»Ich hätte nicht für jeden Job meine Selbständigkeit an den Nagel gehängt.«

Seit Anfang August arbeitet Nina Stössinger als Senior Typeface Designer bei Tobias Frere-Jones in New York. Ein Traumjob, freut sich die Deutsch-Schweizerin, die die letzten Jahre in Den Haag lebte.



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Stets offen für Neues, fasziniert von Schrift und Code und mit einer unglaublich positiven, energiegeladenen Ausstrahlung – das ist Nina Stössinger. Nach ihrem Multimedia Design Studium an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und dem berufsbegleitenden Nachdiplomkurs CAS Schriftgestaltung in Zürich absolvierte sie das Masterstudium Type and Media an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Den Haag und gründete in der niederländischen Stadt ihr Studio Typologic.

PAGE: In einem Interview in PAGE 4/15 fragte ich dich: Du hattest in Basel ein gut laufendes Büro für Grafikdesign. Warum hast du das aufgegeben? Jetzt frage ich dich: Du hattest in Den Haag ein gut laufendes Büro für Typedesign. Warum hast du das aufgegeben?
Nina Stössinger: Ich hätte nicht für jeden Job die Selbständigkeit an den Nagel gehängt, das hier ist schon ein ganz großer Traumjob.

Das heißt du wolltest nicht einfach mal etwas anderes machen, sondern hast dir Frere-Jones Type bewusst ausgesucht.
Auf jeden Fall, ja. Dass ich so gerne mit Tobias zusammenarbeiten wollte hängt natürlich vor allem damit zusammen, dass ich seine Arbeit sehr bewundere – und auch seine Herangehensweise. Dieses gleichzeitig Kreative und sehr Präzise sowie seinen intelligenten Umgang mit der Schriftgeschichte – über die er ja auch sehr viel weiß. Da haben wir ein ähnliches Interesse; aber auch oft eine ganz unterschiedliche Perspektive. Er ist sehr stark mit der amerikanischen visuellen Kultur aufgewachsen und in diese hineingewachsen, bei mir sieht Schrift dagegen immer erstmal wie Frutiger aus. Ich bin gespannt, was sich aus dieser Kombination Neues ergeben kann.

Wie spontan war der Entschluss nach New York zu gehen?
Spontan kann man so etwas nicht beschließen, dafür braucht es viel zu viel Planung. Allein das Visum zu bekommen hat Monate gedauert.

Wie lange kennst du Tobias schon?
Persönlich kennen gelernt habe ich ihn im März 2015 auf der Konferenz Robothon in Den Haag. Wir haben uns super unterhalten, ich habe dann ab und an als Freelancer für ihn gearbeitet und einige interessante Programmieraufgaben gelöst, etwa ein Tool zur Visualisierung von Strichstärken (zu sehen auf seinem Blog). Irgendwann kam mir der Gedanke: Fest bei ihm zu arbeiten, das wäre genial.

Bis zur Realisierung dieses Gedankens hat es dann aber noch eine Zeit gedauert.
Wir wussten zwar beide, dass wir die Idee gut finden, aber es war tatsächlich ein langer Prozess bis alles in trockenen Tüchern war.

Nach sieben Jahren Selbständigkeit wieder festangestellt zu sein: wie kommst du damit klar?
Es ist schon eine Umstellung. Das habe ich gerade an meinem ersten Wochenende als Festangestellte gemerkt. Ist schon lustig mal wieder ein komplettes Wochenende »frei« zu haben. Und auf der anderen Seite ist der Fokus auf die Arbeit viel intensiver und eindeutiger. Ich denke die festen Strukturen tun mir gut. So muss ich nicht ständig gegen die Versuchung kämpfen, meine Arbeit für irgendwas kurz zu unterbrechen. Ich bin hier bei der Arbeit und abends gehe ich nach Hause.
Seit dem Studium war ich eigentlich immer selbständig und das auch sehr gerne. Aber nach sieben Jahren habe ich zunehmend die Leute beneidet, die mit jemandem arbeiten, von dem sie viel lernen können. Als Selbständige sitzt du da und saugst dir das alles alleine aus den Fingern. Was auch einen großen Wert hat, aber viel schwieriger ist und länger dauert. So entstand die Idee mal wieder angestellt zu arbeiten – aber nur wenn etwas kommt was richtig gut passt.

Vermisst du Den Haag und dein kleines Haus am Meer?
Also grundsätzlich ist New York meine Lieblingsstadt überhaupt und ich bin total happy, hier zu sein. Allerdings, Den Haag und New York, das ist schon ein brutaler Kontrast und natürlich fehlt mir Den Haag manchmal. Auch weil ich das Gefühl habe, vieles zurück gelassen zu haben. Ich habe mein Büro geschlossen und meine Sachen sind noch nicht da.

Tobias ist sehr stark mit der amerikanischen visuellen Kultur aufgewachsen und in diese hineingewachsen, bei mir sieht Schrift dagegen immer erstmal wie Frutiger aus.

Du bist also noch dabei anzukommen.
Schon, wobei ich sagen muss, dass ich mich hier sehr wohl fühle, gefordert und auch befreit. Dieses unglaublich Chillige und Ordentliche von Den Haag ging mir mit der Zeit ganz schön auf den Geist. Ich musste mich immer mehr selbst pushen, um auf das für intensive Arbeit nötige Energielevel zu kommen. Dieses Problem habe ich in New York auf jeden Fall nicht.

Du bist ein absoluter Buchstabenprofi. Gibt es trotzdem etwas wo du das Gefühl hast, hier muss ich noch nachlegen?
Durch meine Selbständigkeit habe ich tatsächlich sehr wenig Ahnung davon, wie eine Typefoundry von innen funktioniert. Zum Beispiel was die Produktion oder die Prozesse angeht. Da habe ich noch unheimlich viel zu lernen.

Aber lernen macht ja auch Spaß.
Darauf freue ich mich am meisten! Wahnsinnig viel zu lernen. Einerseits natürlich in der direkten Zusammenarbeit mit Tobias und dem Team hier. Andererseits auch durch den neuen kulturellen Kontext. Jedes mal wenn ich in den Straßen New Yorks herumlaufe flasht es mich zu sehen, wie anders die visuelle Kultur hier ist, gerade auch was Buchstaben angeht. Es ist eine ganz andere gestalterische Haltung, weniger auf Ordentlichkeit und Sauberkeit bedacht, unbeschwerter, frecher, muskulöser, intensiver, großzügiger, weniger homogen. Besonders fasziniert mich das Handlettering, das hier auch abseits aktueller Designtrends eine ganz eigene Tradition und bleibende Relevanz hat. Ich fühle mich wie ein Schwamm, der alles aufsaugt.

Darfst du schon sagen an was du momentan arbeitest?
Ich bin gerade mit in die Vorbereitung unserer nächsten Veröffentlichung eingestiegen, die im September kommen wird: Retina, eine Serifenlose, die ursprünglich für das Wall Street Journal gestaltet wurde. Die MicroPlus-Variante ist robust genug, um auch im Zeitungsdruck in sehr kleinen Größen – zum Beispiel für Börsenkurse (5.5 Punkt!) – eingesetzt zu werden. Als Gegenstück dazu sind die Standard-Schnitte für den Einsatz in größerem Text und Headlines gestaltet. Die gesamte Familie umfasst 72 Schnitte und wird auch für den Einsatz im Web optimiert sein.




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