Adieu, Webdesign!

Lars Richter war lange Jahre als Webdesigner tätig. Damit ist jetzt Schluss. Im PAGE-Interview erklärt er, warum.



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Lars Richter, Prototyper, Hybriddesigner und Coach aus Köln, firmierte über elf Jahre als Webdesigner. Nun hat er seine Berufsbezeich­nung und Spezialisierung geändert.

Sie nennen sich seit Kurzem nicht mehr Webdesigner, sondern Prototyper und Hybriddesigner. Was steckt dahinter?
Lars Richter: Ich trage den grundlegenden Verände­rungen der letzten drei bis vier Jahre im Aufgabenfeld des Webdesigners Rechnung. Meine Arbeitsme­thoden haben sich in dieser Zeit stark verändert. Als Webdesigner konzipiere und gestalte ich seit 2003 für eigene Kunden und im Auftrag von Agenturen individuelles Screendesign für verschiedenste Webprojekte. Prototyping praktiziere ich seit vier Jahren. Und da ich als Responsive Designer und Coder meine Ide­en und Layouts auch selbst umsetze, war die Umbe­nennung ein logischer Schritt.

Responsive Design ist inzwischen Standard und wichtiger Treiber der Veränderungen.
Dadurch haben sich nicht nur die Prozesse, sondern auch die Methoden stark verändert. Je komplexer ein Projekt, desto aufwendiger und unflexibler die Arbeit in Photoshop. Ich bin dazu über­gegangen, von Beginn an mit responsiven HTML-Frameworks und -Tem­plates zu arbeiten und diese Schritt für Schritt anzupassen und mehrfach zu optimieren.

»Es ist ein iterativer Prozess mit mehreren Schlei­fen, im Prinzip also Responsive Design Prototyping«

Wie genau gehen Sie vor?
Ich erstelle auf Basis eines Briefings ein Grobkonzept, das ich mit einem HTML-Template und dem re­sponsiven HTML-, CSS- und JavaScript-Framework Bootstrap direkt als Funktionsprototyp erstelle. Da­nach erst beginne ich mit dem visuellen Design per CSS. Es ist ein iterativer Prozess mit mehreren Schlei­fen, im Prinzip also Responsive Design Prototyping. Der Vorteil: Ich produziere in sehr kurzer Zeit Ergeb­nisse, die so flexibel sind, dass sie sich jederzeit tes­ten, verändern, erweitern und optimieren lassen. Im Webdesign wandelt sich alles so schnell, da ergibt es keinen Sinn, ein perfektes, »finales« Webdesign zu entwickeln und davon auszugehen, dass es drei, fünf oder mehr Jahre nicht verändert werden muss.

Schränkt das die Gestaltung nicht zu sehr ein?
Wenn man man ausschließlich auf individuelle Tem­plates setzt, vielleicht. Allerdings lassen sich die bau­­kastenartigen Ele­mente des Bootstrap-­Frameworks mithilfe von CSS leicht anpassen oder erweitern. Ich ­gestalte heute zu 90 Prozent per CSS: Farben, Typo­grafie, Schatten, Stile, Abstände et cetera – mitt­ler­weile sind sogar 3D-Animationen möglich. Ich nenne es Designprogrammierung. Boot­strap hat aber noch einen weiteren Vorteil, denn es setzt einen wichtigen Standard. Selbst State-of-the-Art-De­signs oder sehr individuelle Responsive Web­de­signs sind damit möglich, erfordern aber mehr Aufwand in der Anpassung, Erweiterung und Op­timie­rung des Prototyps.

»Ich nenne es Design-programmierung«

Genügen die Standard-Skills eines Web­designers, um so zu arbeiten?
Die Standards von HTML, CSS und Bootstrap – viel mehr ist nicht nötig. Im Netz gibt es heute eine Vielzahl von HTML-Templates basierend auf Bootstrap, die sich hervorragend als Basis für die Erstellung ei­nes Prototyps eignen. Es ist nicht das Ziel dieser Arbeitsweise, in drei Tagen ein perfekt programmier­tes Frontend-Design zu erstellen. Die Vorgehensweise hat für den Designer vielmehr den Vorteil, dass er sein Responsive Design gleichzeitig auf verschiede­nen realen oder simulierten Geräten kontrollieren, testen und anpassen kann, ohne es an einen Deve­loper abzugeben. Er behält so zu jeder Zeit die Kontrolle über das Design. Daher biete ich seit 2015 auch Coachings an, um beispielsweise Agenturen oder Unternehmen mit eigener Digitalabteilung diese Ar­beitsweise nahezubringen.

Wie sind die Reaktionen in den Agenturen?
»Haben wir so noch nicht gemacht – aber man ist damit viel schneller« oder: »Unsere Kunden schätz­ten vor allem die Funktionalität und Bedienbarkeit eines Entwurfs als Prototyp«. Mediengestaltern oder Designern, die die Standards von HTML und CSS anwenden, bringe ich diese Arbeitsweise in ein bis zwei Tagen bei. So helfe ich meinen Klienten, langfristig produktiver, flexibler und kosteneffizienter zu arbeiten.


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Quo vadis Webdesign? Braucht die Menschheit angesichts der Vielzahl wirklich guter responsiver Design-Templates, Website-Baukästen und Social-Media-Portale überhaupt noch Webdesigner? Ja klar! Lesen Sie in der Titelgeschichte in PAGE 01.2016 warum!

 





3 Kommentare


  1. O. Wenningmann

    Der Herr Richter machts richtig! Wie ich übrigens auch schon seit einiger Zeit. Rapid Prototyping. Guter Einstieg dazu: „Transcending CSS“ von Andy Clarke + Molly Holzschlag. Individualität geht auch, ist aber aufwändiger geworden. Besonders, wenn es dann noch responsive sein soll.


  2. Arne Schätzle

    Es stimmt, das Thema ist komplex, deswegen haben wir ihm auch die Titelgeschichte unserer aktuellen Ausgabe gewidmet, wo wir auf mehrere Aspekte ausführlicher eingehen – jetzt im Handel.


  3. Oliver Schwarz

    Manchmal habe ich aber das Gefühl, dass man sich kreativ mit dieser Vorgehensweise zu sehr einengt. Nicht umsonst sehen die meisten Websites heute gleich aus, weil auch Bootstrap & Co. ja schon so viel vorgeben. Ich sehe das im Prinzip aber genau so. Hier ein paar Gedanken, die wir vor ein paar Tagen dazu notiert haben: http://www.schwarzdesign.de/news/webdesign-baukasten-agentur


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