Im Gespräch mit: Juli Gudehus

Juli Gudehus präsentiert ihr LESIKON: »Das Magazin« in Hamburg, März 2011



Juli, unsere Wege haben sich ja schon öfters gekreuzt. Wenn ich mich richtig erinnere, das erste Mal 1996, als du auf dem Forum Typografie in Düsseldorf deine Arbeit »Genesis« vorgestellt hast, die Übersetzung der biblischen Schöpfungsgeschichte in eine moderne Hieroglyphenschrift, bestehend aus Zeichen unserer heutigen Zeit. Was man damals für einen einmaligen Gag gehalten haben mag, scheint sich bei dir zu einer Art Strategie entwickelt zu haben. War das also eine Blaupause für spätere Projekte?
Oh ja, absolut. »Blaupause« ist schön gesagt, sehr passend zum Sujet.

Die »Genesis« war für mich in mehrfacher Hinsicht wegweisend. Durch eine glückliche Fügung kam ich in den Genuss einer wunderbaren Erfahrung. Dieser Versuch der Erschaffung einer modernen Hieroglyphenschrift entstand im zweiten Semester meines Studiums Visuelle Kommunikation. Mein Professor, Roland Henß, schickte diese ohne mein Wissen der Leserbriefredaktion der ZEIT, die Redakteurin von dort lief damit in das »Moderne Leben«, dessen Redakteur wiederum mich anrief.

Als ich noch daran arbeitete, fragten mich mehrfach Freunde, was ich da eigentlich für einen Quatsch machen würde. Das konnte ich zu diesem Zeitpunkt auch nicht so recht beantworten. Ich war da etwas auf der Spur, das zunehmend Form annahm. Es war durchaus nicht als Gag geplant, machte mir aber Spaß und sollte Spaß machen. Dann war es fertig, als Semesterarbeit abgegeben und in der Schublade verschwunden. Und dann kam der Anruf der ZEIT! Ob sie meine Geschichte zu Silvester ganzseitig abdrucken dürften?

Ich fiel aus allen Wolken. Nicht nur bekam ich unzählige Leserbriefe aus der ganzen Welt. Die ZEIT verkaufte auch noch 12.000 Plakate. Dass etwas, woran ich aus eigenem Antrieb und nach eigenem Ermessen arbeite, auf eine derartige Begeisterung stößt – das war ein unglaublich beflügelndes Erlebnis. Eine phantastische Bestätigung! die mich übrigens seither begleitet, denn dieser »Quatsch« wurde immer wieder in Schulbüchern abgedruckt, in Ausstellungen gezeigt, in Spiele und Seminarmaterial verwandelt und ist jetzt bei Carlsen als Buch erschienen. Planen lässt sich das nicht, aber es ist schön, wenn eine Arbeit nicht nur kurzfristig für Verblüffung und Erheiterung sorgt, sondern auch mit zeitlichem Abstand noch interessant ist.

Neuauflage der »Genesis« beim Hamburger Carlsen Verlag (März 2009)

Erik Spiekermann stellte mich mal auf einem Kongress vor mit den Worten: »Wir denken uns ja alle ab und zu irgendeinen Quatsch aus. Aber Juli MACHT ihn dann auch noch!« Ja. Genau. Damit habe ich also seither weitergemacht. Quatsch macht Spaß. Wobei … ich ja selbst eigentlich gar nicht finde, dass das Quatsch ist. Es hat auch ganz ernsthafte Seiten.

Ein wesentliches Prinzip meiner Arbeiten ist die Beobachtung alltäglicher Phänomene. Sammeln, Neuordnen, Collagieren, Paare bilden, Brechungen et cetera kann ein schönes, ungewohntes Licht auf Gewohntes werfen. Ich schaffe ja tatsächlich nichts Neues – aber ich schaffe einen neuen Zusammenhang. Das habe ich vor 18 Jahren mit der »Genesis« zum ersten Mal halbbewusst ausprobiert. Und tue es, befeuert von der Reaktion darauf, seither immer wieder.

Jägerin nach Schätzen des Alltags, passionierte Sammlerin


Wie hast du eigentlich die Piktogramm-Recherche Anfang der 90er Jahre gemacht – Wir erinnern uns: so ganz ohne Internet?

Die Bibliothek der FH Düsseldorf war zum Glück ausgesprochen gut ausgestattet. So habe ich viele, viele Bildbände gewälzt, Bücher über Leitsysteme, Corporate Design, Jahrbücher und und und. Daraus habe ich alle möglichen Zeichen kopiert, die ich dann zu Hause sortiert habe. Ich weiß noch, wie auf meinem Tisch lauter Häufchen lagen: Hände, Hunde, Pfeile, Flugzeuge …

Nach der Genesis hast du andere eigene Projekte veröffentlicht. Arbeitest du auch auftragsbezogen?

Ja. Wobei ich feststelle, dass ich besonders gern für solche Leute arbeite, die irgendwie selbst Feuer unterm Hintern haben, für Leute, die was schaffen oder verändern wollen und die sich umgekehrt an meiner Haltung und an meiner Energie erfreuen. Ich habe nach wie vor Schwierigkeiten, mit Leuten zu arbeiten, denen Status wichtiger ist als Inhalt, Schnelligkeit wichtiger als Qualität, und so weiter. Die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen.

Gegenseitiges Interesse ist was Feines und ohne gegenseitigen Respekt geht es gar nicht. Am schönsten sind für mich neue Anregungen und Kontakte zu interessanten Leuten, die mit solchen Auftragsarbeiten einhergehen.

Aktuell hat ja dein Opus Magnum – das »Lesikon« – schon viel Aufmerksamkeit bekommen. Daran hast du nach eigenen Angaben neun Jahre gearbeitet – und das in mindestens einer Art Halbtagstätigkeit. Wie hast du das bloß durchgehalten?

Freude war mein Hauptantrieb. Es hat mir die meiste Zeit Spaß gebracht, daran zu arbeiten. Dass ich den Arbeitsaufwand so sträflich unterschätzt habe, hat sicher auch geholfen, denn wenn ich gewusst hätte, dass ich SO lange daran arbeiten würde, hätte ich es sicher ganz bleiben lassen.

Natürlich gab es auch schwierige Phasen, aber Ausdauer gehört offenbar zu meinen hervorstechenden Eigenschaften. Ich habe den Eindruck, es denken sich viele Leute viele tolle Sachen aus, aber um diese tollen Sachen auch in die Welt zu bringen, braucht es eine ordentliche Portion Sendungsbewusstsein und langen Atem.


Ich bin ja sozusagen ein Ko-Autor – einer unter vielen – da ich ziemlich zu Beginn von dir eine Handvoll Begriffe zur Erklärung bekam. Ich konnte mich bei Erscheinen nicht einmal mehr genau erinnern, welche. Wie hast du denn den Überblick behalten? Bei der Masse ist das ja schon eine rein logistische Leistung! Hast du dir Datenbanken angelegt?

Huah, die gefürchtete Frage! Nein, leider hatte ich keine Datenbank.

Beknackterweise, denn ein halbes Jahr nach dem Beginn fragte mich mein Mann, der Informatiker ist, ob er mir nicht eine programmieren solle. Ich lehnte ab, weil ich dachte, ich sei ja schon so weit und würde nicht mehr so lang brauchen, als dass sich das lohnen würde. Du kannst Dir sicher vorstellen, dass das zwischen uns zu einer Art Negativ-Running-Gag wurde. Denn ich habe das ganze Buch in Quark gemacht. Das falscheste Programm, das man sich dafür aussuchen kann! Jedes Mal, wenn ich wieder sämtliche Kapazitäten des Programms oder des Betriebssystems gesprengt hatte und nichts mehr vor und zurück ging, zogen über uns schwarze Wolken auf. Mein Mann setzte sich mit schlechtester Laune dran und schaffte es mit viel Sachverstand und etwas Glück jedes Mal, dass ich wieder weiterarbeiten konnte. Den Kommentar »ICH hätte Dir ja eine Datenbank programmiert« habe ich unzählige Male von ihm gehört. Gegen Ende hin habe ich ihm hoch und heilig versprochen, nie nie nie wieder mit Quark zu arbeiten.

So hatte ich aber eben dieses eine Dokument – ja, EIN Dokument! – mit dem gesamten Inhalt, der beständig zunahm. Innerhalb dieses Dokuments knüpfte ich hier etwas an, schnitt dort was raus, um es an einer wieder anderen Stelle einzufügen. Du kannst Dir das wie ein gigantisches Mosaik vorstellen, in dem ein neues Steinchen hier gut passen würde – oder an dieser Stelle – oder dort.

Die Datenbank war also quasi nur in deinem Kopf vorhanden?
In gewisser Weise, ja. Jemand sagte neulich, das Buch sei ja sicher ein Abdruck meines neuronalen Netzes. Das Bild mag ich. Jetzt, wo das LESIKON fertig ist, verblasst in mir viel von den Inhalten, die ich im Lauf der Zeit fünf-, sechs-, siebenmal durch mich hindurch habe gehen lassen. Aber bis zum Tag der Abgabe der Druckdaten wusste ich ganz viel davon, einfach so. Nicht aufs Wort oder auf die Seite genau, aber es war einfach ein Teil von mir.

Das Arbeiten am Inhalt war vielleicht deshalb so lustvoll, weil es zum einen meinen Verstand forderte – schöne Fundstücke an passenden Stellen unterzubringen – und weil es zum anderen sehr intuitiv war. Bei einer solchen Arbeit gibt es so viele Einflüsse. Da hatte ich vielleicht grade über etwas gelacht, diese Ausstellung besucht, mit jemandem über etwas debattiert – und so was ist dann grade auch im Vordergrund der Wahrnehmung, so dass die Verknüpfung eines bestimmten Textes gestern sicher anders stattgefunden hätte als vorgestern. Diese Texte fand ich überall: im Internet, in Zeitschriften und Zeitungen, in Büchern, Werbeprospekten, Festschriften, Ausstellungen – eben überall.

Auf diese Weise entstand ein bereits recht detailliertes Gesamtbild. Es gab aber Begriffe und Sachverhalte, zu denen ich nicht so leicht Texte fand und so habe ich zwar anfänglich an meine Co-Autoren Begriffe einfach so ausgegeben, später aber immer gezielter, um Lücken zu schließen.

Das Gewinnen von Co-Autoren, das Hinterhermailen, bis ich die Texte dann hatte, hat auch einen guten Teil der Zeit eingenommen. Ein Jahr mindestens.

Kann ich mir gut vorstellen!
Auf die 627 Leute, die mir Texte geschrieben haben, kommen noch mal ebenso viele, die sich nicht trauten, es verschusselten, oder aus sonstigen Gründen nichts schrieben.

Habe ich schon erwähnt, dass mein Vater eine Koryphäe in der Logistik ist? der DAS Standardwerk der Logistik geschrieben hat? Timm Gudehus. Ja, das LESIKON war eine logistische Leistung – die zu schaffen offenbar ein bisschen in der Familie liegt.

Aufgeschlagenes LESIKON mit individuellem Lesezeichen

Hast du einen Plan gehabt, wohin das Projekt führen wird? War es von vornherein als Buch gedacht? War überhaupt klar, ob und wie es am Ende veröffentlicht wird – und war auch der Verlag (Hermann Schmidt Mainz) schon mit im Boot?

Das LESIKON war immer als Buch gedacht. Klar sollte das veröffentlicht werden. Ich hab ja eben schon von Sendungsbewusstsein gesprochen. Das war schon von Anfang an da. Ich war überzeugt: daran werden sich Leute erfreuen, das wird auch prima Zündstoff sein. Ich wusste: die Welt wartet darauf.

Das Schöne an einer solchen Arbeit ist, dass sie sich nur bedingt steuern lässt. Wenn sie sich stärker steuern ließe, wäre sie möglicherweise absehbarer, langweiliger. Insofern saß ich ganz allein in diesem Boot, das immer größer und größer wurde. Eine Arche! Eine Arche Juli! mit je einem Exemplar aller existierenden Meinungen, Erfahrungen, Definitionen, und so weiter. Im Auftrag des … man weiß es ja meist nicht, wo solche Arbeiten eigentlich ihren Ausgang nehmen. Irgendeine Ahnung ist da, eine innere Sicherheit.

Höhere Wesen befahlen: Immer weitermachen!

Eine Sorge, die ich während der neun Jahre immer wieder hatte, war, dass jemand anders mir mit »so was« zuvorkommen könnte. Das wäre verheerend gewesen. Eine andere Sorge, die mir viele Alpträume bescherte, war die, dass ich mich übernehme, dass ich nicht die Kraft hätte, dieses gigantische Schiff fertig zu stellen, dass ich es nicht mehr steuern könnte, nicht schaffen würde, es sicher ins gelobte Land zu bringen.

Es gibt so viele schöne Metaphern für eine solche Arbeit. Deine mit dem Boot gefällt mir. Um also im Bild zu bleiben: Den … Lotsen? … Reiseveranstalter? habe ich erst sehr spät gewonnen. Das kann man für tollkühn halten, denn wenn ich keinen gefunden hätte, hätte ich zu diesem Zeitpunkt gute sieben Jahre meines Lebens vergeblich investiert. Man kann es aber auch für konsequent halten, denn ich hatte eine ganz präzise Vorstellung. Und je weniger da sichtbar und begreiflich ist, desto schwieriger ist es, andere von etwas wirklich Neuem zu überzeugen und sich dabei nicht verkleinern oder verwässern zu lassen.

Während der Arbeit an dem Buch hätte ich mich selbst mit dieser Verfahrensweise auch eher als dickköpfig bis halsstarrig eingeschätzt. Aber im Nachhinein scheint es mir eher hellsichtig, dieses Wesen – es ist ja eins – so lange vor der rauen Außenwelt zu schützen, bis es lebensfähig war. Dieses Werk hatte von Anfang an ganz klar ein Eigenleben, ich habe es lange genährt und geschützt und nun braucht es mich nicht mehr, geht ohne mich in die Welt hinaus. Das ist ein ganz unbeschreiblich schönes Gefühl.

Hm, jetzt bin ich doch bei einem anderen Bild angelangt.


Und das wäre?

Naja, das von der Entstehung von Leben. Womit wir irgendwie wieder bei der »Genesis« wären. Jemand meinte neulich, ich bliebe der Bibel ja treu. Damals die Übersetzung einer Geschichte aus der Bibel und heute ein Buch von biblischem Format. Mehr als biblisch, eigentlich, denn das LESIKON ist 5,7 mal umfangreicher.


Erzähle ein bisschen zur Gestaltung des Lesikons. Das war sicher der kleinste Part. Aber du hast ihn mit Sorgfalt bis zur (fast) exklusiven Schrift durch gezogen …

Die Gestaltung war keineswegs der kleinste Part. Mit dem gestalterischen Konzept habe ich an die drei Monate verbracht. Ich glaube, ich habe noch nie so skrupulös irgendetwas gestaltet. Ich habe unter anderem alle Typografen, die ich kenne, um Schriftempfehlungen gebeten. Im Zuge dessen hat mir der Schriftgestalter Jürgen Huber seine »Lemon« zur Verfügung gestellt. An der arbeitete er gerade und meinte: probier die mal aus. Ich fand sie zauberhaft und habe sie für die Kapitelüberschriften verwendet.

Die Welt der Bibeldruckpapiere war mir auch gänzlich neu. Spannend. Nachdem der Startschuss gefallen war, dass das Buch nun wirklich gemacht wird, hat der Verlag eine Sonderanfertigung bestellt. 32 g dünnes Papier, das ist ein Hauch, dünner als ein Gedanke. Ich glaube, so dünnes Papier wurde überhaupt noch nie verarbeitet. Die Druckerei, C. H. Beck, die auf Dünndruck spezialisiert ist, hat es jedenfalls noch beim Binden mächtig ins Schwitzen gebracht. Offenbar lädt es sich statisch auf. Aber sie haben das Problem in den Griff gekriegt, Gott sei Dank.

Letzte Kontrolle vor der Produktion, gedrucktes Ergebnis auf Dünndruckpapier

Letztes Jahr habe ich sieben oder acht Monate nur mit der Umsetzung verbracht, mit Satz und Seitengestaltung. An dieser Stelle kam Andreas Trogisch / blotto ins Boot, der nicht nur ein exzellenter Gestalter ist, sondern auch auf Automatisierung von Layouts spezialisiert. Das kam mir bestens zu Pass. Er hat zunächst das unsägliche Quarkdokument in InDesign gewuppt. Diese Gussform in InDesign hat er so angelegt, dass viel automatisch passierte, dadurch, dass Stilvorlagen erkannt werden, die eine bestimmte Behandlung mit sich bringen. Zum Beispiel das Anlegen einer Kapitelanfangsseite, wenn der Stil »Kapitelüberschrift« kam. Und dann hat er es geschafft, mir durch die Automatisierung der Seitenverweise mehrere Wochen Arbeit zu ersparen. Ich bin voller Bewunderung, denn nicht nur sind alle Seitenzahlen tausendprozentig richtig, sondern es war ihm sogar möglich, von einem Vorkommen eines Begriffs auf ein anderes Vorkommen auf einer anderen Seite zu verweisen. Innerhalb des Textes! Das war aber wohl auch eine ziemliche Knobelei.

Verleger Bertram Schmidt-Friderichs mit einem Teil der 7,8 kg schweren Korrekturabzüge des LESIKONs

Zu aller letzt schlug der Verlag noch vor, einen Schuber dazu zu produzieren, damit das Buch stehen kann. Kurioserweise ist nun der Begriff Cabrio-Schuber nun nicht mehr IM Buch, denn den habe ich erst erfunden, als der Inhalt schon im Druck war. Cabrio-Schuber deshalb, weil er ein offenes Verdeck hat, damit die Lesezeichenfundstücke oben rausgucken können, ohne zerdrückt zu werden.

Witzige Bezeichnung! Besonders schön finde ich tatsächlich diese kleinen Einleger. Sind die wirklich alle Unikate?
Ja, jedes Buch hat immer fünf andere Lesezeichenfundstücke. Der Gedanke dabei ist der, dass das, was man schnappt, wenn man kein Lesezeichen hat, IMMER mit visueller Kommunikation zu tun hat. Postkarten, Tickets, Fotos, Notizzettel, Ausrisse aus Zeitschriften, Parkscheine, all so was. Und das was man da findet, ist mit Begriffen verbunden, die alle im LESIKON zu finden sind. Etwa Stanzung, Format, Prägung, Verfremdung, Rosette, Outline, Sonderfarbe, und so weiter.

Solche und andere Lesezeichenfundstücke sind in den LESIKA zu finden

Mir gefällt die Vorstellung, dass auf diese Weise ein Industrieprodukt zum Unikat wird, ohne es zum Künstlerbuch zu verklären. Es hat dadurch auch eine sehr persönliche Note, denn ich hab diese Dinge ja alle selbst gesammelt. Und es veranschaulicht ganz wunderbar, dass auch das LESIKON eine sehr persönliche Angelegenheit ist. Eben: reine Ansichtssache. Das steht aus gutem Grund auf der Unterseite des Schubers. Deine Ansicht ist darin genauso vertreten wie meine und Du als Leser entscheidest, was für Dich wichtiger ist oder richtiger klingt.

Oja, so habe ich es bisher auch angelesen.
Kommen wir mal zu etwas grundsätzlicherem: Deine Arbeitsweise könnte in gewisser Weise als Modell dienen, wie man als Gestalter heutzutage vorgeht: Der Designer als sein eigener Autor. Siehst du dich eigentlich mehr als Gestalterin oder als Künstlerin? Oder als was sonst?

Ich bin Gestalterin. Und je älter ich werde, bin ich das in einem immer umfassenderen Sinn. Diese Wahrnehmung begleitet mich von morgens bis abends: Was könnte anders / besser / interessanter / schöner aussehen / funktionieren? Umgangsformen – da steckt das Gestaltbare schon sichtbar im Wort – gehören zum Beispiel dazu. Wenn mir bei einer Präsentation kein Getränk angeboten wird, wie es mir neulich passierte, und es niemand für nötig hält, die Beteiligten einander vorzustellen, dann nehme ich das in die Hand. Ganz freundlich natürlich. Das ist auch Gestaltung.

Mich interessieren größere Zusammenhänge und da bleibt es nicht aus, dass ich mehr sehe, als nur die visuelle Kommunikation. Ich sehe auch, womit visuelle Kommunikation zu tun hat: mit allem! Und das finde ich unglaublich spannend. Daher hat auch das LESIKON seinen roten Faden. Es beginnt vor dem Anfang und endet nach dem Ende und flaniert dazwischen durch hunderte von Gebieten wie Essen, Hausbau, Prostitution, Bergsteigen, Piraterie, Verkehr, Karneval, und und und. Es gibt wohl kaum eine Disziplin, die mit so vielen anderen in Berührung kommt. Aus dieser Erkenntnis heraus resultiert der Blick, dass sich all das auch gestalten lässt. Es ist nur wichtig, nicht zu vergessen, dass man nicht omnipotent ist. Ich weiß schon immer noch, was mein »Leisten« ist. Plusminus.


Wenn man so vorgehen möchte: Wie finanziert man so etwas? Macht man Vorverträge? Oder muss man das Geld – zumindest zeitweilig, wie du es schon zuvor gesagt hast – anderweitig »rein holen«?
Ich weiß nicht, wie MAN so was finanziert. Ich hatte das Glück, bis zum Abschluss der Arbeit an dem LESIKON einen überaus treuen und gut zahlenden Auftraggeber zu haben. Wie ich solche Projekte in Zukunft angehe, weiß ich noch nicht so genau. Es gibt ja jede Menge Stiftungen und Fördertöpfe. Mein Eindruck ist nur, dass das relativ nervtötend und langwierig ist, sich da nach der Decke zu strecken. Da suche ich mir vermutlich lieber Partner und bin dann schon fertig, ehe da irgendjemand einen Antrag auch nur durchgelesen hat.


Ja, da habe ich auch schon so meine Erfahrungen gemacht.
Du wirst derzeit viel rezensiert, eingeladen etc. Neben der tollen Rezeption – hast du das Gefühl, dass sich die viele Arbeit auch in anderer Hinsicht gelohnt hat bzw. in der Zukunft gelohnt haben wird?

Die Reaktion auf mein LESIKON ist atemberaubend, wunderschön. Die schönsten Momente sind solche wie der vor einigen Tagen, als der Buchhändler bei Dussmann sich bei mir für das Buch bedankte. Oder solche wie der in Köln, als ein Besucher der Ausstellung bei schaden.com mir mit einem Kniefall die Hand küsste. Ich wusste ja in meinem Innersten, dass das, was ich da mache, Menschen oder etwas bewegen könnte, das war mein Antrieb. Aber mit nüchternem Verstand dachte ich mindestens ebenso oft: na, hoffentlich interessiert das überhaupt jemanden, hoffentlich versteht überhaupt irgendjemand, was ich da gemacht habe. Also … ob sich das gelohnt hat? Mein Herz ist voll, übervoll vor Freude über diese Resonanz.

Finanziell fängt es auch an, sich zu lohnen. Zwei Drittel der Auflage sind schon verkauft und es zeichnet sich ab, dass mein LESIKON zu einem Standardwerk wird, zu einem Buch, das nicht nur jeder aus der Branche, sondern überhaupt jeder neugierige Mensch haben muss. Insofern bin ich ganz zuversichtlich, damit einen guten Teil zu meiner Altersvorsorge beigetragen zu haben.

Es lohnt sich auch noch in einer dritten, nicht zu unterschätzenden Hinsicht. Dieses LESIKON ist eine 3000-seitige, über 2-kg-schwere Visitenkarte beziehungsweise Eintrittskarte für kommende ungewöhnliche Projekte, bei denen es von mehreren Seiten viel Vertrauen braucht, dass es gut und lohnend sein könnte, es zu wagen.



Ausstellung der LESIKON-Seiten bei schaden.com, Köln

Das klingt doch richtig toll. Und hast du schon Ideen, wie es bei dir weitergeht? Verrätst du etwas von neuen Plänen?
Ich war durch die Arbeit an dem LESIKON in den letzten Jahren doch sehr blockiert. Einige angefangene Arbeiten blieben liegen, viele viele Vorhaben mussten warten, denn das LESIKON saß einfach wie der Korken in der Flasche, und der ist jetzt mit einem schön lauten Knall rausgeflogen. Innerlich sprudele ich schon, aber ich verbringe jetzt erstmal viel Zeit damit, das LESIKON hier und da vorzustellen. Ich hatte lange nur daran gedacht, das Buch fertig zu stellen. Aber jetzt, wo es da ist, wird mir erst klar, dass es auch dazu gehört, das in die Welt zu bringen. Und zwar nicht nur physisch. Neuester Plan, nämlich seit heute! ist dieser:

Am 14. Mai steigt im Museum der Dinge in Berlin die größte Autorenlesung der Welt. Von zwölf bis zwölf werden etliche meiner Co-Autoren ihre Texte vorlesen. Das wird ein tolles Spektakel. Ich hoffe, Du kommst auch!

Die stilbewusste Gestalterin vor ihrem Vortrag in »Das Magazin«, Hamburg


Wenn ich es zeitlich hinbekomme, gern. Ich danke dir sehr für das schöne und überaus anregende Gespräch. Freue mich schon auf das nächste Treffen in Berlin oder anderswo – und auf die nächsten Projekte von dir.

Alle Fotos: JG und KPS und von den Verlagen Carlsen Hamburg und Herrmann-Schmidt Mainz




Das könnte Sie auch interessieren

Kommentieren

Einfach mit dem PAGE Account anmelden oder Formular ausfüllen

Name *

Email *

*Pflichtfeld

Ihr Kommentar *