Macht mehr Wind, Typeladies!

Es gibt gar nicht so wenig weibliche Typedesigner, sie ziehen nur nicht so gerne die Aufmerksamkeit auf sich. Fünf erfolgreiche Schriftgestalterinnen stellen wir Ihnen hier vor.



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Die Zeiten, dass Schriftgestalter Ton­nen von Blei schleppen mussten, sind schon lange vorbei, und so richtig schmut­zig macht man sich dabei heute auch nicht mehr. Nichtsdestotrotz ist das Typedesign nach wie vor von Männern dominiert. Doch die Frauen sind im Kommen. Egal, ob in Blogs, auf Behance oder bei MyFonts, häufiger als früher begegnen einem Entwürfe von Gestalterinnern: Scriptfonts, Lette­rings, experimentelle Typen, aber auch ganze Textfamilien. Dazu haben nicht nur die durch Internet und Social Media wesentlich ver­einfachten Publikationsmöglichkei­ten beigetragen, sondern auch die Öff­nung verschiedener Länder.

»Global betrachtet wächst der Anteil weiblicher Schriftgestalter«

So zeigen beispielsweise immer mehr Typedesignerinnen aus Russland Präsenz in Europa – eine erfreuliche Tendenz. »Global betrachtet wächst der Anteil weiblicher Schriftgestalter«, be­stä­tigt Andrea Tinnes. Die Professorin für Schrift und Typografie an der Burg Gie­bichenstein Kunsthochschule Halle warnt aber vor zu viel Euphorie: »Wenn man sich etwa das aktuelle ›Yearbook of Type‹ von Slanted anschaut, finden wir dort einen Frauenanteil von etwa 12 Prozent. Es ist also noch ein weiter Weg.« Auch beim Schriftencontest des TDC New York überwiegen die männlichen Gewinner deutlich.

Ganz unabhängig vom Geschlecht hat Typedesign in den letzten Jahren einen enormen Boom erlebt. »Das Interesse an Alphabeten und nicht lateini­schen Zei­chensystemen ist enorm gestiegen«, so Andrea Tinnes. In den Kom­munikationsdesignstudiengängen gibt es ent­sprechend mehr Angebote, die Mas­ter­programme der University of Rea­ding, der Koninklijke Academie van Beelden­de Kunsten in Den Haag (KABK) und der Ecole cantonale d’art de Lau­sanne (ECAL) verzeichnen großen Zuspruch. »Damit steigt unweigerlich auch der Anteil an Gestalterinnen – und das ist gut so.«
In den Masterkursen in Den Haag und Reading ist der Anteil von Frauen und Männern in etwa ausgeglichen, an den Hochschulen allgemein sind es so­gar deutlich mehr Frauen als Männer, die ein Designstudium beginnen. Tatsächlich hat Andrea Tinnes beobachtet, dass ausgesprochen viele Studierende, unabhängig vom Geschlecht, typografiebegeistert sind. »Das grund­sätzliche Interesse für Schriftgestaltung ist gleich verteilt; das weitergehende, vertiefte Arbeiten, also die intensive Fokussierung auf Schriftentwicklung, findet sich aber vor allem bei männlichen Studen­ten. Das muss ich leider so feststellen.«
Wenn Nora Gummert-Hauser, Professorin für Typografie und Editorial De­sign an der Hochschule Niederrhein in Krefeld, einen Typedesignkurs anbie­tet, belegen diesen ungefähr gleich vie­le Studentinnen und Studenten, aber nur wenige halten durch. »Wenn es ans Feintuning geht, fehlt – egal, ob Mann oder Frau – oft der letzte Biss. Und von diesen wenigen gibt es dann auch nur einen geringen Prozentsatz von Begeis­terten, die sich vorstellen, daraus einen Job fürs Leben zu machen.«
Im Gespräch hatte die Professorin zunächst nicht den Eindruck, dass Frau­en heute als Typedesignerinnen stärker öffentlich wahrgenommen werden. Als sie aber daraufhin das »Typodarium 2014« genauer unter die Lupe nahm, stellte sie fest, dass dort 47 Frauen an 72 Tagen vertreten sind, auf 365 Tage hochgerechnet gut 20 Prozent. Nicht aus­geglichen, aber doch mehr, als sie erwartet hatte. »Ob dies Eintagsfliegen sind, also Einzelentwürfe, die aus Lust und Laune heraus entstanden sind, oder ob es sich hierbei um Frauen han­delt, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, weiß ich allerdings nicht.«

Die Herangehensweise an Schriftgestaltung unterscheidet sich bei Männern und Frauen nicht: »Das ist indi­viduell unterschiedlich. Es gibt die experimentellere Fraktion, die keine Angst hat, sich die Finger schmutzig zu machen, und die anderen, die sich lieber direkt auf die digitalen Zeichenwege begeben und ohne Apfel-Z nicht überleben könnten. Egal, wie der Beginn ist, nachher landen sie alle bei Font­Lab«, so Nora Gummert-Hauser.
Dennoch werden weibliche Type­de­signer gerne mit Script- und Or­na­ment­fonts in Verbindung gebracht. »Es ärgert mich, dass durch solche Zu­ord­nun­gen Geschlechterklischees ver­fes­tigt und Konnotationen weitergeführt wer­den. Zum Beispiel dass geschriebe­ne, organisch-florale Formen als weib­lich gel­ten, während fette, seri­fen­betonte Schriften männlich wirken«, kritisiert Andrea Tinnes.

»Geschriebe­ne, organisch-florale Formen gelten als weib­lich, während fette, seri­fen­betonte Schriften männlich wirken«

Die Kursergebnisse an der Hoch­schu­le Niederrhein bestätigen diese Zu­ordnung nicht. »Trotzdem scheint es ein häufiges Phänomen zu sein«, meint Nora Gummert-Hauser. Zum einen habe dies wohl mit dem gestalterischen Retrotrend der letzten fünf Jahre zu tun, der Lettering und Kalligrafie zu ei­nem Hype verhalf, zum anderen mit ei­ner grundsätzlichen gesellschaftli­chen Regression. »Das zeigt sich in der Mode (Spitzen und Rüschen), bei der Farbe der Kleidung (rosa, mit und ohne Punkten), Schulbüchern (rosa und hell­blaue Lernhefte für Mädchen und Jungen ge­trennt, sogar mit unterschiedlichen re­daktionellen Inhalten) oder Museums­eröffnungen (Barbie Dreamhouse in Berlin-Mitte). Was soll ich sagen? Wir waren schon mal deutlich weiter.«

Eines zumindest ist sicher: Es gibt mehr Typedesignerinnen, als wir an­neh­men. Bei TypeTogether arbeiten au­ßer den Gründern Veronika Burian und José Scaglione vier Mitarbeiter, alles Frauen; bei The Font Bureau in Bos­ton vier Männer und drei Frauen; bei Dalton Maag in London achtzehn männ­liche und sieben weibliche Typedesigner; und bei Monotype sind drei von sechzehn Typedesignern weiblich. Warum man von all diesen Frauen nur so wenig hört, fasst Nora Gummert-Hauser sehr treffend zusammen: »In die­ser Branche ist es immer noch ein wenig wie früher: Die männlichen Plau­dertaschen stehen an der Front und machen Wind, die weiblichen Ameisen machen die Arbeit.«
Die fünf Typedesignerinnen, die wir Ihnen hier vorstellen, haben ganz unterschiedliche Ansätze, scheren sich aber allesamt überhaupt nicht um Geschlechterklischees. Es eint sie die Liebe zur Schrift und ein Faible für detailge­nau­es Arbeiten. Und sie verdienen Geld damit!




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