Leichter lesen

Der Designer Bernd Hülsmann gestaltete eine Schriftfamilie, die Menschen mit wenig oder keiner Leseroutine das Lesen lernen erleichtern soll.



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Semikolon Plus heißt die Serifenlose, deren Buchstaben so gestaltet sind, dass Verwechslungen einzelner Zeichen möglichst ausgeschlossen sind. Für die 7,5 Millionen deutsche Erwachsene, die zu den funktionalen Analphabeten gehören, aber auch für Flüchtlinge, die noch nie Kontakt mit dem lateinischen Schriftsystem hatten, wollte Bernd Hülsmann eine Schrift entwickeln, die durch geschickt gestaltete Buchstabenformen das Lesen erleichtert und dabei ernsthaft aussieht. Denn die verspielten Schriften oder gar die Comic Sans, die häufiger in Lerntexten für Kinder zum Einsatz kommen, empfindet nicht nur Bernd Hülsmann für Erwachsene als Zumutung.

Beim Bundesverband für Alphabetisierung in Münster informierte sich Bernd Hülsmann über die Bedürfnisse seiner Zielgruppe. Er erfuhr beispielsweise, dass Menschen ohne viel Lese-Vorerfahrung die offeneren, einfacheren Formen einer Serifenlosen bevorzugen – auch wenn Antiquas im allgemeinen als besser lesbar gelten, weil die Serifen bei der Zeilenbildung helfen. Erwachsene Leseanfänger gehen buchstabierend vor, lesen also nicht in Wortbildern, so dass eine gute Unterscheidbarkeit der Buchstaben besonders wichtig ist. »Umso erstaunlicher war es, dass die Informations- und Lehrmaterialien des Bundesverbandes in einer Art Futura oder einer Helvetica-ähnlichen Druckschrift gesetzt waren – nicht gerade ideal,« sagt der Gestalter.

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Das n in der Semikolon Plus hat einen Einschnitt in der Schulter und unterscheidet sich so vom u. Um zu vermeiden, dass r und n zusammenlaufen und wie ein m aussehen – was bei der Helvetica leicht passieren kann – hat das r in der Semikolon Plus einen schrägen Ansatz oben an der Ecke und der Einschnitt ist etwas tiefer. Das kleine l grenzt sich mit Bogen am Fuß und abgeschrägtem Stamm deutlich vom versalen I ab, aus dem gleichen Grund hat das J eine Unterlänge. In geometrischen Serifenlosen oft spiegelgleiche Buchstaben wie b, d, p und q unterscheiden sich bei Semikolon Plus. Das ß nimmt die Form der frühen Lang-s auf und unterscheidet sich damit deutlich vom B. Auch die Ziffern und Interpunktionen sind in besonderer Weise gestaltet.

Parallel zur Semikolon Plus entwickelte Bernd Hülsmann die Semikolon Classic, die mit einem doppelstöckigen a und g etwas anspruchsvoller zu lesen ist und sich quasi universal einsetzen lässt.

Kaufen kann man die Familie bei URW++. Eine Desktoplizenz für Semikolon Plus in Regular und Bold kostet gut 50 Euro, zusammen mit den beiden Schnitten der Semikolon Classic sind es etwa 100 Euro. Es wäre absolut wünschenswert, dass Bildungseinrichtungen, Verbände oder auch private Initiativen in ihren Drucksachen die Semikolon einsetzen. Ich persönlich finde übrigens, auch die Schulbuchverlage könnten sich die Semikolon mal ansehen. Meinen Söhnen wäre mit ihr das Lesen lernen sicher leichter gefallen als mit der Futura-ähnlichen Grotesk, die ihnen zugemutet wurde.


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