Die neue Öko-Kultur!

Schluss mit der Nachhaltigkeit. Ein Manifest Hamburger Designbüros fordert: »Unsustain! Transform!«.




In der aktuellen PAGE 08.12 schreibt Jutta Nachtwey über »Nachhaltigen Nonsens«. Darin geht es auch um die Abkehr von bisherigen Nachhaltigkeits-Strategien, für die sich die beiden Hamburger Designbüros Mutter und BFGF engagieren. Unter dem Titel »Unsustain! Transform!« haben sie ein Designmanifest initiiert, das PAGE als erstes Medium publiziert. Sie stützen sich auf das Cradle-to-Cradle®-Konzept des deutschen Chemikers Michael Braungart und des amerikanischen Architekten William McDonough, bei dem die Materialien nicht im Müll landen, sondern im biologischen oder technologischem Kreislauf verlustfrei zirkulieren.

UNSUSTAIN! TRANSFORM!

Manifest für das wahre, gute und schöne Eco-Design

Nachhaltigkeit ist Umweltzerstörung! Denn sie beschränkt sich darauf, die Umweltbelastung zu reduzieren, den Energieverbrauch zu senken, die Müllberge zu verkleinern. Diese Weniger-schlimm-Strategie reicht aber nicht aus, um die globalen Probleme in den Griff zu bekommen. Also noch mehr sparen, verzichten, einschränken? Im Gegenteil. Wir müssen radikal umdenken. Und radikal handeln. Wenn wir Produkte schaffen, die in Herstellung, Gebrauch und Rückführung der Umwelt keinen Schaden zufügen und ihr sogar nützen, macht dies die Öko-Askese überflüssig. Das Ganze funktioniert so:

The End of Müll! Das Cradle-to-Cradle®-Prinzip, von Braungart/McDonough entwickelt, schafft Abfall ab. Alle Produkte, ob elektronische Geräte, Möbel, Kleidung oder Verpackungen, werden so konzipiert und gestaltet, dass ihre Bestandteile nach der Nutzung entweder in den biologischen Kreislauf (Biosphäre) oder in den technischen Kreislauf (Technosphäre) zurückfließen. Dies ermöglicht eine nahezu 100-prozentige Rückgewinnung aller Inhaltsstoffe. Was früher im Müll landete, avanciert nun zu ungiftigem Nährstoff und unvermischtem Rohstoff.

Designer als Transformator! Wir Gestalter müssen unsere Rolle neu definieren und uns zum Transformator wandeln. Wir müssen Verantwortung für den gesamten Lebenszyklus der von uns gestalteten Produkte tragen, indem wir dafür sorgen, dass diese sinnvoll in die Bio- und Technosphäre eingebunden sind. Wir gelten als Experten für Form, müssen aber zu Experten für TransForm werden. Wir sollten unsere Entwürfe als temporäre Materialisierungen begreifen. Die vorherige und künftige Form müssen wir mitdenken, mitgestalten und den Materialien dabei eine Art Reinkarnierbarkeit verleihen. Wenn wir das Design in dieser Weise transformieren, können wir dadurch Ökologie transformieren, Ökonomie transformieren, Gesellschaft transformieren. Uns geht es nicht um Erhaltung, sondern um Wandel! Anstelle von Sustainability setzen wir Transformability!

Eine neue Öko-Kultur! Design und Ökologie müssen eine neue Synthese eingehen. Wir müssen Formensprachen, haptische Qualitäten und visuelle Codes entwickeln, die das revolutionäre Potenzial und den ethischen Mehrwert unseres Designs transportieren! Lasst uns Objekte der Begierde von hoher Qualität schaffen! Unsere Produkte müssen so unwiderstehlich sein, dass selbst Leute, denen Ökologie egal ist, diese unbedingt kaufen wollen. Lasst uns Pioniergeist beweisen und durch unser Design eine neue Ökokultur begründen! Sie kann dem erforderlichen Wandel den fehlenden Rückenwind geben. Die Windstärke bestimmen wir!

Konsum statt Verzicht! Wir können dem Verbraucher eine neue Rolle anbieten und ihn zu einem kooperativen Konsumverhalten animieren. Statt im herkömmlichen Sinn Dinge zu verbrauchen, bis sie nahezu wertlos sind, kann er sie zeitweilig gebrauchen, bevor er sie zurück in die Materialkreisläufe gibt. So wird er selbst zum Nähr- und Rohstoffbeschaffer und kann daraus finanziellen Nutzen ziehen. Da die Stoffe immer wiederkehren, statt verbrannt, deponiert oder downgecycelt zu werden, senkt dies die Produktionskosten und die Preise. Selbst Konsumenten, denen es nicht um ein gutes Ökogewissen geht, motiviert der eigene Profit zur Kooperation. Die anderen, die aus schlechtem Ökogewissen ihren Konsum eingeschränkt haben, begreifen: Die neue Verwandlungskultur gibt dem Konsum einen neuen Sinn und macht den Verzicht im Prinzip überflüssig!

Klug wirtschaften! Wer immer noch glaubt, dass Ökologie zu teuer ist, wird für diesen Glauben teuer bezahlen müssen. Nicht nur, weil die Kompensationskosten für entstehende Umweltschäden wachsen werden, sondern auch, weil die Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr gerät. Sobald es in allen Branchen Unternehmen gibt, die ihre Produkte nach dem Cradle-to-Cradle®-Prinzip herstellen, werden die bisherigen Nachhaltigkeitsstrategien umso halbherziger erscheinen. Mit Imagepolitur ist der Vorsprung der anderen dann nicht mehr aufzuholen. Das herkömmliche Marketing taugt nicht dazu, unternehmerische Haltung und verantwortungsbewusstes Handeln zu ersetzen. Echte Haltung und konsequentes Handeln bieten aber umgekehrt den besten Stoff für neue Marketingansätze. Wer Waren nach dem Cradle-to-Cradle®-Prinzip produziert und vermarktet, sorgt für eine enge Kundenbindung, hat geringere Kosten für Rohstoffe und Marketing und erhöht seinen Gewinn! Ökologie bremst nicht mehr, sondern begünstigt wirtschaftliches Wachstum!

Vereinigt euch! Unternehmer, Hersteller, Ingenieure, Betriebswirtschaftler, Werber, Markenexperten dieser Erde, schließt euch uns Designern an und lasst uns gemeinsam die Weichen für ein neues Design, eine neue Wirtschaft, eine neue Konsumkultur stellen. Je schneller und konzentrierter wir anfangen, desto schneller werden unsere Erfolge sichtbar und desto mehr Gleichgesinnte werden diese Ideen als Multiplikatoren weitertragen.

UNSUSTAIN! TRANSFORM!

P.S.: Für das Manifest »Unsustain! Transform!« haben die Designbüros Mutter und BFGF eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die Jutta Nachtwey journalistisch unterstützte.


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8 Kommentare


  1. Kilian Rüfer

    Die Ansätze sind richtig, es muss an Taten statt an Worten gemessen werden. Was mir zu ideologisch daherkommt ist die Begriffsschelte für das Wort “Nachhaltigkeit”. All diese Lösungsansätze würden genauso gut auch die Hülse “Nachhaltigkeit” füllen können. Wirklich problematisch sind doch vielmehr die diversen grüngewaschenen Produkte, statt diejenigen mit leichter Nachhaltigkeit.


  2. Magnus Fischer

    Man sollte dem Aspekt besondere Beachtung schenken, dass sich hier Gestalter zu Wort melden, die vor allem den wirtschaftlichen Aspekt von Materialkreisläufen betonen.

    Viele “Designer” behaupten, dass sie mit den von ihnen gestalteten Produkten einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten. Ich denke dabei an GetränkePacks, die zu Taschen verarbeitet werden oder benutzte Teebeutel die sich in Lampenschirmen wieder finden. Bei diesen Beispielen frage ich mich aber, ob sich für die Allgemeinheit tatsächlich ein ernst zu nehmender Nutzen ergibt. Und welchen wirtschaftlichen Wert die Produkte letzlich besitzen. Wohin gehen die Güter nach ihrem zweiten Leben? Werden die Taschen von den Herstellern zurückgenommen? Ich denke nicht! Wer hat im Endeffekt von den Produkten profitiert?

    Das Manifest setzt sich deshalb dafür ein, dass Kreisläufe tatsächlich zu Ende gedacht werden. Als Designer muss man Verantwortung für den gesamten Produktlebenszyklus übernehmen. Das im Grunde sehr simple Konzept der uneingeschränkten Wiederverwendung von Rohstoffen lässt schlussendlich keine Zweifel an seiner ökologischen und ökonomischen Sinnhaftigkeit zu. Wenn es richtig angewendet wird!
    Der Absatz “the end of Müll” im Manifest bringt es für mich auf den Punkt. Hier wird deutlich, was “Designer” tatsächlich zu tun haben. Die Transformation bereits bei der aller ersten Erzeugung einzuplanen ist der eigentliche Beitrag zu einer zukunftsfähigen Ressourcennutzung! Schön, dass es dieses Manifest gibt.


  3. Jutta Nachtwey

    Danke für den guten Input! Ich bin die Autorin des Artikels „Nachhaltiger Nonsens“ in der Print-Ausgabe von PAGE 08.12. Da ich die Initiatoren des Manifests journalistisch unterstützt habe, kenne ich deren Beweggründe. Es geht ihnen bestimmt nicht darum, Feindbilder aufzubauen, sondern den Blick auf eine echte Alternative zu lenken. Das Cradle to Cradle®-Konzept bietet die Basis dafür, den Negativeinfluss des Menschen auf die Umwelt nicht nur ein bisschen zu reduzieren, sondern im Prinzip gänzlich zu unterbinden. Dieser Ansatz strebt sogar einen positiven Nutzen für die Umwelt an, wobei auch die Wirtschaft von diesen Produktionsweisen finanziell profitieren kann. Es geht also nicht um die Verbesserung, Verfeinerung herkömmlicher Strategien, sondern um ein radikales Umdenken – und dies erfordert tatsächlich einen anderen Begriff als den der Nachhaltigkeit. Eine Portion Provokation war im Manifest durchaus gewollt, denn viele hören beim Thema Sustainability gar nicht mehr hin, weil sich der Begriff in ihren Augen längst ad absurdum geführt hat. Transformability bietet neue Identifikationsmöglichkeiten und Stoff für unbedingt erforderliche Diskussionen – schön, dass Sie mit Ihrem Kommentar dazu als Erster einen so ausführlichen, interessanten Beitrag geleistet haben.


  4. Erik

    In Zeiten geplanter Obsoleszenz und des Überflusses finde ich das Manifest wegweisend für eine neue Generation von Designern. Bravo, die ersten Schritte sind getan. Allerdings scheint mir gerade die Titulierung und gleichsam der Appell “UNSUSTAIN!” sehr verkürzt in seiner Botschaft: “Nachhaltigkeit ist Umweltzerstörung!” -> Also bitte! Die Menschheit nimmt nun einmal Einfluss auf ihre Umwelt, sofern sie vorher festgelegt hat, was ihre Umwelt ist. Mag sein das Cradle-to-Cradle die Umwelteinwirkung der Menschheit mindert (positiv oder negativ), aber das ist nichts was nicht auch schon hinter dem Konzept Nachhaltigkeit zu finden ist.

    Mir scheint hier mit Absicht das Wort Nachhaltigkeit polemisch aufpoliert worden zu sein. In dem Manifest wird zu Recht das vorherrschende Primat der Ökoeffizienz kritisiert, das häufig mit Rebound-Effekten einhergeht (Bsp.: Kauf eines effizienteren Kühlschranks, der jedoch größer ist als der alte und im Effekt dadurch genauso viel verbraucht). Dem kann man nur Recht geben, aber das ist nichts was ausschließlich mit dem Wort Nachhaltigkeit verhaftet ist. Nachhaltigkeit ist Versuch Umweltgerechtigkeit zwischen heutigen und künftigen Generationen herzustellen. Was das im Detail heißt, ist immer nur ein temporäres Ergebnis permanenter Auseinandersetzung. Das klingt im Moment zwar unbefriedigend, ist aber die Grundvoraussetzung ständiger Veränderung.
    Das Manifest täte gut daran nicht irgendein Feindbild zu konstruieren (bzw. von Braungart zu übernehmen). Klar gibt es genug Ökomythen. Ich staune immer wieder, wie selbstverständlich sich auf die „Umwelt“ bezogen wird. Dabei haben wir es gerade hier mit einem Heer von wandelnden Metaphern zu tun. (Ad absurdum wird dies wenn wir die System/Umweltabgrenzung soweit treiben, dass wir auf einmal Biowasser kaufen können) Nur weil C2C sich probiert als Negation zu Nachhaltigkeit aufzustellen, entzieht es sich nicht allen Ökofallen.

    In diesem Sinne:

    “Der wahre ‘Anthropomorphismus’ liegt im Begriff von Natur, der stillschweigend von jenen vorausgesetzt wird, die den Menschen der Natur gegenüberstellen: die Natur als eine zirkuläre `Wiederkehr des Gleichen`, als das deterministische Königreich der unerbittlichen `Naturgesetze`, oder Natur als ein harmonisches, ausgewogenes Ganzes von kosmischen Kräften, das durch die Hybris des Menschen, durch seine pathologische Arroganz, zum Entgleisen gebracht wurde. Gerade dieser Natur-Begriff ist zu `dekonstruieren`.” (Slavoi Zizek 1996)


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