Typo in iOS 7

Die typografischen Neuerungen von iOS 7 haben viel Wirbel hervorgerufen. Hier kommen die beiden Schriftexperten Erik Spiekermann und Jürgen Siebert zu Wort.



 

 

Erik Spiekermann, Creative Director und Managing Partner von edenspiekermann, Berlin

Ich weiß noch nicht, worauf es genau hinausläuft. Auf jeden Fall wurde die Typografie von Designern gemacht, die die Grundzüge der Lesbarkeit nicht kennen. Abgesehen davon, dass Helvetica wegen der geschlossenen Formen und der Verwechselbarkeit von Zeichen wie l, I, i nicht gut geeignet ist für die Darstellung in kleinen Graden auf einem Bildschirm, sind die leichten Schnitte für größere Grade zugerichtet, also sehr eng gestellt. Das sieht in 24 Punkt auf Papier elegant aus, aber klein, schlimmstenfalls sogar negativ auf hellen Flächen, wirkt es, als hätte es ein 19-jähriger Studienanfänger gemacht.

Will Apple womöglich den Auftritt etwas weiblicher gestalten? Leichte Helvetica ist bei Kosmetikpackungen und Frauenmagazinen sehr beliebt und bei den trendigen Marken dort ein Ersatz für die Optima geworden. Immerhin weiß auch bei Apple jemand, dass es Alternativen gibt, denn unter »Enhanced Legibility« lässt sich das Interface wieder auf Helvetica Regular umstellen.

Ich finde es toll, dass endlich die doofen Pseudolederrahmen und Papierkanten verschwunden sind und nicht jedes Icon eine gewölbte Glanzfläche zeigen muss. Allerdings ist den Designern hier der Gaul durchgebrannt. Typografie ist ein sehr altes Handwerk, und manche Standards sind zu Recht bewährt. Diese zu ignorieren, das ist nicht revolutionär, sondern ignorant. Regeln zu brechen, die man gar nicht kennt, ist nicht mutig, sondern naiv. Aber das kann sich ja alles noch ändern.

 

 

 Jürgen Siebert, Vorstand von FontShop, Berlin

 

Die Aufregung war groß unter den Schriftenfans, als Apple am 10. Juni ihr neues mobiles Betriebssystem iOS 7 öffentlich vorstellte, live per Video-Keynote. Alle regten sich über die Neue Helvetica Thin auf. Khoi Vinh twitterte: »… sieht aus wie eine Schminktheke bei Macy’s«, Erik Spiekermann: »Leichte Schriften, groß gesetzt, müssen gesperrt werden« und Thomas Phinney: »Furchtbare Schrift, schwache Kontraste, der leichte Schnitt ist kaum lesbar«.

Alles heiße Luft, denn man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Erstens ist iOS noch lange nicht serienreif, zweitens hatte zu diesem Zeitpunkt noch keiner der Fernkritiker die Software selbst getestet. Und so verstummte während der einwöchigen Developer-Konferenz in San Francisco die Kritik langsam, als mehr und mehr über den Umgang mit Typo in iOS 7 bekannt wurde.

Tatsächlich werden Apples Mobilgeräte ab Herbst das höchstentwickelte Fonthandling bieten, das je in einem elektronischen Device zum Einsatz kam. Dafür sorgen sowohl neue Bausteine im Kern des Betriebsystems als auch individuelle Benutzeroptionen in den Einstellungen. Verantwortlich für die typografische Zukunftsmusik ist die neue iOSKomponente Text Kit, die auf Core Text aufsetzt. Mit dieser API ist es Entwicklern erstmals möglich, die Typografie ihrer Apps bis ins letzte Detail abzustimmen, und zwar sowohl die statischen Parameter (Größe, Laufweite, Strichstärke …) als auch das Design dynamischer Textelemente, zum Beispiel einen Twitter-Account-Namen einzufärben. Mit der Funktion »Dynamic Type« stellt Apple vordefinierte Schriftarten mit optischer Größenanpassung bereit.

Auch die Anwender haben über ihre Einstellungen Zugriff auf die Leserlichkeit. Für Normalsichtige gibt es unter »Allgemein« einen siebenstufigen Textgrößen-Regler. Menschen mit Sehbehinderung finden in den »Bedienungshilfen« weitere Optionen: noch größere Buchstaben, hellgraue Texte verdunkeln oder die Schrift einen Grad fetter stellen. Wenn also in Zukunft auf einem iPhone- oder iPad-Screen typografische Unfälle auftauchen, dann liegt das nicht an Apple, sondern an falsch eingestellten Parametern.

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4 Kommentare


  1. Andrea

    Und da MACs weniger Gewinn generieren, erhält MAC OS kein entsprechendes Update?

    Widersprechen sich die nachfolgenden beiden Zitate, oder fehlt der Zusammenhang?
    » sind die leichten Schnitte für größere Grade zugerichtet, also sehr eng gestellt. Das sieht in 24 Punkt auf Papier elegant aus«
    »Leichte Schriften, groß gesetzt, müssen gesperrt werden«

    Oder müsste das letzte Zitat – wenn es um Bildschirme ging – heißen:

    »Leichte Schriften, klein (in kleinen Graden) gesetzt, müssen gesperrt werden«


  2. Mehrlich Heinz

    Danke, dass Sie auch an die Sehbehinderten denken. Bill Rosenblatt sagte auf der Future Publishing and Accessibility Konferenz in Kopenhagen letzten Monat dass Sie damit gut 10 % mehr Leser gewinnen, wenn Sie diesen Personenkreis berücksichtigen. Diese ist sicher auch wirtschaftlich reizvoll.
    Ich setze mich innerhalb von Betroffenen-Verbände für die Zugehörigkeit alle Schrift-Informationen ein, für alle Lesebehinderte (Print-Disability).


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