Typo Berlin 2014: Grillkultur und Beyoncé

Nachdem der erste Tag der TYPO Berlin 2014 mit den rockenden Schweden von SNASK zu Ende ging, begann der zweite mit Typo-Legende Gerrit Noordzij, der mit seinen 82 Jahren genau so viel Biss zeigte.



Als die Macher der Typo Berlin den großen Typografen und Lehrer Gerrit Noordzij im letzten Jahr einluden zum Konferenz-Thema Roots zu sprechen, sagte er sofort zu – doch dann zwang eine Neuralgie ihn, zu Hause zu bleiben und so reisten Jürgen Siebert und Erik van Blokland zu ihm nach Holland und filmten ein Interview in dem Noordzij wunderbar lakonisch einen typografischen Rundumschlag leistet, gespickt mit herrlich Spitzen, Konklusionen und einer starken Meinung.

Ein spannender Anfang des zweiten Typotages und sobald Noordzij selbst das Filminterview gesehen hat, wird das Typo-Team es im Netz bereitstellen.

Nachdem Sascha Lobe, Gründer und Kopf des Kreativstudios L2M3 die neue visuelle Identität des Bauhaus-Archivs Berlin vorgestellt hatte, die konsequent mit der vorherigen Bildwelt bricht, musste man sich anschließend sein morgiges Grillwürstchen verdienen – bei dem Vortrag von Kommunikationsdesigner Holger Schmidhuber und Hans-Jürgen Herr vom Grillhersteller Weber, der die große Typo-Party sponsert und dessen neue und äußerst erfolgreiche Corporate Identity (die Erinnerungen an BEEF! weckt) Fünfwerken entwickelt hat.

Boris Brumnjak hingegen erzählte nicht nur mit welcher Leidenschaft und Ausdauer er Plakaten für seine umfangreiche Sammlung schwarzweißer Prachtexemplare hinterherjagt, sondern zeigte vor allem auch, wie er sie in mühevoller Kleinarbeit abzeichnet.

Und dann wurde es bunt! Mit Jim Avignon, der in den 80ern mit kaputtem Auto in Avignon strandete, dort als Straßenkünstler und mit Dali-Motiven das Geld für eine Reparatur zusammenmalte, später zum malenden Gesicht der Technobewegung wurde, Trucks der Love Parade gestaltete, sich irgendwann in lukrativen Angeboten der Industrie verlor – und schließlich wieder zurück fand in seine künstlerische Spur.

Vorbilder für seine kunterbunte und durchaus Typolastige Kunst sind die Peanuts ebenso wie Charlie Chaplin und Andy Warhol. Und bevor er sich mit der Feststellung Good Artists Go To The Museum, Bad Artists Go Everywhere verabschiedete, prangerte er die aktuell so selbstverständliche Selbstausbeutung an, bei der Praktikanten ohne Gehalt schuften und die Like-Kultur, bei der ein schneller Daumen hoch oder runter plötzlich einen Wert bekommt, den er so gar nicht verdient.

Heute Abend dann wird einmal mehr David Carson auf dem großen Stage der Typo Berlin stehen – doch es wird schwer zu toppen sein, was das schwedische Studio SNASK gestern zum Tagesausklang bot: Gemeinsam mit der schwedischen Band VÄG, die in Bischofskostümen auftrat, führen sie bei ordentlich Bier durch ihr wildes Portfolio, das von trashigen Kung-Fu-Persiflagen zu seriösen Großbanken-Identäten führt, schwangen das Tambourin, schüttelten zu Beyoncè-Klängen den Arsch, bedienten das Bild der durchgeknallten Werber, die einfach nicht erwachsen werden – und zeigten gleichzeitig wie herrlich es ist, sich selbst einfach nicht zu ernst zu nehmen.




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