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Impostor-Syndrom in der Kreativbranche: Bin ich gut genug?

Selbstzweifel kennen wohl alle Kreativen. Aber wann wird das zum Impostor-Syndrom? Und wie kommt man da wieder heraus?

Impostor Syndrom Eike König
Designer/Künstler: Eike König – hier in seinem Atelier in Berlin – ist nicht nur ein weltbekann­ter Grafikdesigner, sondern macht seit fast zehn Jahren auch Kunst. Warum ihn dabei manchmal Selbstzweifel überkommen – und was das mit dem Impostor-Syndrom zu tun hat – lest ihr in diesem Artikel

Habe ich dieses Lob oder diese Auszeichnung wirk­lich verdient? Werde ich dem Auftrag gerecht? Was, wenn jemand herausfindet, dass ich eigentlich gar nicht weiß, was ich tue? Selbstzweifel gehören für die meis­ten Kreativen genauso zum Alltag wie die Creative Suite. In diesem Zusammenhang ist das Impostor-Syndrom fast schon zu einem geflügelten Wort geworden. Dabei handelt es sich um ein psychologisches Phänomen, bei dem Betroffene massiv an ihren eigenen Fähigkeiten zweifeln und Erfol­ge nicht als verdient an­erkennen können. Sie glauben, dass ihr Umfeld sie überschätzt, fühlen sich daher als Hochstapler, und leben in der ständigen Angst, jemand könnte sie entlarven.

Dieses Phänomen oder Selbstkonzept, wie es in der Psychologie genannt wird, scheint gerade in der Kreativbranche sehr ausgeprägt zu sein. Das hat unterschiedliche Gründe. Gestalterinnen und Gestalter stecken viel Herzblut in das, was sie tun, und neh­men Kritik oft sehr persönlich. Einerseits ist ihre Ar­beit schwer zu vergleichen – besonders wenn es in den künstlerischen Bereich übergeht –, andererseits sind sie ständiger Bewertung und Vergleichen ausgesetzt – Instagram lässt grüßen. Besonders hoch ist die Unsicherheit oft, wenn man sich in neue Bereiche vorwagt – auch das ist in der Designbranche gang und gäbe. Und wenn sich ein Erfolg einstellt, folgt häufig die Angst, an diesen nicht anknüpfen zu können. Man könnte also sagen: Kreative sind prädestiniert für das Impostor-Syndrom.

Unsicherheit: Wo kommt das Gefühl her?

Ob Selbstzweifel zu einem echten Problem wer­den, hängt von ihrer Ausprägung und dem individuellen Leidensdruck ab. Ob und wie stark man selbst betroffen ist, lässt sich zum Beispiel mit dem Clance Impostor Phenomenon Test herausfinden – entwickelt von der Psycho­login Pauline R. Clance, die den Begriff 1978 eingeführt hat. Begünstigt wird die Entstehung unter anderem von einem niedrigen Selbstwertgefühl, dessen Ursprung häufig in der Erziehung liegt. Wächst man etwa in dem Glauben auf, nur für Erfolge geliebt zu werden, lässt sich dieser Leistungszwang später nur schwer wieder ablegen.

Doch auch die soziale und kulturelle Herkunft und die Gender-Sozialisation haben einen Einfluss. »Der Begriff suggeriert, dass diese Unsicherheit ein rein individuelles Problem ist. Dabei ist es oft eher ein strukturelles«, sagt Chris Campe, Lettering Artist in Hamburg. »Frauen zum Beispiel werden häufig darauf trainiert, für Harmonie zu sorgen. Dazu passt es nicht, wenn sie zu sehr von sich selbst überzeugt sind und sich selbst loben.« Menschen mit ei­nem anderen kulturellen Hintergrund oder einer an­deren Sozialisation fühlen sich ebenfalls oft isoliert und inkompetent – allein deshalb, weil sie die Codes der Mehrheit nicht beherrschten, so Campe.

Und wie wird man Selbstzweifel los?

Der erste Schritt ist – wie so oft –, das Problem erst einmal zu erkennen. Selbstreflexion und die objekti­ve Betrachtung der eigenen Leistungen können hel­fen, die eigenen Gefühle von den Tatsachen zu trennen. Dabei hilft der Austausch mit anderen, privat im kleinen Kreis, in Selbsthilfegruppen oder bei For­maten wie den Fuckup Nights, bei denen offen über Fehler – und Fehlbarkeit – gesprochen wird. Men­to­r:innen können bei der Einschätzung der eigenen Ar­beit unterstützen. Sollten die Gefühle zu stark wer­den, empfiehlt sich ein Coaching (siehe Interview) oder auch eine Therapie.

Das Wichtigste ist, sich nicht von Selbstzweifeln unterkriegen zu lassen, sich selbst gegenüber achtsam zu sein und offen über Fehler und Prob­leme zu sprechen. Denn betroffen sind wir so gut wie alle – wie die Beispiele auf diesen Seiten zeigen. Also: Seid nett zueinander und vor allem zu euch selbst!

Impostor Syndrom Nina KirstRedakteurin Nina Kirst erzielte im Clance Impostor Phenomenon Test ein Ergebnis, das auf »Significant Impostorism« hinweist. Spüren tut sie das vor allem, wenn sie auf einer Bühne steht.

 

 

Bücher, Podcasts, Videos zum Impostor-Syndrom

Im Internet wimmelt es von Informa­tio­nen zum Impostor-Syndrom. Hier einige fundierte Quellen für alle, die mehr wissen wollen oder auf der Suche nach Selbsthilfe-Tipps sind.

  • Speakerin und Autorin Valerie Young ist eine Art Impostor-Syndrom-Guru – und very American. Auf  https://impostorsyndrome.com findet man ihre Bücher, Videos von ihren Auftritten und eine Liste mit »10 Steps you can use to overcome Impostor Syndrome«.
  • Alice Edy, Künstlerin und Graphic Recorder in Victoria, Australien, gibt in dieser Creative-Morning-Aufzeichnung sehr sympathische Einblicke in ihre Impostor-Gefühlswelt – und wie sie ihr immer wieder entkommt.
  • In diesem Podcast von SWR2 Wissen geht es um die Frage, warum Menschen Hochstapler sind oder sich dafür halten.
  • »Stop Telling Women They Have Impostor Syndrome«: Die Autorinnen Ruchika Tulshyan und Jodi-Ann Burey gehen in diesem »Harvard Business Review«-Artikel den strukturellen und gesellschaftlichen Auslösern des Hochstaplersyndroms auf den Grund.
  • Die Autorin Sabine Magnet hat sich intensiv mit dem Phänomen auseinandergesetzt in ihrem Buch »Und was, wenn alle merken, dass ich gar nichts kann? Über die Angst, nicht gut genug zu sein« (mvgverlag, München, ISBN 978-3-86882-849-8).

»Der Zweifel ist ein ständiger Begleiter«

Eike König ist vielfach ausgezeichneter Grafikdesigner, Gründer und Kreativdirektor des Berliner Kreativkollektivs HORT sowie Professor für Grafikdesign und Illustration an der HfG Offenbach. Seit 2013 ist er zudem freischaffender Künstler und ist vor allem für seine spielerischen wie provokanten, ironischen wie gesellschaftskritischen Siebdru­cke bekannt.

Impostor Syndrom Eike König

Hast du selbst Erfahrungen mit dem Impostor-Syndrom gemacht?
Eike König: Ja, ich kenne das Gefühl gut. Das hängt mit meiner studentischen Erfahrung zusammen. Ich hatte an der Hochschule oft eine Außenseiterposition, weil mir Dinge gefallen haben, mit denen die Professoren nichts anfangen konnten. Damals herrschte noch ein sehr rauer Ton, und es kam schon mal vor, dass ich vor einer Gruppe heruntergemacht wurde mit Sprüchen wie »Du solltest besser Bäcker werden!«. Das hat lange an mir genagt und immer wieder Zweifel an meiner eigenen Arbeit hervorgerufen.

Aber es wurde besser?
Es brauchte eine Reihe an positiven Erlebnissen, vor allem in Form von Bestätigung und Anerkennung von außen, um das wieder auszubalancieren. Durch meinen Job als Art Director bei einer Plattenfirma habe ich gemerkt, dass meine Arbeit relevant für das Unternehmen ist – und dass sie gut ankommt. So konnte ich langsam ein Gegengewicht zu den Erfahrungen im Studium aufbauen. Es ist einfach unglaub­lich schwer, sich selbst einzuschätzen.

Zweifelst du heute noch an deiner Arbeit?
Bei jedem neuen Projekt! Aber diese Zweifel sind für mich wichtiger Bestandteil des Gestaltungsprozesses. Sie be­wah­ren mich davor, überheblich zu werden und eine Arbeit zu früh abzuschließen, wenn sie noch nicht ganz ausgereift ist. Der Zweifel ist ein ständiger Begleiter, der aber auch viel Energie erzeugt. Heute kann ich dem Gefühl besser entgegentreten und es bewusst nutzen.

Was – außer Erfahrung – hat dir dabei geholfen?
Die Arbeit im Team. Man kann sich gegenseitig abklopfen und Ideen besser bewerten. Dazu gehört auch, einzusehen, dass die eigenen Ideen nicht immer die besten sind. In mei­ner künstlerischen Arbeit taucht das Gefühl wieder stärker auf. Ich gehe damit aber offensiv um und teste Sachen einfach, indem ich sie etwa auf Instagram veröffentliche.

Begegnet dir das Imposter-Syndrom auch bei deinen Studierenden?
Ja, auch dort gibt es natürlich einige, die an sich zweifeln. Ich sage ihnen, dass die Hochschule wie ein Versuchslabor ist und nicht alles auf Anhieb klappen muss. Außerdem bin ich offen gegenüber jeder Art von Arbeit – auch wenn sie mir selbst nicht gefällt. Ich arbeite quasi gegen meine eigenen Erfahrungen im Studium an und vermittle meinen Studierenden, dass ihre Arbeiten einen Wert haben.

»Positives Feedback glaube ich oft nicht«

Karin Kraemer ist Künstlerin, Comic-Autorin und Illustratorin in Hamburg. Ihre narrativen Arbeiten handeln von Empathie, sozialer Ausgrenzung, Fremd­heit und Körperlichkeit. Nebenberuflich unterstützt sie in freier Mitarbeit die PAGE-Online-Redaktion und illustriert die Kolumne von Jürgen Siebert.

Impostor Syndrom Karin Kraemer
Karin Kraemer (links) bei der Ausstellung ihres Kunstprojekts »Almanach« im Künstlerhaus Vorwerk-Stift in Hamburg (Foto: Hanna Dumont)

Kennst du das Impostor-Syndrom?
Karin Kraemer: Ich habe auf jeden Fall manchmal dieses Gefühl, ich könnte erwischt werden, erwischt in meiner Laienhaftigkeit – gerade bei neuen Kun­d:in­­nen oder Aufträgen entsteht dann oft Druck und Stress, weil ich selbst infrage stelle, was ich mache. Und wenn das Feedback positiv ist, glaube ich das einfach nicht. Ich denke dann, das hätte ich besser machen können oder »Das reicht nicht«.

Wie ist es bei deiner freien, künstlerischen Arbeit?
Da habe ich das Gefühl noch viel krasser. Es gibt ja eine große Diskussion innerhalb des Kunstbetriebs, ob Illustrator:innen und Comiczeichner:innen da­zu­ge­hören. Meist lautet die Antwort Nein. Bei Aus­stel­lun­gen, in denen der Fokus eher auf bildender Kunst liegt, habe ich deshalb häufig das Gefühl, dass ich da eigentlich nicht hingehöre.

Wie gehst du damit um?
Eine Sache, die ich versuche – und die mir an guten Tagen auch gelingt: Meine Arbeit so anzugucken, wie ich eine Arbeit von jemand anderem angucken würde. So, wie man sich selbst kritisiert, würde man es nie bei jemand anderem tun, nicht mit derselben Strenge. Deshalb hilft es, einen Schritt zurückzutreten und die eigene Arbeit mit einem Blick von außen zu betrachten.

Tauschst du dich mit anderen über deine Zweifel aus?
Auf jeden Fall. Ich kenne keine Person, die dieses Pro­blem nicht hat. Bei manchen führt es sogar zu einer so großen Sperre, dass gar nichts mehr geht. Sie füh­len sich so sehr überfordert, dass sie denken, der Beruf sei nichts für sie. Der Austausch mit anderen hilft, die eigenen Zweifel in ein realistischeres Licht zu rü­cken und zu überprüfen. Wenn mir ein befreundeter Illustrator solche Zweifel mitteilt, sage ich: »Du spinnst! Guck doch mal, was du hier gemacht hast!« Andersherum bekommt man das dann auch ge­spiegelt. Dann muss man nur noch üben, das auch annehmen zu können.

Können Selbstzweifel auch etwas Positives haben?
Nicht jeder Selbstzweifel ist ja gleich ein Impostor-Syndrom. Die eigene Arbeit kritisch zu beurteilen ist total wichtig. Sonst würde man einfach stehen bleiben oder sich ständig wiederholen. Man muss auch nicht mit jeder Arbeit nachhaltig zufrieden sein. Aber diese Enge in der Brust, diese große Angst, die zum Impostor-Syndrom gehört, die finde ich einfach nur hinder­lich. Das hat mit motivierenden Selbstzweifeln nichts zu tun und kann sehr lähmend sein. Es hält einen auch davon ab, Dinge anzugehen oder seine Arbeiten zu zeigen.

»Ich fühle mich oft als Hochstapler gegenüber Menschen aus anderen Berufszweigen«

Alex Diel arbeitet als Illustrator und Künstler in Würzburg. Seine Arbeiten sind mal knallig bunt, mal markant schwarz­weiß und häufig plakativ und voller schrägem Humor. Zu seinen Kunden gehören unter anderem 101 Gallery, das Jugendkulturhaus Cairo, »Strapazin«, »Polle« und 100 for 10.

Impostor Syndrom Alex Diel
Alex Diel (rechts) mit Ramon Keimig im gemeinsamen Atelier. Die Atelier­gemeinschaft hat sogar einen eigenen Instagram-Account unter  @atelierklub

Kennst du das Impostor-Syndrom? 
Alex Diel: Ja, voll. Im Design – und noch mehr in der Kunst – ist es sehr schwer zu bemessen, was richtig oder falsch, was gut oder schlecht ist. Jeder hat einen anderen Blick auf die Arbeiten. Im Design gibt es zwar handwerkliche Merkmale – wie einen guten Satzspiegel –, aber auch die sind schwammig und kontextabhängig.

Als Hochstapler fühle ich mich aber generell weniger gegenüber anderen Kreativen, sondern gegen­über Menschen aus anderen Berufszweigen. Ich habe zuerst Architektur studiert – da waren die Reak­tio­nen ganz andere. Je bodenständiger ein Studium ist, desto mehr wird es von vielen wertgeschätzt. Als De­signer:in oder Künstler:in kommt man dagegen schnell in Erklärungsnot. Wenn ich sage: »Ich mache Illustration«, können sich die meisten etwas darunter vorstellen. Wenn ich dagegen sage: »Ich mache Kunst im zeichnerischen Bereich«, werde ich kritisch beäugt. Es war ein langer Prozess für mich zu lernen, dass ich mir Raum nehmen darf und dass meine Arbeit eine Berechtigung hat.

Wie gehst du damit in konkreten Situationen um?
Unterschiedlich. Wenn ich keine Lust auf Dis­kus­­si­o­nen habe, dann weiche ich aus oder sage: »Ich mache Grafikdesign« – also die bodenständige Variante. Manchmal versuche ich aber auch bewusst, mich zu trauen und zu erklären, was ich tue. Es hilft auf jeden Fall, Umgang mit Leuten zu haben, die etwas Ähnliches machen. Im Atelier zum Beispiel reden wir oft über solche Themen und bestärken uns gegensei­tig. Und Erfolge helfen natürlich auch. Wenn man et­was veröffentlicht, das gut ankommt, oder coole Jobs landet, gibt dies einem Bestätigung – und es hilft bei der Wirkung nach außen. Es gibt einem das Gefühl, angekommen zu sein.

Hast du auch Selbstzweifel bei der Arbeit?
Das schwankt stark. Mittlerweile habe ich aber gelernt, welchen Impulsen ich vertrauen kann. Manchmal findet man einfach alles blöd. Da hilft es meist, wenn man etwas Abstand nimmt, um später mit ­fri­­­schem Blick auf ein Projekt zu schauen. Die Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit bleibt immer eine Herausforderung für Kreative, weil man Dinge auf so viele unterschiedliche Arten machen kann. Ich beschäftige mich oft rund um die Uhr damit, auch auf Instagram. Da kommt dann noch der Vergleich mit anderen dazu, der nicht unbedingt hilfreich ist. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig zu sehen, was andere machen und was gerade Trend ist.

Hast du Tipps, wie man dem Impostor-Syndrom entkommt?
Letztlich hilft vor allem Achtsamkeit sich selbst gegenüber. Das ist wie ein Muskel, den man trainiert. Man darf sich selbst nicht so viel Druck machen. Wenn etwas nicht funktioniert, sollte man es vielleicht einfach mal ein paar Tage liegen lassen.

»Zu starker Perfektionismus ist eine Schattenseite des Designerdaseins«

Mike Dziambor ist Grafikdesigner und arbeitet der­zeit als Junior Designer bei loved in Hamburg. Er ist auf Print, Typografie und Typedesign spezialisiert. Für seine Bachelorarbeit »beautype« entwickelte er eine fiktive Foundry inklusive zehn selbst gestalteter Fonts.

Impostor Syndrom Mike Dziambo
Mike Dziambor mit seinem »Shrooms«-Plakat bei der Ausstellung »100 Beste Plakate 2020« in Berlin

Kennst du das Impostor-Syndrom?
Mike Dziambor: Ja, das liegt wahrscheinlich daran, dass man als Designer und Künstler oft hohe Ansprü­che an sich hat. Als ich an meiner Bachelorarbeit gearbeitet habe, bekam ich vorab viel Lob, mir wurde sogar von vielen eine Note von 100 Prozent vorhergesagt. Als es dann »nur« 98 Prozent waren, war ich tatsächlich enttäuscht – obwohl das sehr gut ist und ich der Beste in meinem Jahrgang war. Diese zwei Prozent haben mich gestört, ich dachte: »Es ist nicht perfekt. Ich habe nicht 100 Prozent gegeben.« Zu star­ker Perfektionismus ist eine Schattenseite des De­signerdaseins. Manchmal spüre ich das Impostor-Ge­fühl auch im Agenturalltag. Im Gegensatz zum Studium, wo man mit einer Gruppe von Leuten zusammensaß, die alle auf einem ähnlichen Level waren, hat in der Agentur jeder eine andere Position. Es ist schwer, sich selbst einzuschätzen – vor al­lem jetzt, wo fast alle remote arbeiten.

Deine Arbeiten wurden auch schon ausgestellt. Wie hat sich das angefühlt?
Das war schon auch komisch. Da hat mir aber der Gedanke geholfen, dass es ja einen Grund gab, warum ich da war. Meine Arbeit wurde ausgewählt, und die Bewertung hatte bereits stattgefunden. Aber es kommt auch auf die Art der Ausstellung an. Bei der »100 Bes­te Plakate 2020«-Schau in Berlin habe ich mehr Zwei­fel als Freude darüber empfunden, dass mein Plakat in einem Raum hängt mit denen von De­signer:innen und Studios, zu denen ich seit Jahren aufblicke. Ich hätte eigentlich stolz sein sollen, habe mich aber in dem Moment trotzdem gefragt, ob ich fehl am Platz bin – und ob meine Arbeit es vielleicht nur ganz knapp in die Top 100 geschafft hat.

Fördern Social Media bei dir das Impostor-Syndrom?
Auf jeden Fall. Ich nutze nur Instagram und zeige dort meine Arbeiten. Ständig schaue ich auf die Zah­len – wie viele Aufrufe, Likes, Shares, Kommentare hat der Post bekommen? Und wie viele bekommen die Posts von anderen? Das kann einen wahnsinnig machen. Mir hilft es dann oft, die Zahlen ins echte Leben zu übertragen. Wenn du zehn Likes für einen Post bekommst, fühlt sich das wenig an. Aber stell dir vor, deine Arbeit hängt in einer Ausstellung und zehn Leuten kommen zu dir und sagen: »Das gefällt mir.« Zehn Komplimente an einem Tag! Wann bekommt man die schon?

Kannst du denn Komplimente annehmen?
Darin war ich schon immer schlecht, aber es ist besser geworden. Ich bin immer noch oft überfordert in der Situation und verhalte mich dann komisch. Häufig frage ich mich zum Beispiel, ob andere mehr Kom­plimente bekommen haben. Das Lob geht also direkt an mir vorbei und wird in einen negativen Gedanken umgemünzt. Daran muss ich noch arbeiten.

Es klingt, als würdest du dir selbst sehr viel Druck machen.
Auf jeden Fall. Man muss echt aufpassen, dass man es damit nicht zu weit kommen lässt. Im April 2021 hatte ich eine Art Burn-out. Ich konnte noch gut für die Agentur arbeiten – aber sobald ich privat etwas ge­stal­ten wollte, bekam ich Panikattacken. Die zwei Jahre davor hatte ich viel zu viel gearbeitet, teilweise 18 Stunden am Tag – und plötzlich war ich schon damit überfordert, ein Programm zu öffnen. Am Anfang habe ich noch zwanghaft versucht, wei­ter­zu­­arbeiten. Es ist mir sehr schwergefallen, zu ak­zep­tie­­ren, dass eine Pause vollkommen in Ordnung ist und ja auch ­ge­­sund. Inzwischen mache ich Schritt für Schritt wieder mehr und achte dabei stärker auf meine Gesundheit.

»Man überwindet das Gefühl nicht, indem man nichts tut«

Die Hamburger Illustratorin Lisa Tegtmeier ist bekannt für ihre spielerischen, knalligen Bilder, die oft starke Frauen zeigen, Sie arbeitete schon für Adidas, Adobe, Nike, Google, »Die Zeit«, »The New York Times« und viele mehr. Bisher entstanden ihre Bilder vorrangig digital, seit kurzem malt sie auch analog auf Leinwände.

Kennst du das Impostor Syndrome?
Lisa Tegtmeier: Der Begriff begegnet mir immer wieder, vor allem bei anderen Kreativen. Als ich kürzlich mit Freundinnen aus der Kreativbranche gesprochen habe, hatten wir das Gefühl, dass es vor allem Frauen betrifft. Irgendwie scheint es noch in uns drin zu stecken, dass wir eher zurückhaltend sind und uns unter Wert verkaufen. Unser Selbstbewusstsein scheint oft nicht so ausgeprägt zu sein, wie bei manchen Männern.

Du kennst das Gefühl also auch persönlich?
Ja – wenn auch nicht so stark, wie ich es schon bei anderen gesehen oder gehört habe, etwa auf Instagram. Mir fällt es vor allem schwer, Komplimente und Wertschätzung anzunehmen. Ich tue das oft ab und sage: »Ich hatte Glück« oder »Das war Zufall«. Ich versuche dann, es mit etwas Externem zu begründen, statt mir einzustehen, dass ich das Lob einfach verdient habe. Es fällt mir schwer, einfach Danke zu sagen.

Ich glaube, alle Kreativen sind mehr oder weniger davon betroffen. Vielleicht, weil man immer etwas Persönliches von sich in die Arbeit steckt. Diese Selbstzweifel werden nie aufhören – man lernt aber, besser damit um zugehen. Zweifeln ist kein angenehmes Gefühl, aber es kann auch ein wichtiger Antrieb sein.

Oft taucht das Gefühl auf, wenn man sich an etwas Neues heranwagt. Geht es dir auch so?
Ja, tatsächlich habe ich kürzlich das erste Mal eine Leinwand bemalt. Das war im Rahmen eines Projekts für Porsche, das Bild sollte für einen guten Zweck versteigert werden. Es war eine größere Aktion, bei der auch Prominente aus der Kreativszene involviert waren, wie der Berliner Galerist Johann König. Da war mir schon etwas mulmig. Ich war sehr unsicher und dachte »Ich bin doch gar keine Künstlerin!« Ich habe mir echt viel Druck gemacht, sehr lange an dem Bild herumgebastelt und viele befreundete Illustrator:innen nach ihrer Meinung gefragt. Mittlerweile habe ich Gefallen daran gefunden und schon weitere Leinwände bemalt.

Was hilft dir, wenn du Selbstzweifel hast?
Neulich in einem Kundengespräch sagte mir jemand, dass ihnen die Welt gefalle, die ich kreiere. Da hat es bei mir Klick gemacht: Es stimmt, ich erschaffe eine eigene Welt mit meinen Arbeiten! Es ist nicht so wichtig, ob jedes Bild perfekt ist oder ob es digital oder auf Leinwand entstanden ist. Das hat mich beruhigt und mir vor Augen geführt, was ich schon geschafft habe. Und was für tolle Projekte ich schon umsetzen durfte. Mein Tipp an alle Kreativen, wenn sie an sich selbst zweifeln: Nicht verzweifeln, sondern einfach weitermachen! Man überwindet das Gefühl nicht, indem man nichts tut.

»Bei den Betroffenen herrscht ein deutliches Ungleichgewicht zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung«

Silke Vetter arbeitete selbst in verschiedenen Positionen in der Werbe- und Medienbranche, bevor sie gemeinsam mit Julia Bäumler das Coachingunternehmen Mind & Motion in Stuttgart gründete. In ihrer Arbeit mit Agenturen, Teams und Einzelperso­nen begegnet ihr das Impostor-Syndrom regelmäßig. Wir sprachen mit ihr darüber, warum es gerade in der Kreativbranche so weit verbreitet ist und was man dagegen tun kann.

Impostor Syndrom Silke Vetter

Wie definierst du als Profi das Impostor-Syndrom?
Silke Vetter: Es handelt sich um ein psychologi­sches Phänomen, bei dem Betroffene massive Selbstzwei­fel hinsichtlich ihrer eigenen Fähigkeiten haben. Sie glauben, dass Erfolge, die sie erzielt haben, nur durch Glück oder Zufall entstanden sind und nicht aufgrund ihrer Leistung. Viele denken, dass sie sich den Erfolg er­schlichen haben – daher Hochstaplersyndrom –, und leben in ständiger Angst, dass dieser vermeintliche Schwindel irgendwann auffliegt. Viele Betrof­fe­ne streben einen hohen Grad an Perfektion an, sie versuchen, keine Fehler zu machen oder sich immer mehr Wissen anzueignen, um diese geglaubte Scha­rade so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Das Syndrom taucht zwar im ICD-10 auf, der internationalen statistischen Klassifikation von Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, ist dort jedoch ganz klar nicht als Krankheit ausgewiesen. Des­halb sprechen viele Wissenschaftler:innen lieber von ei­nem Impostor-Selbstkonzept.

Wie lässt sich dieses Selbstkonzept von »normalen« Selbstzweifeln abgrenzen? Wann wird es problematisch?
Ab dem Moment, wo es zu extrem wird. Selbstzweifel kennen wir alle – sie können sogar ein guter Antrieb sein. Die meisten Menschen können eigene Erfolge aber dennoch anerkennen. In meinen Coachings frage ich meine Klient:innen nach ihren Erfolgsstorys, und wir sammeln dann die Kompetenzen, die dafür nötig waren. Im Gespräch schaue ich, ob die Person ihren Beitrag zu dem Erreichten tatsächlich anerkennen kann – oder ob sie Dinge sagt wie »Das war bloß Glück« oder »Das hätte jeder geschafft«. Wenn dieser Glaube zu extrem wird und zu sehr von positiven Gedanken abhält, kann dies auf das Impostor-Syndrom hinweisen. Bei den Betroffe­nen herrscht ein deutliches Ungleichgewicht zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Sie haben zudem oft große Angst vor negativer Kritik und eine überdimensionale Vorstellung von Kompetenz.

Kannst du sagen, welche Menschen anfälliger dafür sind?
In meinen Coachings erlebe ich es etwas häufiger bei Klientinnen, obwohl es Studien zufolge bei Männern und Frauen gleichermaßen auftritt. Ich denke, das lässt sich dadurch erklären, dass einige Frauen doch mehr um Anerkennung kämpfen mussten – und immer noch müssen – als Männer. Das Impostor-Selbstkonzept hat sehr viel mit Selbstwert und Selbstvertrauen zu tun, und diese sind stark durch Glaubenssätze geprägt. Vieles liegt in der Kindheit begründet: Hat man von den Eltern nur dann Wertschätzung erfahren, wenn man gute Noten nach Hause brachte? Oder wurde man bedingungslos als Mensch geliebt? Wenn man übermäßiges Lob erfahren hat und dann in der »realen« Welt erlebt, dass nicht alles so glatt läuft, kann die Aufrechterhaltung ­ei­nes äu­ßeren Scheins auch eine hohe Bedeutung be­kom­men. So oder so: Unser Selbstwert ist oft stark an den Leis­tungsgedanken geknüpft – ein Symptom unserer Leis­tungsgesellschaft.

Es gibt Berufsgruppen, in denen das Syndrom häufi­ger auftaucht – unter anderem in der Kreativbranche. Denn hier funktioniert viel über Vergleiche, Pitchsituationen – interne wie externe – sind Alltag. Immerzu wird nach Innovation verlangt, der Druck ist extrem hoch. Dazu kommt, dass Gestaltung subjektiv ist. Man kann nicht wie in der Mathematik genau sagen, was richtig und was falsch ist.

Betrifft es selbstständige Kreative mehr als Angestellte?
Nein, da erkenne ich keinen Unterschied. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass es Festangestellten schwerer fällt, darüber zu sprechen. Bei diesem Persönlichkeitskonzept geht es ja darum, dass die Menschen Angst haben, »aufzufliegen« – und versuchen, das um jeden Preis zu verhindern. Wenn ich glaube, eine Hochstaplerin zu sein, möchte ich auf keinen Fall, dass mein Chef oder Teamlead das mitbekommt. Freiberufler:innen fällt die Offenheit vielleicht etwas leichter, da sie mehrere Kunden haben und weniger um ihren Job fürchten müssen, wenn es doch jemand »erfährt«. Sie erleben nicht so eine starke Abhängigkeit.

Welche Tipps hast du für Menschen, die unter dem Syndrom leiden?
Das Wichtigste ist, erst mal zu erkennen, dass man betroffen ist, und das zu akzeptieren. Denkst du, du bist nicht gut genug? Bist du jemand, der selten um Hilfe bittet? Kannst du nicht gut mit Komplimenten umgehen? Denkst du, dein Umfeld überschätzt dich? Wenn du dich in diesen Aussagen wiederfindest, könnte es sein, dass du betroffen bist. Als Nächstes gilt es, mentale Kreisläufe zu durchbrechen und Glaubenssätze zu überprüfen. Bist du wirklich nicht gut genug – oder fühlt es sich nur so an? Man muss die eigenen Gedanken und Gefühle hinterfragen und mit den Fakten abgleichen. Und sich weniger mit anderen vergleichen.

Hilfreich ist auch, sich die eigenen Erfolge vor Augen zu führen, zum Beispiel in einem Tagebuch, und so den Fokus auf das Positive zu legen. Das funktioniert rückblickend. Vorausschauend den Erfolg zu visualisie­ren – so wie es professionelle Sportler machen –, kann auch gut funktionieren, ebenso wie achtsam mit Sprache umzugehen: »viel Erfolg« wünschen statt »viel Glück«. Diese Schritte kann jede:r für sich selbst machen. Ab einem gewissen Punkt ist es aber besser, sich mit jemandem auszutauschen. Die eigene Gedankenwelt alleine zu durchbrechen ist schwierig und hört gerne da auf, wo es unbequem wird.

Meinst du Austausch mit anderen Kreativen oder eher im Rahmen einer Therapie?
Eine Psychotherapie ist sinnvoll, wenn Betroffene eine Depression entwickeln. Dazu kann es natürlich kommen, wenn man andauernd versucht, eine Fassade aufrechtzuerhalten. Dieser Druck kostet viel Kraft, und das kann zu Dauerstress, Schlafproblemen und sozialer Iso­lation führen. Ist dies (noch) nicht der Fall, kann auch der Austausch mit anderen ausreichen, zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe. Es tut oft gut zu hören, dass andere dasselbe Problem haben. Und ein Coaching kann natürlich ebenfalls dabei unterstützen, sicherer bei sich zu sein und seinen Wert zu »er-kennen«.

Kennst du das Gefühl eigentlich auch persönlich?
Bezogen auf das Imposter-Syndrom weniger. Über­trie­benen Perfektionismus, den viele mit diesem Konzept ausgeprägt leben, jedoch sehr. Davon war ich selbst frü­her stark angetrieben. Was mir enorm geholfen hat, war die Einsicht, dass Fehler nahbar machen. Sie sind charmant! Ich mag Menschen lieber, die offen über ihre Fehler und nicht perfekten Seiten sprechen – und auch mal darüber lachen. Und ich hoffe, anderen geht es auch so. Fehler sind nun mal menschlich – und kein Zeichen dafür, dass man einen Job oder eine Position nicht verdient hat oder gar gänzlich »unfähig« ist.

Dieser Artikel ist in PAGE 03.2022 erschienen. Die komplette Ausgabe können Sie hier runterladen.

PAGE 3.2022

Kreative & Kunden ++ Ekel in der Markenkommunikation ++ Packaging Design: 5 Trends ++ Making-of Genderneutraler Variable Font ++ SPECIAL Studio ELLA ++ Making-of Literatur-Experience »Goethe VR« ++ Impostor-Syndrom bei Kreativen ++ Top 50: die kreativsten Agenturen ++ EXTRA PAGE Connect: Society Centered Design

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