicht die Zeit, um die 28 Seiten Essays zu lesen, mit denen das Theater­treffen-Journal niveauvoll startet. So sucht man wohl eher nach dem In­haltsverzeichnis und findet gleich zwei: eines für das Rahmenprogramm, das komplett mit einem rosafarbenen Font hinterlegt ist, der an die Farbe von Löschpapier erinnert, und eines für den offiziellen Teil mit Grußworten und Stückebeschreibungen, der seine Ernsthaftigkeit auf Weiß präsentiert.
Anhand der Berliner Festspiele lässt sich gut hinterfragen, ob sich Kulturkommunikation selbst als Kunst verstehen darf, oder ob es nicht vielmehr um Kunstvermittlung geht. Wie bekommt man das, was auf der Bühne passiert, am besten an den Zuschauer und in die Öffentlichkeit. Wie präsentiert man die Inhalte attraktiv und einladend, damit das Theater nicht leer bleibt? Dafür hilft es, sein Publikum zu kennen – sein Stammpublikum und na­türlich auch das neue, das zu erreichen man aufgebrochen ist.
Die Berliner Festspiele sind eine Institution des »alten« West-Berlins, das angestammte Publikum ist zu weiten Teilen im fortgeschrittenen Alter. Man hätte der einen oder anderen Inszenierung beim Theatertreffen mehr frisches Blut in den Zuschauerrängen gegönnt. Offenbar zielen die neuen Druck­sachen auf ein jüngeres, trend- und vielleicht sogar designbewusstes Publikum. Eine Zuschauerin meinte, sie sähen mehr nach Neukölln als nach Wilmersdorf aus. Viele von den hippen Neuköllnern waren allerdings noch nicht zu sehen auf den Rängen.
 

Am 17. August startet die Ruhrtrienna­le mit einem Etat von rund 13 Millionen Euro pro Jahr. Der neue künstlerische Leiter, Heiner Goebbels, will kein »Repräsentationsfestival«; er will die Ruhr­triennale öffnen für das Experimentelle. Heiner Goebbels ist einer der gro­ßen Kreativen des Musiktheaters, ein Neudenker, der Ungehörtes und Ungesehenes der Kunst ins Ruhrgebiet bringen will. Zum ersten Mal gibt es eine inhaltliche Ausweitung in Richtung bildender Kunst: mit Video- und interaktiven Installationen sowie Ausstellungen, kuratieren Klaus Biesenbach und Hans-Ulrich Obrist. Die Ruhrtriennale ist traditionell im Ruhrgebiet verankert. Bei der letzten kamen im Durch­schnitt etwa 60 Prozent der Besucher aus der Region und nur ungefähr 10 Prozent nicht aus Nordrhein-Westfalen. Das will man ändern – und internationaler werden. Die Kampagne zielt klar auf ein kosmopolitisches Publikum: Vor allem will man Grenzen über­schrei­ten und zum Beispiel die Beneluxstaaten gewinnen.
Eine »Triennale« im eigentlichen Wortsinn ist die Ruhrtriennale nicht, und genau das bringt die Logo-Idee von Thomas Mayfried visuell auf den Punkt: Die Ruhrtriennale findet drei Jahre hintereinander statt und nicht alle drei Jahre. Diese Irreführung im Namen löst der Designer elegant durch eine dreifach Nennung: »Triennale, Triennale, Triennale«. Auch Musikalität und Rhythmisierung finden sich in der formalen Anordnung wieder – vielleicht als Anklang an John Cage. Die künstlerische Leitung hat sich nach einem Pitch für Mayfrieds Wortmarke entschieden. Die übrige Kommunikation gestaltet Aoki & Matsumoto aus Frankfurt am Main. Das ist ungewöhnlich, hat aber sicher mit der Verführung eines Pitches zu tun: Man kann sich aus allen das vermeintlich Beste he­raus­picken. Ob die Kampagne das überre­gio­nale Publikum trifft, ohne das heimische zu verfehlen, wird sich zeigen.
So viel Poesie jedenfalls war lange nicht: Die Farbigkeit hält sich gedeckt zurück, Werbemittel und Programmbücher bescheiden sich mit kontrastarmen, ästhetisierenden Naturbildern. Dass die Plakate für zeitgenössisches Musik- oder Tanztheater werben, ist für den unwissenden Betrachter erst mal nicht zu entschlüsseln. Das Offensichtliche wird in der Kampagne vermieden, sie verrätselt lieber. Glücklich, wer sich so viel Zurückhaltung leisten kann. Auch bei der Ruhrtriennalen-Ästhetik erkennt man also eine Diskre­tion, ähnlich jener der Berliner Festspiele. Ist das der neue Trend? »Das ist ja alles schön und gut«, möchte man manchmal rufen, »aber seid doch auch mal indiskret!«
  

Kunst stellt Fragen, Theater sind id­e­a­lerweise Räume für Untersuchung. Wenn dort Reibung entstehen soll, müs­sen sie sich allerdings trauen, aus der Deckung zu kommen. »Kultur muss man mindestens so gut verkaufen wie kommerzielle Marken. Kultur ist kein Luxus, sondern ein Grundbedürfnis. Es ist unser Beruf, zwischen Inhalten und Menschen zu vermitteln«, sagt Erik Spiekermann, der mit seiner Agen­tur edenspiekermann Strategien und Konzepte für kulturelle Institutionen entwickelt. Für Thomas Mayfried ist im Fall von einer Kulturinstitution ihr Programm das eigentliche Statement: »Diese Inhalte nach außen zu tragen, verstehe ich unter Design«. Es geht also um empfängerorientierte Kommunikation, die ihr Publikum ernst nimmt und ihm zuhört.
Design kann aber auch überfordern, wenn der Sprung vom Gewohnten zum Neuen allzu groß ist. Beim Staatstheater Karlsruhe kam mit dem neuen Intendanten auch visuell frischer Wind in die Stadt. Der von Double Standards aus Berlin entwickelte Auftritt und vor allem das bilderlose Spielzeitheft versetzte die Abonnenten in Unruhe. Mitt­­lerweile hat die Frischzellenkur gewirkt und die Karlsruher haben sich ihr Theater neu angeeignet.

Von Karlsruhe nach Heidelberg sind es gerade mal 55 Kilometer. Dort hat anschlaege.de aus Berlin das Erscheinungsbild von Theater und Orchester neu gestaltet (siehe PAGE 10.11, Seite 38 f.). Im Mai gab es dort den Heidelberger Stückemarkt 2012 mit Ägypten als Gastland. Die Plakate arbeiten auffällig mit einem Komplementärkontrast. Im ersten Moment wirkt die fluoreszierend eingefärbte Menge wie ein Rockkonzertpublikum, auf den zweiten Blick erkennt man die ägyptische Revolution. Beim Stückemarkt werden ausschließlich Uraufführungen gezeigt. Man weiß also als Zuschauer vorher nicht, worauf man sich einlässt. Darum sucht die Kampagne das aufgeschlossenere Publikum und unterscheidet sich vom Erscheinungsbild des Heidelberger Theaters.
Wer für Theater arbeiten möchte, und die Runden der öffentlichen Ausschreibungen und Pitches überstanden hat, der braucht Einfühlung für sein Publikum. Denn es gilt zu vermitteln zwischen Kunst und Kunstinteressierten. Designpreise sind in dem Metier leider kein Maßstab für empfängerorientierte Kommunikation (siehe red dot für das Spielzeitheft des Schau­spielhaus Graz). Theaterstücke und Inszenierungen dürfen verstören und überfordern. Kommunikation für Thea­ter aber sollte vor allem die Tür aufhalten und einladen, das Publikum ernst nehmen und es bereit machen, sich der Auseinandersetzung zu stellen. Hier wünscht man den Theatern und ihren Machern, Mut zur Spielfreude und Ernst­haftigkeit genau für die Zeitspan­ne, wenn das Bühnenlicht ausgegangen ist. Denn die ganze Welt ist eine Bühne, lasst sie uns also bespielen.
 

Für Kreative, die bei der Akquise auf Theater abzielen, hier eine Liste von Häusern im deutschsprachigen Raum, bei denen ein Leitungswechsel ansteht: Maxim Gorki Theater Berlin, Philharmo­nie Essen, Schauspiel Köln, Schauspielhaus Hamburg, Staats­theater Stuttgart und 2014 Bregenzer Festspiele, Wiener Festwochen

 

Die Designerin und Autorin Gudrun Pawelke arbeitet seit vielen Jahren im Bereich der Kultur­kommu­ni­ka­tion und -beratung.
Mehr zum Thema Theaterkommunikation gibt es von ihr im Blog zum Theatertreffen zu lesen (www.theatertreffen-blog.de)

 


 

Dieser Artikel ist erschienen in PAGE 09.2012


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