Typo-Power

Ab sofort im Handel: PAGE 04.2012



Editorial: Sollbruchstellen

Sowohl das Logo als auch die Thalia-Seite sehen richtig beschissen aus. Besonders störend ist, dass es keine
Sil­bentrennung gibt, sondern Wörter einfach abgeschnitten werden und der Rest – und sei es auch nur ein Buchstabe! – dann in die nächste Zeile rutscht.« Mit diesen Worten kommentierte auf   designtagebuch.de  ein Kritiker im Oktober 2009 das neue Erscheinungsbild des Thalia Theaters.

O ja, das radikale Redesign von Mirko Borsche, bei dem die Headlines ohne eine erkennbare Regel umbrochen wurden, spaltete die Gemüter. Der Auf­-tritt wirkte weniger durchgestaltet als zuvor, die Bildmarke war kantiger geworden, die Bildwelt schwarz-weiß und die Typografie von kalligrafischer Anmutung. »Zu ei­nem Ort wie einem Theater, an dem es im Idealfall zu Ge­dankenanstö­ßen und zu neuen Aus­drucks­for­men kommt und das durch Wandel sowie Non-Konformität Haltung annimmt, passt eine solche Erscheinung. Sie polarisiert und ist nicht beliebig«, kons­tatier­te Malte Metag dann auch in seinem Blog.

Und dieser Diskurs war durchaus als gutes Zeichen zu werten. Denn Gestaltung, die nicht provoziert, ist langweilig und wirkungslos. Design braucht Unfertiges, Unbequemes. Nur dann ist es lebendig. Bei der Vernissage zu der Aus­­stellung »Unplugged. Mirko Borsche. Design Works« in der Münchner Pinakothek der Moderne hob Florian Hufnagl, Direktor der Neuen Sammlung, entsprechend Borsches »Lust am Widerspruch, an der vorsätzlichen Kon­­fusion und am anarchischen Verwirrspiel« hervor.

Tom Ising vom Münchner Designbüro Herburg Weiland kreiert durch unorthodoxen Schriftsatz ebenfalls sou­veräne, überaus flexible Auftritte. Man denke nur an das Erscheinungsbild des Residenztheaters oder das des READ Fes­tivals, die er beide mit seinem Team entwickelt hat. Darum haben wir ihn gebeten, unser Titelthema »Typopower« (Seite 22 ff.) auf dem Cover umzusetzen – und das Konzept dann auch gleich auf unser Booklet »Job & Karriere« zu übertragen. Und siehe da, auch in diesem Fall zeigt sich, dass ein Regelbruch einem konsis­ten­ten Auftritt keinen Abbruch tut.

Gabriele Günder,
Chefredakteurin/Publisher

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