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Design Studium

Die Schnelllebigkeit der Kreativbranche verlangt Hochschulen und Agenturen ebenso viel ab wie den Studierenden, die eine gute Designausbildung suchen. Wir zeigen, welche Angebote und Konzepte es gibt, um den Nachwuchs auf jetzige und künftige Herausforderungen vorzubereiten.

Ausbildung in der Kreativbranche

Erstveröffentlichung dieses Beitrags: PAGE 08.2015 | Autorin: Nina Kirst

Der Beitrag kann ebenso im Originallayout als PAGE eDossier heruntergeladen werden.

Inhalt:

1 Welche Fähigkeiten sind zeitgemäß?

2 Praktika – eine bedrohte Art?

3 Praxisprojekte: So realistisch wie möglich, so frei wie nötig

4 Kreative Konkurrenz – keine preisliche

5 Was haben Agenturen von der Kooperation?

6 Authentische Einblicke statt Casefilme

7 Privatschulen versprechen direkte Einsatzbarkeit

8 Dual = Ideal?

9 Arduino-Lab statt Siebdruck-Werkstatt

10 Zu viel Praxis beschränkt den Horizont?

11 Persönlichkeit statt Jobfixierung

12 Agenturen erwarten zu viel

13 Selbst ist der Student

14 Ausbilden für die Zukunft

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Visuelle Kommunikation, Design Management, Interaction Design, Strategische Gestaltung, Brand Communication – nicht nur die vielen möglichen Richtungen machen die Wahl des Studiengangs für angehende Gestalter so schwer. Dazu stellt sich die Frage, welches Fachgebiet einen wirklich begeistert und welches gute Zukunftschancen eröffnet. Die Aus­bildungsstätten selbst haben ebenfalls zu kämp­fen, denn die Schnelllebigkeit der Kreativbranche verlangt ein ständiges Reagieren. Schon Lehrinhal­te von 2010 sind heute oft veraltet – egal, ob es um Programmiersprachen oder Kommunikationskonzepte geht. Die Ausbildung muss die Balance meis­tern zwischen der Vermittlung zeitloser Grundlagen und Kompetenzen einerseits und zeitgemäßer Technologien und Methoden andererseits.

Agenturen und Unternehmen fordern zunehmend ein medienübergreifendes, ganzheitliches Den­ken. Kreative sollen über den Tellerrand ihrer jeweiligen Disziplin hinausblicken und Projekte von Anfang bis Ende managen können. Diese Kompetenzen werden oft mit dem Begriff »T-Shape« bezeichnet: Generalisten mit vertiefender Expertise in einem Bereich. Dies zu vermitteln, ist eine große Herausforderung, besonders für Hochschulen mit traditionellen Strukturen. Die Grenzen zwischen den Disziplinen und Studiengängen sind hier oft nicht so fließend, wie es nötig wäre, um den Studenten ei­nen ganzheitlichen Überblick zu ermöglichen. Aber immer mehr Ausbildungsstätten verändern sich in diese Richtung. »Vernetzungsfähigkeit ist heute mehr gefordert als früher«, sagt Michael Throm, Dekan an der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Pforz­heim. »Wir reagieren darauf mit interdisziplinären Kursangeboten, beispielsweise in Kooperation mit den Wirtschafts- und Technikfächern. Studenten müs­sen so ihr gewohntes Terrain verlassen und in Teams zusammenarbeiten.«

Die HAW Hamburg ist ein klassischer Vertreter der ganzheitlichen Ausbildung. In einem Basisjahr bekommen Designstudenten sämtlicher Fachberei­che Grund­wissen in Techniken wie Fotografie oder Malerei. Das vermittle ihnen ein Verständnis für Formen, Flächen und Farben und die kreative Arbeitsweise an sich, erklärt Peter Kabel, Professor für Interaction Design an der Fakultät Design, Medien und Information. »Manche Bestandteile des Basisjahrs mögen keinen direkten Praxisbezug haben, aber dieses Grundwissen hilft den Studenten, sich in der ständig verändernden Arbeitswelt zurechtzufinden«, so Kabel. »Es gibt ihnen ein ästhetisches Repertoire und einen kreativen Kompass. Sie lernen verschiedene Disziplinen kennen und wie sie miteinander im Zusammenhang stehen.«

1 Welche Fähigkeiten sind zeitgemäß?

Beim Berufseinstieg in der Kreativbranche werden Kenntnisse in den gängigen Adobe-Tools vorausgesetzt. Diese können aber von den Hochschulen häufig gar nicht vermittelt werden – schlicht weil die Zeit dafür fehlt. So vermisste der Düsseldorfer Typograf Uwe Steinacker beim Agenturnachwuchs grundlegende typografische Fähigkeiten: »Sie hatten zwar tolle Ideen, aber konnten sie nicht in die Praxis umsetzen.« Als Konsequenz daraus entwickelte er ein praxisbezogenes Unterrichtskonzept, das er zuerst in seinem Lehrauftrag an der Fachhochschule Düsseldorf einsetzte und nun in der von ihm gegründeten TypeSchool. Hier unterrichtet er Mitarbeiter aus Agenturen und Unternehmen, die ihre Ausbildung eigentlich schon abgeschlossen haben.

Laut Kerstin Feix, Head of Human Resources bei MetaDesign in Berlin, fehlt es deutschen Absolven­ten eher an digitalem Know-how. »Da haben uns an­dere Länder durchaus etwas voraus. Deshalb schau­en wir uns zunehmend auch im Ausland nach Nachwuchstalenten um.« An zahlreichen Hochschulen gebe es zwar bereits entsprechende Angebote, aber man müsse ihren Wert deutlicher kommunizieren, sagt Michael Seifert, Kreativdirektor bei Jung von Matt/next und Professor an der Hamburger Brand Academy. »Es liegt an den Unis und Professoren, Werbung für zeitgemäße Studiengänge zu machen, wie Digital oder UX Design. Am besten fängt man damit schon bei den Schulen an.«

So wichtig Skills wie Typografie und Programmiersprachen auch sind – die Tools in der Kreativbranche ändern sich fast monatlich. Umso wichti­ger sind das Denken und Herangehensweise dahinter. Es braucht Flexibilität, Teamfähigkeit, Projektmanagement- und Vermarktungskompetenz ebenso wie Grundlagen in Betriebswirtschaft oder Recht. Diese lassen sich schlecht allein in der Theorie vermitteln – hier benötigt man praktische Erfahrun­gen. »Letztlich bringt es nichts, auf dem freien Blatt kreativ zu sein, wenn man nicht auch mit realen Kunden und Problemstellungen umgehen kann«, erklärt Michael Seifert. »Deshalb sind Praktika und Praxis­projekte so wichtig.«

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2 Praktika – eine bedrohte Art?

Beim Thema Praktika sind sich Hochschulen, Arbeitgeber und Studenten ziemlich einig: Sie sind und bleiben ein zentraler Baustein in der Kreativ­ausbildung. Leider erschweren die Umstellung auf das Bachelorsystem sowie die Einführung des Mindestlohns diese Form der Praxiserfahrung. Viele Hoch­schulen haben Pflichtpraktika aus ihrem Lehr­plan gestrichen, da es ohnehin schwierig ist, die Inhalte eines Diplomstudiengangs in das enge Zeitkorsett eines Bachelors zu zwingen. Doch es gibt Ausnahmen: So verlangt die Hochschule Pforzheim neben einem Vorpraktikum von Bewerbern ohne Be­rufsausbildung ein Zwischenpraktikum im fünften Semester. Auch bei der HfG Offenbach ist ein drei­monatiges Praktikum während des Studiums Pflicht.

Natürlich besteht die Möglichkeit, Praktika auf die Semesterferien zu legen. Allerdings sind viele Studenten gezwungen, in dieser Zeit richtiges Geld zu verdienen, um ihr Studium zu finanzieren. Außerdem vergeben viele Agenturen keine Praktikumsstel­len unter sechs Monaten. Dazu kommt der Mindest­lohn: Obwohl fast alle Agenturen offiziell die faire Bezahlung begrüßen, geben sie Pflichtpraktikan­ten den Vorrang, da diese nicht unter das Mindestlohngesetz fallen. Die HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen löst das Problem mit einem so genannten Mobilitätssemester: Studenten müssen nicht, aber können in dieser Zeit ein Praktikum machen, das unter die Pflichtpraktikumsklausel fällt.

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3 Praxisprojekte: So realistisch wie möglich, so frei wie nötig

Laurids Wiemer, Bachelorstudent im Fachbereich Brand Design an der HAWK Hildesheim, vermisste den Praxisbezug im Studium und setzte 2014 selbstständig die Studie »Design Lotse – Anker werfen in der Kreativwirtschaft« um, für die er rund 250 Agenturen und 900 Studenten befragte. Ein Ergebnis: Bei­de Gruppen wünschen sich mehr Kontaktpunkte zwi­schen Theorie und Praxis. Eine Möglichkeit, die­se zusammenzubringen, sind Praxisprojekte, in denen studentische Teams in Kooperation mit Unternehmen oder Agenturen an realen oder zumindest realitätsnahen Aufgaben arbeiten. So trainieren sie den Umgang mit Kunden, Zeit- und Projektmanage­ment, die Zusammenarbeit mit »Kollegen« und die Präsentation der eigenen Arbeit.

»Bei Praxis­projekten muss immer das Lernziel im Mittelpunkt stehen und die Möglichkeit des Scheiterns gegeben sein« Michael Throm, Dekan an der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Pforzheim

Allerdings lauern hier ein paar Stolperfallen. So sollten Briefings und Bedingungen so real wie möglich sein, den Studenten aber genug Freiheiten lassen, sich kreativ auszuprobieren und zu lernen. Enge Vorgaben sind hier fehl am Platz, meint Peter Kabel: »Einige Leitplanken sind gut, aber die Briefings soll­ten möglichst ergebnisoffen sein.« Zudem ist die Projektdauer oft schwer in die Lehre zu übertragen, da Hochschulen nun mal im Semesterturnus funktionieren. Daher eignen sich für solche Kooperatio­nen eher langfristig angelegte als konkrete Auftrags­arbeiten, wie sie Stefan Wölwer, Professor für Interaction Design an der HAWK Hildesheim, derzeit mit frog design umsetzt. In diesem Rahmen setzen 15 Studenten vier der fünfzehn jährlich von der Agen­tur herausgegebenen »Tech Trends« mit Prototypen oder Design Fiction um. Das Ganze ist professionell aufgesetzt und die Agentur erwartet zwar Ergebnisse, aber kein vermarktbares Produkt.

Ein heiß diskutierter Punkt bei Praxisprojekten sind die Honorare. Kritiker sagen: Unternehmen und Agenturen nutzten die Studenten als kostenlose Ide­engeber aus, Hochschulen griffen dadurch in den frei­en Markt ein und stellten eine unfaire Konkurrenz zu Agenturen – und ihren eigenen Absolventen – dar. Aus diesem Grunde sind besonders Praxisprojekte mit verwertbaren Ergebnissen eine Gratwan­derung.

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4 Kreative Konkurrenz – keine preisliche

Rochus Hartmann, Professor für Digital Publishing im Fachbereich Design an der Hochschule Anhalt, arbeitet aus diesem Grund gern mit Non-Profit-Organisationen zusammen: »Sie können sich oft keine Agentur leisten und sind dankbar für unser Engagement. Außerdem sind die Briefings offener und die Handlungsfreiheit größer.« Für die Wal- und Delfin­schutzorganisation WDC produzierte er kürzlich mit seinen Studenten Filmclips zum Thema »Die letzten 300 Schweinswale in der Ostsee« (siehe Seite 20 in PAGE 08.2015).

Eine andere Möglichkeit besteht darin, schlicht marktübliche Preise zu verlangen. So macht es Pro­fes­sor Klaus Hesse, Dekan des Fachbereichs Visuelle Kommunikation an der HfG Offenbach, der mit dem Institut für neue Kommunikation eine Art studentische Agentur gegründet hat. »Wir wollen für unsere Alumni eine kreative Konkurrenz sein – keine preisliche. Außerdem müssen die Studen­ten für die Zeit, die sie in die Projekte stecken, fair entlohnt werden«, so Hesse. Die Studenten arbei­ten für Kunden wie die Wolfgang und Gerda Mann Stiftung Medien für Kinder, den Deutschen Mobilitätskongress oder IKEA.

Zudem organisieren Hesse und seine Kollegen mit ihren Studenten eigene Projekte und Events wie die Biennale für das bewegte Bild (Hesse), Babel – Symposium für Typografie (Sascha Lobe) oder den After School Club (Eike König). »So lernen die Studenten, unabhängig und selbstbestimmt zu denken und zu arbeiten«, so Hesse. Die Erfahrung, Projekte eigenständig umsetzen zu können – und dafür entsprechend bezahlt zu werden –, bereitet sie nicht nur besser auf Festanstellungen vor, sondern auch auf Freelancertum oder Selbstständigkeit. So machen sich rund zwei Drittel der Absolventen der HfG Offenbach selbstständig.

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5 Was haben Agenturen von der Kooperation?

Agenturen haben Interesse an gemeinsamen Projekten, sofern diese nicht ihre Geschäftsgrundlage gefährden. »Für Studentenarbeiten suchen wir Themen, die möglichst echt sind, aber unser Kundenge­schäft nicht torpedieren«, erklärt Christina Griese, Director Human Resources bei der Digitalagentur Yours Truly in Hamburg. Den Nutzen sieht sie vor al­lem darin, dass man durch den engen Kontakt ein Gefühl für den Kreativnachwuchs bekommt. Gleich­zeitig können sich Agenturen dabei als Arbeitgeber präsentieren, erste Kontakte fürs Recruiting knüpfen – und Inspiration für eigene Projekte bekommen. Für Gunnar Hamm, Kreativdirektor bei der auf Multiscreen-Anwendungen spezialisierten Digital­agen­tur Cellular aus Hamburg, sind dabei nicht in erster Linie die innovativen Lösungen interessant, die solche Projekte hervorbringen, sondern die Viel­falt an Herangehensweisen der Studenten – in diesem Fall von der HAWK Hildesheim.

Praxisprojekte kosten Zeit und Energie – von den Dozenten, die hauptsächlich für die Kooperation und Betreuung zuständig sind, von Agenturmitarbeitern, die sich freischaufeln müssen, und von den Studen­ten. Kosten und Nutzen sollten deshalb immer gut abgewogen werden. »Die Belastung für die Studen­ten muss im Rahmen bleiben«, so Rochus Hart­mann. Nacht- und Wochenendschichten sollte man zum Beispiel über Tutorenetats ausgleichen. »Aber sofern ein Praxisprojekt für alle Seiten fair aufgesetzt ist, ist es wesentlich intensiver und effektiver als jede Vorlesung. Man kann nur bis zu einem be­stimm­ten Punkt predigen – danach muss die praktische Erfahrung kommen.«

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6 Authentische Einblicke statt Casefilme

Andere etablierte Formen der Kooperation sind die Präsentation von Abschlussarbeiten vor Branchenvertretern, wie sie an der Miami Ad School oder der Freien Schule für Gestaltung FSG in Hamburg stattfinden, Jobmessen oder Aktionen wie das Speed Re­cruiting auf dem ADC Nachwuchstag – auf die natürlich das offizielle Bewerbungs-Prozedere folgen muss. Etwas breiter angelegt ist das zweitätige Format ZUtaten der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, das die Studenten selbst organisieren. Das Event kombiniert Workshops, Unter­neh­mensvorstel­lungen und Bewerbungsgespräche. MetaDesign aus Berlin nahm in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal teil und veranstaltete einen Workshop zum Thema Service Design Thinking (siehe Seite 21 in PAGE 08.2015).

Weit verbreitet sind auch Vorträge und Agenturbesuche. Dabei kommt es darauf an, Einblicke in den Agenturalltag, in Workflows, Berufsbilder und Tools zu geben. »Von reinen Werbe-Events und dem Vorführen von Goldideen-Casefilmen haben die Studen­ten nichts«, sagt Michael Seifert, der solche Veranstaltungen an der Brand Academy in Hamburg orga­nisiert. Das gilt auch für die Agenturen, wie Stefan Lembcke, Human Resources Manager bei Peter Schmidt Group in Hamburg, bestätigt. Die BBDO-Tochter empfängt gerne Studenten, etwa im Rahmen der Exkursionen, wie sie die Universität Pforzheim organisiert. »Dabei geht es für uns weniger darum, mit Kunden und Cases zu glänzen. Vielmehr wollen wir vermitteln, wie wir arbeiten: Wie sehen die Prozesse und Workflows innerhalb eines konkreten Pro­jektbeispiels aus? Welche Kultur leben wir und wie kommt diese im Tagesgeschäft mit dem Kunden und unter den Kollegen zum Tragen?«

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7 Privatschulen versprechen direkte Einsatzbarkeit

Einen deutlichen Praxisbezug haben sich besonders private Akademien auf die Fahnen geschrieben, von denen seit einigen Jahren immer mehr auf dem Ausbildungsmarkt auftauchen. Waren sie einst vor al­lem attraktiv, weil sie keine Mappenprüfung verlangten, hat sich das Niveau vieler Anbieter mittlerweile dem klassischer Hochschulen angeglichen, so Cissy Wal­de, Head of Human Resources bei thjnk in Hamburg.

»Hochschulen werden immer im Spannungsverhältnis von Praxisbezug und Freiheit zum Experimentieren stehen« Stefan Wölwer, Professor für Interaction Design an der HAWK Hildesheim/Holzminden/ Göttingen

Der Anspruch der meisten Privatschulen ist, dass ihre Absolventen im Job sofort voll einsetzbar sind – und direkt nach dem Abschluss eine Anstellung finden. Die Nähe zu Agenturen und Unternehmen ist hier stärker ausgeprägt als an den meisten staatlichen Hochschulen. So lehren an der Miami Ad School aus­schließlich Dozenten aus der Praxis, und auch sonst orientiert sich die Ausbildung am späteren All­tag (vornehmlich in Agenturen). »Unsere Timings und Deadlines sind an reale Bedingungen angepasst«, erklärt Geschäftsführer Niklas Frings-Rupp. »Wir wollen, dass die Studenten nichts mehr vom Hocker wirft, wenn sie in die Agenturen kommen. Dazu gehören Erfolge ebenso wie Nehmerqualitä­ten, wenn ein Konzept auch nach der dritten Überarbeitung abgelehnt wird.«

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8 Dual = Ideal?

Zunehmend beliebt ist das duale Ausbildungsprinzip, bei dem sich Theoriephasen an der Schule regel­mäßig mit Aufenthalten in Agenturen abwechseln. Neben privaten Schulen wie Miami Ad School und JvM-Academy verfolgt die Duale Hochschule Baden-Württemberg in Ravensburg diesen Ansatz – für den Kreativbereich das einzige duale Hochschulstudium in Deutschland. Die Studenten wechseln hier alle drei Monate zwischen Schule und Job. Das trainiert Zeitmanagement und Selbstorganisation, sagt Klaus Birk, Studiengangsleiter Mediendesign.

Bei aller Praxisbezogenheit achtet die Duale Hoch­schule genau darauf, ihren Auftrag als Hochschule zu er­fül­len. »Das umfasst ebenso die theoretischen Grund­la­gen wie die Reflexion der Gestalterrolle. Bei priva­ten Schulen, die dual ausgerichtet sind, fehlt diese Kom­ponente häufig«, sagt Birk. Die Studen­ten in Ra­vens­burg müssen ihre praktischen Projek­te schrift­lich be­gleiten und reflektieren, weshalb die Hoch­schu­le bei ihren Kooperationspartnern darauf Wert legt, dass sie eine »Betreuung auf Hoch­schulnive­au« ge­währ­leisten können. Laut Birk liegt die Über­nah­me­quote der Werksstudenten zwischen 80 und 85 Prozent.

Ein Partner aus dem Kreativbereich ist die Digitalagentur Scholz & Volkmer in Wiesbaden. Initiiert wurde die Kooperation auf Agenturseite von Unit Di­rector Alexander Philipp, der selbst die Duale Hochschule besuchte: »Ich habe damit gute Erfahrungen gemacht und glaube, dass Agenturen sich bei der Aus­bildung mehr engagieren müssen.« Die nötige Selbst­organisation und der hohe Workload seien eine gute Vorbereitung auf das spätere Agenturleben. Derzeit beschäftigt Scholz & Volkmer zwei Dual-Stu­dentin­nen aus dem Studiengang BWL/Medien- und Kom­mu­nikationswirtschaft im Bereich Projekt­ma­nagement und Beratung. Hier haben sie laut Philipp vie­le Kontaktpunkte zu den verschiedenen Diszi­plinen und ler­nen die (Zusammen-)Arbeit der Agen­tur gut kennen.

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9 Arduino-Lab statt Siebdruck-Werkstatt

Ein deutlicher Vorteil der Privatschulen gegenüber staatlichen Hochschulen liegt in ihrer Flexibilität. Inhaltliche oder strukturelle Veränderungen können hier wesentlich schneller und unkomplizierter beschlossen und umgesetzt werden. So passt die JvM-Academy nach einem Jahr Bestehen bereits ihr Konzept an: Künftig nimmt sie nur noch Bewerber mit ein bis zwei Jahren Erfahrung an – egal welcher Art. »Das kann ein Studium, eine Ausbildung oder auch eine Weltreise sein«, so Academy-Leiterin Simone Ashoff. Dafür verkürzt sich das Studium auf ein Jahr. Der theoretische Teil dauert dann nur noch vier Monate, der Rest ist Praxis. »Danach sind die Studen­ten fit für die Agenturen«, ist Ashoff überzeugt. Und falls dem nicht so ist, wird eben wieder umstrukturiert: »Wir sind flexibel und probieren aus, was für uns am besten funktioniert.«

Solche kurzfristigen und umfassenden Veränderungen sind an Hochschulen, die ans Bologna-Sys­tem gebunden sind, undenkbar. Allein die Akkreditierung von Studiengängen kann hier Monate bis Jah­re dauern – und die wirft man nicht so schnell wieder über den Haufen. Diese Strukturen bremsen zum einen, sind aber zum anderen eine gute Basis für nach­hal­ti­ge Entwicklungen und garantieren mehr gesell­schaft­liche und politische Durchschlagskraft, als sie die meis­ten frisch gegründeten Privatakademien ha­ben.

»Manchen Hochschulen geht die Nähe zur Praxis langsam verloren – besonders was neue Techno­logien angeht« Uwe Steinacker, Gründer der TypeSchool, Düsseldorf

Stefan Wölwer kritisiert vor allem, dass viele Gestaltungsstudiengänge an staatlichen Hochschulen künstlerisch orientiert sind und Digital-Kompetenz nur als Werkzeug statt als Denkweise verstehen. »Ich will damit nicht sagen, dass wir nur neue Studiengänge brauchen – vielmehr sollten sich bestehende ändern.« Die Technologieskepsis mancher klassi­scher Kunsthochschulen findet er bedenklich. »Man kann die Digitalisierung durchaus kritisch sehen, aber man muss konstruktiv damit umgehen. Statt eines Siebdruck-Workshops könnte man zum Beispiel mal ein Arduino-Lab veranstalten.«

Gunnar Hamm von Cellular ist optimistisch, was die Digital-Design-Ausbildung in Deutschland angeht: »Die Entwicklungen an den Hochschulen tragen erste Früchte: Wir hatten schon viele, sehr fähige Praktikanten in dem Bereich.« Das liegt seiner Meinung nach auch daran, dass Unternehmen die Bedeu­tung der digitalen Transformation spüren und hände­ringend nach Personal suchen. Das dürfte in Zukunft für weitere Angebote sorgen.

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10 Zu viel Praxis beschränkt den Horizont?

So wichtig der Praxisbezug auch ist – übertreiben sollte man ihn nicht. »Studenten so formen zu wollen, dass sie möglichst gut in die Praxis beziehungsweise in die Wirtschaft passen, erreicht paradoxerweise meist genau das Gegenteil«, schreibt Florian Pfeffer in seinem Buch »To Do: Die neue Rolle der Gestaltung in einer verändernden Welt«. »Bis die Stu­denten ›in Form‹ für eine bestimmte Praxis sind, hat diese sich meist schon wieder gewandelt. Sinnvol­ler ist es, Studenten auszubilden, die ihrerseits der Praxis eine Form geben können.«

Auch Michael Throm warnt: »Man muss darauf achten, dass die Freiheit der Lehre bewahrt bleibt und sich die Ausbildung nicht stromlinienförmig zur Industrie entwickelt. Bei manchen dualen Studiengän­gen sehe ich die Gefahr, dass sie zu sehr auf industrielle Partner ausgelegt sind und zum Beispiel eine bestimmte Ästhetik oder spezielle Verhaltensmus­ter fördern. Zu viel Praxis schränkt den Horizont eher ein, als ihn zu erweitern.«

Laut FSG-Leiterin Silvie Hartmann kann es dage­gen gar nicht genug Praxisbezug im Studium geben – sofern er vielseitig ist. »Es sollte auch Unterrichtsangebote geben, die dem Experimentieren dienen und nicht ergebnis-, sondern prozessorientiert sind.« Außerdem lege die FSG Wert auf ein differenziertes Kursangebot, indem zum Beispiel mehrere Dozen­ten im gleichen Bereich, aber mit verschiedenen Schwerpunkten unterrichten. Um sicherzugehen, dass auch die Studenten mit der Ausbildung zufrieden sind, werden regelmäßig Einzelgespräche geführt und Ziel- und Leistungsvereinbarungen getrof­fen. Auch diese sind eine gute Vorbereitung auf spätere Gespräche mit dem Chef.

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11 Persönlichkeit statt Jobfixierung

Zu einer ganzheitlichen Ausbildung gehören nicht nur handwerkliche Fähigkeiten, interdisziplinäres Den­ken und Praxiserfahrung, sondern auch die Ent­wicklung der Persönlichkeit. Dafür braucht es die Freiheit zu experimentieren, verschiedene Bereiche kennenzulernen und vor allem auch Fehler machen zu dürfen. »Privatschulen sind oft auf den Berufs­ein­stieg und die ersten Jahre im Job fixiert«, sagt Klaus Hesse. »An der HfG Offenbach bereiten wir dagegen auf ein langes Leben als Gestalter vor. Dazu gehört vor allem offen, kritisch und neugierig zu sein und angstfrei auf Neues zuzugehen.«

Aber nicht nur klassische Kunsthochschulen legen Wert auf die Ausbildung einer Gestalterpersönlichkeit, auch private Anbieter wie die schwedische Schule Hyper Island schreiben sich die »professionelle und persönliche Entwicklung« auf die Fahnen. Sie sieht die Arbeit der Kreativen in einem größeren, gesellschaftlichen Zusammenhang. Zwar wird die Lehre in enger Zusammenarbeit mit der Industrie entwickelt, dabei geht es aber nicht um kurzfristige Bedürfnisse, sondern um langfristige Entwicklun­gen. Gelernt werden soll innovatives und kreatives Denken, um die Zukunft mitzubestimmen.

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12 Agenturen erwarten zu viel

Für die meisten Personaler ist es unerheblich, welche Hochschule man besucht hat. »Es kommt immer auf den Einzelnen und sein Portfolio an«, so Cissy Walde. »Ob und welche Uni ein Bewerber besucht hat, ist für mich dabei kein Ausschlusskriterium. Das Gesamtpaket zählt.« Das Problem liegt eher darin, dass eine Menge Agenturen zu viel erwarten. »Die Forderung, dass Studenten gleich nach dem Abschluss in sämtlichen Programmen und Systemen voll loslegen können, ist naiv. Man kann in drei Jahren Bachelorstudium nicht alles vermitteln«, ist Stefan Wölwer überzeugt.

»Das bloße Vermitteln von Techniken hat keinen Sinn mehr. Wichtiger ist zu lernen, wie man lernt, sich motiviert und auf Ideen kommt« Michael Seifert, Kreativdirektor bei Jung von Matt/next und Professor an der Brand Academy, Hamburg

Immer mehr Arbeitgeber erkennen jedoch ihre Verantwortung, dem Nachwuchs einen guten Übergang in den Job zu ermöglichen – schon allein, weil ihnen die Bewerber fehlen. Dabei müssen vor allem Agenturen flexibler sein. »Nebenjobs für Studenten sind im Projektgeschäft manchmal schwer zu koordinieren, aber dennoch durchaus möglich«, sagt Sven Korhummel, Geschäftsführer bei cyperfection in Lud­wigshafen. Die Digitalagentur bietet Stu­den­ten­jobs mit 16 bis 20 Stunden an. »Für Studierende ist es sehr hilfreich, einen Einblick ins echte Ar­bei­ten einer Agentur zu bekommen. Und wir lernen auf die Art span­nende Nachwuchstalente kennen.« Außerdem sind Traineestellen eine gute Möglichkeit, Absolventen in den Job einzuführen. Dabei soll­ten Agen­turen fair und flexibel sein und besonders gute Trainees schnell in den Junioren-Stand befördern, wie dies laut Cissy Walde thjnk praktiziert. Auch Me­taDesign in Berlin bietet rund 90 unterschiedli­che Stellen für Prak­tikan­ten, Trainees, Werk­stu­den­ten und Auszubildende. Die Qualität dieser differenzierten Angebote sichert die Designagentur mithilfe von Ein­stiegs-, Zwischen- und Abschluss­gesprä­chen, berichtet Kerstin Feix.

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13 Selbst ist der Student

Ohne Eigeninitiative geht letztlich bei allen Ausbildungsformen nichts – beziehungsweise deutlich we­niger. So müssen sich Studenten selbst bemühen, die nötigen Tools und Techniken zu beherrschen, wenn die entsprechenden Kurse nicht an ihrer Hoch­schule angeboten werden. »Das ist eine gute Vorbereitung für den späteren Job, in dem man sich ohnehin ständig weiterbilden muss«, findet Christina Grie­se. Silvie Hartmann wird noch deutlicher: »Ohne Ei­geninitiative kommt man zu maximal durchschnittlichen Ergebnissen«.

Das gilt nicht nur für die Ausbildung, sondern auch für die Jobsuche. »Viele Studenten sind sich der Problematik des verkürzten Bachelorstudiums bewusst und kümmern sich eigenständig um ergänzende Kompetenzen und Praxiserfahrungen«, stellt Kerstin Feix fest. »Das sind natürlich optimale Kandi­daten für uns.« Das bedeutet aber nicht, dass man in Rekordzeit sein Studium durchziehen muss. Aus­pro­bieren, experimentieren, vielleicht zwei Semes­ter dran­hängen kann manchmal wesentlich zum Ziel bei­tragen – nämlich sich zu einer Gestalter­per­sön­lichkeit zu entwickeln, die ihr Handwerk beherrscht, eine eigene Meinung hat und sich ihrer Rol­le und Verantwortung für die Gesellschaft bewusst ist.

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14 Ausbilden für die Zukunft

Die Branche diskutiert immer häufiger und offener, dass und wie sich die Rolle des Gestalters verändert (siehe PAGE 05.15, Seite 16 ff.). »Design wird immer noch oft als Oberflächengestaltung verstanden«, sagt Stefan Wölwer. »Aber heute geht es vielmehr um die Gestaltung von Parametern und Systemen. Bei digitalen Produkten und Services zählt nicht in erster Linie, ob die Typo 100-prozentig sitzt, sondern ob das System dahinter gut durchdacht und anwenderfreundlich ist.« Auf diese neuen Herausforderun­gen muss die Lehre reagieren, etwa mit Angeboten im Bereich Interaction oder Service Design.

Die neue Rolle des Designers kann – und muss – man aber auch in einem größeren Zusammenhang sehen: Im Rahmen seiner Verantwortung für die Gesellschaft. So fordert Florian Pfeffer eine breiter angelegte Ausbildung, die auch unternehmerisches, problemlösendes Denken umfasst (siehe Interview auf Seite 26 f. in PAGE 08.2015). Solche Thematiken greifen vornehm­lich Masterstudiengänge auf, wie etwa Strategische Gestaltung an der HfG Schwäbisch Gmünd. »Wer heute in der Designbranche in leitender Position arbeiten oder als selbstständiger Gestalter bestehen will, muss Praktiker und Stratege in einem sein«, erklärt Studiengangsleiterin Susanne Schade. »Design versteht sich hier als Gestaltung, die neben dem finanziellen Erfolg auch einen sozialen Fortschritt hin zu einer verbesserten Lebenssituation der Menschen verfolgt. Also als strategische Gestaltung, die Einfluss nimmt auf gesellschaftliche Entwicklun­gen und Herausforderungen der Zukunft.«

Laut Schade wird die Rolle des Designers zunehmend die eines Mediators zwischen unterschiedli­chen Disziplinen und Stakeholdern sein. Hochschu­len sollten daher ein Klima fördern, in dem Studieren­de ein individuelles berufliches Persönlichkeits­pro­fil ausbilden können. Dazu gehört für sie Eigenrefle­xion, soziales Engagement und die Bearbeitung von gesellschaftlichen Fragestellungen in Bezug zum ei­genen Berufsbild. An der HfG Gmünd entscheiden die Studenten selbst, wo sie ihre Schwerpunkte setzen – anwendungs- und praxisnah oder mehr theoretisch und forschungslastig.

So wie sich die Branche stetig verändert, wandelt sich auch die Ausbildung. Wie viel Wert der Einzelne auf Praxisbezug, künstlerische Grundausbildung oder Managementkompetenzen legt, hängt ganz von ihm selbst ab sowie der Richtung, die er gerne einschlagen möchte. In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lernen!

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Dieser Beitrag stammt aus PAGE 08.2015. Sie können ihn sich sowohl als PAGE eDossier herunterladen, als auch die PAGE Ausgabe 08.2015 im Digitalformat im PAGE Shop erwerben. Darin finden Sie zum einen das Interview mit Florian Pfeffer, zum anderen die Cases, von denen im Artikel die Rede ist.