TYPO Berlin 2015: Viele Highlights und reichlich Leidenschaft

Character, wie das Thema der TYPO Berlin hieß, sind nicht nur Buchstaben, sondern auch Charaktere, Leute mit Persönlichkeit – und davon hatte die Designkonferenz reichlich. Zu ihnen gehören Erik Spiekermann, Christoph Niemann oder Erik Kessels ebenso wie Konstantin Grcic und Aaron James Draplin. Leider gab es aber auch eine Absage.



Niemann

»Wow, das hört gar nicht auf mit der Inspiration«, stupste die Nachwuchsgestalterin einer Wiener Agentur glücklich ihre Freundin an, nachdem Aaron James Draplin, Draplin Design Co., aus der Hipster-Metropole Portland, Oregon, erst mit Hardrock und dann mit großartigem Logo-Design begeisterte, das von der Hot-Dog-Bude Cobra Dog über Bon Iver und Nike bis zu Obama reichte – und anschließend den Gestaltern den Rat mitgab, dass sie, so wie er mit seinen überaus erfolgreichen Notizbüchern Field Notes, ihre eigenen Sachen machen sollten, nicht aufs Geld schielen, aber es auch nicht in den Rachen von Auftraggebern schmeißen, die einen erst im Preis drücken, um anschließend mit einem nagelneuen Range Rover an einem vorbei zu heizen.

So startete der letzte Tag der TYPO Berlin, auf der geschickt In-Depth-Typografie und eher sperrige Themen wie die Lizenzierung von Schriften (Peter Bilak stellte ein revolutionäres neues Modell vor über das wir Mittwoch ausführlich berichten) mit unterhaltsamen One-Man- oder One-Woman-Shows kombiniert wurden, Themen wie »Mehrwert für die Unsichtbarkeit von Schriften schaffen« oder »Bulgarisch Kyrillisch« auf The One And Only Jon Burgerman trafen, einem Englishman in New York, der mit kleinsten Dingen große Sachen macht. Oder wie er es sagt, die Realität mit kleinen blips, mit Leuchtpunkten, markiert.

In der New Yorker Subway positionierte er sich vor ein paar Monaten so vor Filmplakaten auf denen geballert wird, dass er – samt Photoshop-Blut – scheinbar mausetot zu Boden geht oder formte Jeff Koons Skulpturen aus Knetgummi nach und verkaufte sie zu einem Spottpreis vor dessen Retrospektive im Withney Museum of American Art.

George Zisiadis hingegen lud in San Francisco Leute zum Tanzen inmitten von Räumen voller Luftballon ein, er installierte an Straßenkreuzungen Beatboxen, die Herztöne in Popsongs verwandeln oder Sitzbänke auf denen die Städter sich gemeinsam im Kreis drehen können und so ins Gespräch kommen.

Very american ging es auch bei Josh Higgins zu, der eines Tages eine Mail vom Obama Office bekam mit der Anfrage, das Designteam für die Kampagne 2012 zur Wiederwahl Obamas zu leiten. Dass er heute das Communication Design Team bei Facebook anführt, ging fast unter bei der spannenden Arbeit für den Präsidenten, dem Terminwahnsinn der damit verbunden war, den riesigen Design-Manuals, den Websites, Kampagnen-Bussen, Stickern oder Broschüren, die sie allesamt gestalteten. Einen Clip zur aktuellen Friends-Kampagne von Facebook gab es dann aber doch noch zu sehen und die Entwicklung des Messenger-Logos.

Bewährte Größen wie Erik Kessels von KesselsKramer aus Amsterdam standen auf der Bühne, Chef eines Designstudios, das seit vielen Jahren mit seinen Kampagnen für das Hans Brinker Hostel Furore macht, dessen Low-Budget-Qualitäten es mit viel Freude und zahlreichen Unappetitlichkeiten herausstellt, für Ecover Enten demonstrieren lässt oder Schüler verschiedener Schulen in einer selbst-erkauten Kaugummi-Skulptur vereint – und dabei feierte er das Unperfekte genauso wie die aufwändige Fotografie von Kühen und zeigte, warum man auf Leidenschaft anstatt auf Perfektion setzen sollte.

Während die junge Australierin Gemma O’Brien mit ihren kunstvollen Typografie-Murals mitriss, diskutierten Erik Spiekermann und Designer Konstantin Grcic über die Haltung von und im Design – Spiekermann nannte seine getrieben von Neugier, Grcic legt vor allem auf Unabhängigkeit wert – erzählte der umwerfende Illustrator Christoph Niemann zum Abschluss der Konferenz, wie wichtig es für ihn war, die großen Auftraggeber in New York sausen zu lassen und nach Berlin zu ziehen, warum man unbedingt seine Comfort Zone verlassen muss, sich nicht in den Ansprüchen anderer verlieren sollte – und er immer Geld für sechs Monate Überleben auf dem Konto hat.

So bewahrt er sich seine Unabhängigkeit, den Luxus auch mal Nein zu einem Auftrag zu sagen – und bekräftigte wie wichtig das Handwerk sei, die Arbeit am eigenen Können, wie er Coding gelernt hat bevor er seine erfolgreiche Kinderapp Streichelzoo entwickelte und dazu liefen im Hintergrund seine großartigen Arbeiten wie die Cover für das ZEITmagazin oder die Atom-Kirschblüte für The New Yorker über die Leinwand.

Nur einer fehlte. Leider! Daniel Josefsohn wollte sein Buch Fuck Yes vorstellen, doch lag mit gebrochenem Arm im Krankenhaus. Doch auch so war das Programm zum 20. Jubiläum so prall wie nie zuvor, vereinte Typografie, Grafikdesign, Kunst, Soziologie, Philosophie, alte Bekannte und Neuentdeckungen und zeigte dabei, wie mitreißend es ist, immer wieder die Grenzen der Disziplinen zu überschreiten.

Und auf Josefsohn freuen wir uns schon Mal im nächsten Jahr. Herzlich eingeladen wurde er zur TYPO Berlin 2016, die vom 12.-14.Mai statt finden wird und Beyond Design zum Thema hat.

Bild oben: Christoph Niemann




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