PAGE online

Die neue Kreativität – ein Gastbeitrag von Chris Böhnke

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus haben sich als Katalysator für Kreativität entpuppt. Menschen und Unternehmen suchen nach neuen Wegen, um die Probleme zu lösen, die durch die Einschränkungen entstanden sind. Chris Böhnke von Fjord spricht in seinem Gastbeitrag über einen positiven Trend in der Krise und neue Herausforderungen an das UX/UI-Design.


Christian Böhnke über die neue Kreativität

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Innovation mit Technologie zu tun hat. Heute wird Innovation jedoch zunehmend durch den Einfallsreichtum von Menschen vorangetrieben, die unter schwierigen Umständen neue Wege finden, um ihr eigenes Leben neu zu gestalten. Dabei spielt Technologie oft eine Rolle, aber vor allem seit der Pandemie machen die Menschen kreativen Gebrauch von Werkzeugen, die ihnen das Leben ein wenig leichter machen.

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus haben sich als Katalysator für Kreativität entpuppt. Menschen und Unternehmen suchen nach neuen Wegen, um die Probleme zu lösen, die durch die Einschränkungen entstanden sind. Sogenannte „Life Hacks“ gibt es schon lange, aber das Jahr 2020 hat diesen Trend noch verstärkt. Die Einschränkungen der letzten Monate haben vieles hinterfragt: Wie wir unseren Tag organisieren, wen und vor allem welche Erlebnisse wir in unser Wohnzimmer lassen, an welchen Ereignissen und Erfahrungen wir unsere Beziehungen verankern.

Aus der Not haben Menschen geschaffen, was Unternehmen nicht so schnell konnten. Unternehmen müssen ihren Innovationsansatz neu ausrichten – sie müssen Werkzeuge anbieten, anstatt Lösungen vorzuschreiben, und die Menschen befähigen, kreativer zu werden. Suggestive (statt präskriptiver) Innovation bringt die Chance auf einschneidende Veränderung für Unternehmen mit.

Kreativteams: Co-Creation als Ergebnis

In der Designbranche predigen wir seit langem die Tugend der Co-Creation, um die bestmöglichen Produkte und Dienstleistungen zu schaffen, und Ko-Kreation hat sich als eine solide Methode bewährt. Jetzt sind Unternehmen jedoch gut beraten, wenn sie beginnen, Co-Creation als Ergebnis zu betrachten – und Werkzeuge und Plattformen zu entwickeln, die es den Menschen ermöglichen, selbst zu kreieren.

Kreativteams müssen einen Ökosystem-Ansatz verfolgen, um Plattformen zu entwickeln, auf denen Dritte andere Produkte und Dienstleistungen aufbauen können. Plattformen gibt es in vielen Formen – ein Beispiel ist ein Dienst wie Shopify, der kleinen und mittelständischen Unternehmen eine Möglichkeit bietet, an Kunden zu verkaufen. Im vergangenen Jahr war der Umsatz auf Shopify erstmals größer als der Umsatz auf eBay. Zum einen haben mehr Menschen online eingekauft, zum anderen haben mehr Unternehmen die Plattform genutzt, um diese Menschen während des Lockdowns zu erreichen.

Als Teil ihres Bestrebens, den Menschen als Mitgestalter zu sehen, müssen Unternehmen ihre eigene Rolle neu definieren – vom alleinigen Problemlöser, der auf alles eine Antwort hat, zum kollaborativen Ermöglicher. Sie müssen die Ko-Kreation nicht nur als Teil des Designprozesses begreifen, sondern als ein Ergebnis, das Menschen in die Lage versetzt, Technologie ihren Zielen entsprechend zu gestalten. Das israelische Start-up REE hat ein komplett flaches Elektroauto-Chassis entwickelt, auf das sich quasi jedes Karrosserie-Design aufsetzen lässt. Designkonzepte wie dieses sind für ein Autoindustrieland wie Deutschland höchst relevant.

Screendesign: Weg von der Gleichförmigkeit

Die große Mehrheit von uns verbringt heute viel mehr Zeit am Bildschirm, um mit der Welt zu interagieren – und sogar mit unseren Nachbarn. Infolgedessen ist vielen Menschen eine gewisse Gleichförmigkeit aufgefallen, die durch schablonenhaftes Design im digitalen Raum verursacht wird. Unternehmen sollten Design, Inhalt, Publikum und die Interaktion zwischen ihnen überdenken, um mehr Spannung, Freude und Abwechslung in die Bildschirm-Erlebnisse zu bringen.

Das Screendesign war in den letzten 25 Jahren von führenden Betriebssystemen dominiert – und eingeschränkt, was nicht selten die Kreativität gehemmt hat. Das hat auch zu einer Kommodifizierung geführt, die wiederum die Erwartungen der Menschen an Online-Erlebnisse gesenkt hat. Heute kann jeder mit Standardvorlagen und einfachen Tools zu minimalen Kosten eine brauchbare Website erstellen. Das hat Prosumer in die Lage versetzt, professionelle Standards bedienen zu können, und gleichzeitig die Hürde für Unternehmen höher gehängt.

UI-Design: Darauf kommt es jetzt an!

Das Vorhandensein von UI-Kits, die Standardisierung von Designsprachen und die Verwendung von automatisierten Designsystemen führen dazu, dass auch das UI-Design schnell eintönig wird. Dieser Mangel an Innovation hat unsere zunehmende Nutzung von Bildschirmen zu einer lästigen Pflicht gemacht. Bildschirm-Müdigkeit ist das Ergebnis eines Mangels an nonverbalen Signalen und einer übermäßigen Abhängigkeit von verbalen Informationen, die unsere kognitive Belastung erhöhen, was Online-Meetings ermüdender macht als Face-to-Face-Meetings.

Die Menschen wollen durch das, was sie auf dem Bildschirm sehen, herausgefordert und inspiriert werden, und Unternehmen, die diesem Anspruch gerecht werden wollen, müssen ihren Ansatz überdenken. In einer Zeit, in der die Menschen mehr denn je nach kreativen Inhalten und neuen Interaktionen hungern, werden Marken, die sich von veralteten Normen und restriktiven Designvorlagen lösen, diejenigen sein, die sich differenzieren. Mit dem richtigen Bildschirminhalt, vermittelt durch gutes Design, kann ein Publikum das Erlebnis auf dem Bildschirm genauso (wenn nicht mehr) fesselnd finden als ein Erlebnis in der physischen Welt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren