Tazugane Gothic: eine japanisch-lateinische Kombi 

Ein Gespräch mit Akira Kobayashi, Gestalter der europäisch-asiatischen Schrift Tazugane Gothic, die die Lesbarkeit der lateinischen Frutiger mit den Traditionen der japanischen Schreibkunst vereint.



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Akira Kobayashi, Kazuhiro Yamada und Ryota Doi von Monotype Studio gestalteten die Tazugane Gothic, die es in zehn Schriftstärken gibt, auf der Basis der klassischen Schrift Neue Frutiger. Beide Zeichensätze sind so aufeinander abgestimmt, dass sich Texte mit japanischen und lateinischen Zeichen wie aus einem Guss gestalten lassen. Mögliche Anwendungsgebiete sind neben Zeitschriften, Büchern und anderen Printmedien alle nur denkbaren digitalen Einsätze, Branding und Corporate Design, bis hin zur Beschilderung von Gebäuden, Straßen und öffentlichem Nahverkehr.

Einzelne Schnitte von Tazugane Gothic sind für 179 Euro erhältlich, die gesamte Schriftfamilie mit 10 Schnitten kostet 999 Euro. Für die Tazugane Gothic Body Text Collection mit den Schnitten Light, Book, Regular, Medium und Bold muss man 599 Euro bezahlen, ebenso für die Tazugane Gothic Headline Collection mit den Schnitten Ultra Light, Thin, Heavy, Black und Extra Black. Bis zum 9. März 2017 bietet Monotype auf alle Tazugane-Pakete einem Einführungsrabatt von 50 Prozent.

Die Schriftfamilie lässt sich über MyFonts, Fonts.com, Linotype.com und FontShop beziehen. Für Großunternehmen sind verschiedene Lizenz-Modelle im Angebot.

PAGE: Sie haben mit einem dreiköpfigen Team in fast drei Jahren die 10-schnittige Schrift Tazugane Gothic entwickelt. Warum ein solches Großprojekt?
Akira Kobayashi: Weil unser Ausgangspunkt die lateinische Schrift und die Vielfalt der westlichen Typografie war, genauer: die Schrift Neue Frutiger, mit 10 Strichstärken und ihrer wegweisenden humanistischen Formgebung.

Beginnt also mit Tazugane eine neue Epoche im japanischen Schrift-Design?
Ich denke, dass Tazugane für die westliche Welt essenzieller ist als für meine Heimat. Es sind gerade die weltweit operierenden Unternehmen, die bei der Kommunikation und dem Marketing im Japanischen an Grenzen stoßen. Wahrscheinlich haben Sie das schon selbst im Kleingedruckten von mehrsprachigen Verpackungen und Beipackzetteln gesehen …, dass asiatische Schriften wie ein Fremdkörper wirken. Oder denken Sie an die Leitsysteme internationaler Flughäfen, oft in zwei oder mehr Sprachen gestaltet. Hier erlaubt Tazugane, wie einst Frutiger, eine ganz neue, harmonische Signalisation.

Warum harmonieren die lateinischen und japanischen Zeichen seit Jahrzehnten nicht miteinander?
Weil beim Setzen von Texten kombiniert wird, was die Schriftmenüs von Mac oder PC hergeben. Am Ende sehen dann die asiatischen Texte fetter, oder enger, oder größer aus … manchmal alles zusammen. Die meisten typografischen Gestalter vergessen, dass viele Digitalschriften in den Betriebssystemen noch aus der Bleisatzzeit stammen und lediglich für die Arbeit am Computer optimiert wurden. Dabei ist vor allem die Qualität der lateinischen Zeichen in den CJK-Schriften fragwürdig, alleine wegen der kurzen Unterlängen. Das Phänomen hat bis ins digitale Zeitalter überlebt.

Vor 50 Jahren war das okay, als es in japanischen Texten wenig Fremdwörter gab. Heute werden viel mehr Wörter aus europäischen Sprachen verwendet, gesetzt in lateinischen Zeichen. Daher ist der Bedarf groß für eine japanische Schrift von hoher Qualität, die einwandfrei mit lateinischen Zeichen harmoniert. Das war einer der Gründe, warum wir Tazugane entwickelt haben.

Nun gibt es also mit Tazugane Gothic eine japanische Version der Frutiger … das löst aber nicht das Problem, das beim Rest der 49.999 gebräuchlichen Schriften weiterhin existiert.
Das sehe ich anders … tatsächlich glaube ich, dass Tazugane eine Lösung für mehr als 50 Prozent der westlichen Corporate Designs sein kann, denn unsere japanischen Glyphen vertragen sich mit weit mehr lateinischen Schriften als nur der Frutiger, was vor allem an der Vielseitigkeit dieses Klassikers liegt. Wir haben uns beim Entwerfen der japanischen Zeichen von der Lesbarkeit und der Universalität Frutigers leiten lassen. Gepaart mit den zehn Strichstärken passt Tazugane garantiert zu allen humanistischen Sans-Serifs, zum Beispiel den im Corporate Design so beliebten FF Meta, Thesis, ITC Officina, Myriad und so weiter, aber durchaus auch zu Helvetica-, Futura- und auch DIN-artigen Schriften.

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Gibt es Hoffnung für die Freunde von Futura oder Avant Garde, dass es irgendwann eine geometrischere Kanji-Schrift geben wird?
Wir haben da in der japanischen Schriftwelt ein anderes Stilverständnis. Es ist nicht so schwer, eine geometrische Latin wie Avant Garde oder Futura zu entwerfen, mit kreisrunden Formen bei o, d, p und so weiter. Im Japanischen funktioniert das nicht. Solche Versuche führen zu Roboter-Schriften, die allenfalls auf Displays oder in Headlines akzeptiert werden, aber nicht für Fließtexte.

Das heißt Sie ignorieren den optischen Klassenunterschied zwischen – sagen wir mal – einer Futura (geometrisch) und einer Helvetica (Grotesk), eine Stilzone, die bisher Platz für hunderte von Varianten bot, ohne dass jemals ein Schriftentwerfer dem anderen vorwarf, er habe seine Idee kopiert?
Mir sind diese Unterschiede sehr bewusst, und ich selbst bewege mich als Entwerfer lateinischer Schriften seit 20 Jahren auf diesem Terrain. Verlassen wir allerdings den geschlossenen Raum der westlichen Schrift und betrachten wir die Kombination japanischer und lateinischer Schriftzeichen, dann rücken die stilistischen Unterschiede der lateinischen Zeichen in den Hintergrund.

Nur wenige Leser in Japan haben ein geschultes Auge für die feinen Differenzen der lateinischen Schriftarten, und den westlichen Lesern erschließen sich ebenso selten die Raffinessen unserer Kanji-Zeichen. Was wir aber alle sofort erkennen ist, wenn eine uns fremde Schrift zu leicht, zu luftig oder zu groß erscheint. Und genau das löst Tazugane Gothic, basierend auf dem genetischen Code von Neue Frutiger.

Nach der reinen Lehre passt keine japanische Schrift 100-prozentig zur einer Lateinischen, weil beide unterschiedlicher Abstammung sind.

Das heißt, wenn meine vielsprachigen Texte ab sofort harmonisch aussehen sollen, in Book und in Medium, benötige ich einfach nur diese beiden Schnitte von Tazugane und der Neuen Frutiger?
Für ein Leitsystem oder eine Visitenkarte nicht mal das, denn die beiden Tazugane-Fonts enthalten die wichtigsten lateinischen Zeichen aus der Neue Frutiger, damit sich kurze gemischtsprachige Texte setzen lassen. Für latein-basierte Lesetexte empfehlen wir die klassische Neue Frutiger. Sie ist erstens für diesen Zweck optimiert, und zweitens sind die Latin-Zeichen in Tazugane 8 Prozent größer, mit leicht nach unten versetzter Grundlinie.

 


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