SXSW, Tag 3: Audience Management is not for your intern!

Arne Kittler, Director Consulting bei Fork Unstable Media, berichtet für PAGE von der Film-, Musik- und Interactive Konferenz.



Arne Kittler, Director Consulting bei Fork Unstable Media, berichtet für PAGE von der Film-, Musik- und Interactive Konferenz.

13. März 2011 SXSW, Austin, Texas. Nach einem tollen Sommerabend gestern mit vollen Straßen sowie großen und kleinen Parties war es gestern zum ersten Mal bewölkt in Austin. Der Vormittag verlief wesentlich ruhiger als die der beiden Vortage. Zeit für Arne Kittler, Director Consulting bei Fork Unstable Media, mit etwas Abstand auf die Themen der diesjährigen SXSW zu schauen.

Zunächst fällt auf, dass einige der Themen, die in Deutschland derzeit heiß diskutiert werden, hier überhaupt keine Rolle spielen: Beispiel Facebook. Die Plattform ist hier vor Ort fast überhaupt kein Thema. Anders als in Deutschland, wird Facebook hier als selbstverständlicher Teil der digitalen Infrastruktur gesehen. Als mehr aber auch nicht. Im Gegenteil: Eines der wenigen expliziten Facebook-Panels beschäftigte sich gestern mit Exit-Strategien sowie der Frage, wie man Fehlinvestitionen vermeiden kann – für den Fall, dass es Facebook ähnlich ergeht wie my*****.

Ob wirklich jemand daran glaubt, dass Facebook einen ähnlichen Relevanzverlust erleiden könnte, konnte ich leider nicht herausfinden. Die SXSW-Besucher scheint Twitter mit seiner liberaleren Grundausrichtung und seinen offeneren APIs jedenfalls zu wesentlich mehr Kreativität anzuregen. Und so wird Twitter hier auch wesentlich öfter thematisiert.

Das zweite Thema, das – anders als in Deutschland – bei der SXSW nur ganz punktuell thematisiert wird ist die Frage, ob sich mobile Angebote künftig nun in Form von Apps oder über das mobile Web am besten realisieren ließen. Es gab heute zwar einen kurzen Vortrag zu diesem Thema – über die Basics kam Patrick Mork, Chief Marketing Officer beim Plattform-übergreifenden App-Store-Anbieters GetJar (www.getjar.com) aber nicht hinaus (seine Präsenation gibt es übrigens bei Slideshare).

Dennoch spielten mobile Apps natürlich eine wichtige Rolle: In einem Workshop von O’Reilly-Autor Ken Yarmosh (kenyarmosh.com) mit dem Titel »App Savvy« ging es ausschließlich um Apps (der Titel entlehnt sich übrigens dem von ihm geschriebenen, gleichnamigen Buch). Das gut besetzte Podium – unter anderem mit Phill Ryu (@phillryu), App-Entwickler bei taptaptap (taptaptap.com) – beschäftigte sich mit Strategien für erfolgreiche App. Leider schien sich die Veranstaltung zu sehr an Entwickler zu richten, die ansonsten viel zu oft ohne nähere Überlegungen los programmieren. Ob man derlei Fragestellungen gleich als Strategie bezeichnen muss, bezweifele ich. Dennoch: eine praktische und sehr konkrete Hilfestellung bietet das von Phill Ryu vorgestellte AppIdeaQuiz, mit dem man mehrere App-Ideen systematisch vergleichen kann – und das man als PDF-Datei von seinem Blog herunter laden kann.

Unter anderem wegen des Workshops konnte ich leider nur das Ende der Keynote von Christopher Poole alias Moot (englisch für »Volksversammlung«) hören. Der Gründer der Plattform 4chan (www.4chan.org), die unter anderem als Wiege der Anonymous-Bewegung gilt, wehrte sich dabei gegen den Vorwurf, 4chan gehöre mit seiner bewusst gewählten Anonymität zur integritätslosen, »dunkle Seite des Internets«. Vielmehr betonte er, 4Chan sei durch die »fluid identities« wesentlich authentischer als beispielsweise Facebook. Zudem sprach Poole über sein neues Projekt: Canv.as. Die Plattform, die momentan noch in der Beta-Phase ist, verwendet interessanterweise Facebook Connect als bisher einzigen Registrierungsmechanismus. Sie schränkt damit also die Anonymität klar ein.

»Connected Brands« hieß ein Track mit insgesamt zehn Kurzvorträgen, den Adam Lavelle, Chief Strategy Officer bei der Digital-Marketing-Agentur iCrossing (@alavelle), hervorragend kuratierte. Am besten gefiel mir dabei Lavelle selbst, der mit einer sehr gut gemachten Präsentation die zunehmende Komplexität und ständige Veränderung digitaler Medien aufzeigte (http://icrsng.com/brandsaspublishers). Anhand einer Kampagne für Kim Kardashian und bebe stellte er vor, wie eine zeitgemäße Kampagne unter Echtzeit-Bedingungen angelegt sein kann.

Rami Jabaji, Assistant Brand Manager von Pepsi (@ramijabaji), präsentierte seine Sicht der Rolle von Marken in Bezug auf Branded Entertainment in bemerkenswerter Weise: »Brands fund the « lautete sein Credo. Sehr schön zu sehen an einem Clip für www.collegehumor.com, der nur möglich war, weil unter anderem Axe 50.000 Dollar an den beteiligten Basketball-Club zahlte. Das Fazit des Panels: Marken haben nur dann eine Chance zeitgemäß zu kommunizieren, wenn sie lernen passende Inhalte zu entwickeln und die daraus entstehenden Geschichten – auch im Dialog mit den Kunden – glaubwürdig weiterzuerzählen. Adam Lavelles Kollegin Alisa Leonard (@alisamleo) brachte dies schön auf den Punkt: »Audience Management is not for your intern!«

Bei all dem Übermaß an Themen und Aktivitäten drohen – auch in meinen bisherigen Beiträgen – die furchtbaren Geschehnisse in Japan nicht mit angemessener Aufmerksamkeit beachtet zu werden. Doch für viele Konferenzteilnehmer sind die Erdbeben und ihre Folgen trotzdem präsent, auch wenn auf Twitter vielleicht ein anderer Eindruck entsteht. So gibt es auf der Konferenz mehrere Solidaritätsaktivitäten wie etwa der Spendenaufruf unter sxsw4japan.org. Auch die teilnehmenden Firmen bemühen sich angesichts solcher Bilder, wie sie etwa die New York Times liefert , größere Spenden zu aktivieren. Nichtsdestotrotz behält der ausgeprägte Hedonismus hier in Austin in diesen Tagen einen unangenehmen Beigeschmack und alle wären sicherlich froh, unbeschwerter an die Sachen gehen zu können.


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