Wie Art Direktorin Malin Schulz das neue Ressort der ZEIT gestaltete

Heute erscheint die DIE ZEIT nicht nur mit leicht überarbeiteter Typografie, sondern vor allem mit dem neuen Ressort »Z – Zeit zum Entdecken«. Die Art Direktorin Malin Schulz erzählt, warum Zeitungen heute so »magazinig« sind, ein Plakat als Aufmacher der Traum jedes Editorial Designers ist – und wie man überflüssige Geschmacksdiskussionen vermeidet.



Z_Aufmacher

In dem Ressort »Z – Zeit zum Entdecken« das heute erstmals in DIE ZEIT erscheint, sollen »Debatten angestoßen werden und Geschichten aus unserem Alltag« erzählt. Und gemäß dem Titel soll dabei jede Menge »Entdeckt« werden – auch in dem Reiseteil, der in das neue Ressort integriert wird.

Vor allem aber sprüht die Gestaltung der Seiten vor Charme, bietet ungewöhnliche Formate und hübsche, bildgetriebe Ideen wie die Tierfotografie im Stil ausgezeichneter Porträtfotografie.

Die Art Direktorin Malin Schulz erzählt, wie das alles zustande kam.

PAGE online: Es heißt, in dem neuen Ressort sei alles erlaubt. Auch in der Gestaltung?
Malin Schulz: Alles ist erlaubt, das klingt nach Spaß. Aber eine reine »Design-Guerilla« macht noch keine gute Gestaltung aus. Regeln sind etwas wunderbares, denn nur dann kann man sie gekonnt brechen. Für das Layout von »Z« haben wir ein durch schwarze Linien unterstütztes, strenges Raster entwickelt, das die Kleinteiligkeit der Seiten organisiert. Zur Inspiration haben die für das Layout verantwortliche Grafikerin Katrin Guddat und ich etliche Magazine durchstöbert. Wichtig war es, eine eigene gestalterische Haltung zu finden und trotzdem eng bei der Marke DIE ZEIT zu bleiben. Zeitgleich mit dem »Z«- Launch startet auch die ZEIT mit leicht überarbeiteter Typografie, die unsere Artdirektion unter Leitung meiner Kollegin Haika Hinze entwickelt hat. Intern nennen wir es jedoch nicht »relaunchen«, sondern »aufräumen«. Der Leser will einfach nicht mit zu viel »Gedöns« und Belegbildern genervt werden. Den wahllosen Bilderstream bekommt er woanders. Der »gestalterische Punk«, wenn man so will, kommt dann über kleine, feine Details, die der Leser gerne entdecken kann, und natürlich über die Bildsprache, auf die unsere Bildredakteurin Bettina Theuerkauf einen wesentlichen Einfluss hatte.

Mit »Z« wollen Sie etwas ganz Neues ausprobieren. Was ist das Besondere daran, das Eigenwillige und Elegante?
Diese Formulierung trifft es sehr gut. »Z« ist eigenwillig und elegant – aber auch emotional. Eine meiner Lieblingsrubriken ist die Reihe »Du siehst aus wie ich mich fühle!« Hier wird ein Tier im Stil großer Porträtfotografie inszeniert. DIE ZEIT steht natürlich für Qualität und Seriosität. Dem wollen wir treu bleiben. Bei »Z« darf aber nach der intensiven Lesestrecke der Ressorts wie Politik und Wirtschaft auch mal herzhaft gelacht werden – ohne ins Unpolitische abzudriften. »Z« bewegt sich dabei immer auf Augenhöhe mit dem Leser. Statt aus einem Elfenbeinturm heraus die Welt erklärt zu bekommen, soll er mit all seinen Interessen bei »Z« selbst im Mittelpunkt stehen. »Z« ist nicht nur ein Gesellschaftsressort, sondern auch ein Ressort zum Mitmachen. Auf den Seiten rufen wir den Leser direkt auf, uns eigene Ideen und Anregungen für Rubriken und Themen zu schicken. Das wird ein spannendes Experiment, was es so noch nicht gibt in der Print-Landschaft.

Ein Plakat als Ressortaufmacher. Wie kamen Sie auf die Idee?
Ein Plakat ist einfach ein perfekter dramaturgischer Einstieg für ein Ressort, das auch viele kleine Formen und Texte beinhaltet. Das Plakat bebildert unser großes Debattenthema, das sich auf der Rückseite befindet. Außerdem ist es natürlich der Traum jedes Gestalters, wöchentlich ein Plakat entwerfen zu können. Wenn sich der Leser die Seite herausreißt und aufhängt, haben wir unser Ziel erreicht.

Wie inszeniert man eine »Magazin-Strecke« im Zeitungsformat? Was sind die wichtigsten visuellen Aspekte?
Das kommt darauf an, wie man die Gattung Magazin definiert. Viele Zeitungen sind in puncto Formenvielfalt und Vielfältigkeit von Erzählweisen der Machart von Magazinen sehr ähnlich geworden. Der heutige Leser ist visuell geschult und anspruchsvoll – er hat einfach schon viel gesehen. Ihn immer wieder zu überraschen, ist die große Herausforderung. Man kann das als »magazinig« begreifen oder einfach nur als überfällig und zeitgemäß. DIE ZEIT ist eine Zeitung, die diesen Anspruch jede Woche erhebt, nicht nur in »Z«.

Wie sind Sie in der Konzeption der Strecke vorgegangen? Was stand am Anfang? Das Bild?
Artdirektion und Bildredaktion haben sehr eng mit der Textredaktion zusammengearbeitet. Das hat großen Spaß gemacht. Mal gab es als Erstes eine Textidee, mal eine Bildidee. Ich glaube, dass gute Gestaltung am Ende immer so aussieht, als wäre sie nur von zwei Leuten gemacht, die sich mögen und respektieren: einem Texter und einem Grafiker. Auch wenn in Wahrheit viele Leute beteiligt sind. Rumgekrampfe, überflüssige Geschmacksdiskussionen und Gerangel um Textmengen oder Bildgrößen, wie es im Produktionsprozess auch mal passiert, sieht man leider auch oft dem Endergebnis an. Deswegen ist Augenhöhe zwischen Text- und Bildebene sehr entscheidend. Redaktionen, die Designer als reine Hübschmacher und Dienstleister begreifen, verschenken eine große Chance. Design ist eine journalistische Disziplin. Und Designer sind auch Blattmacher.

Stehen Bild und Text gleichberechtigt nebeneinander?
Eine gute Redaktion geht erst mal vom Thema aus und überlegt dann gemeinsam, wie man es wirkungsvoll inszenieren kann. Manchmal funktioniert eine Geschichte einfach besser als Bild oder als Infografik. Doch bei allem Gestaltungswillen und der Freude an großen Bildern darf der Markenkern nicht zu kurz kommen: DIE ZEIT ist und bleibt ein Autorenblatt. Dass der Leser neugierig auf die Texte wird und diese auch liest, ist und bleibt ein wichtiger Teil unserer Arbeit.

Sehen Sie »Z« als eine Art Wochenendjournal?
Wir erscheinen schon am Donnerstag, von da an kann losgelesen werden. Aber das muss der Leser entscheiden. Es ist kein Geheimnis, dass viele Menschen erst am Wochenende Zeit finden, in Ruhe zu lesen. Da »Z« aber auch kurze Stücke zu bieten hat, findet der Leser vielleicht auch vorher schon die Zeit für sein Lesevergnügen. Leider eignet sich das Format nicht besonders gut, um es am Samstag im Bett zu lesen. Es ist riesig und raschelt permanent. Aber man kann es versuchen.

Zehn Seiten umfasst »Z«, gleichzeitig aber auch das ehemalige Reise-Ressort. Wie viele neue Seiten kamen hinzu?
Wir haben rund vier neue Seiten dazu bekommen, die die ehemalige Reise thematisch erweitern. Das neue Motto ist: Entdecken. Das kann ein Ort sein, aber auch ein guter Drink oder ein politisches Thema. Heutzutage reist jeder. Die Zeit ist vorbei, in der uns Redakteure und Fotografen ferne Orte und exotische Kulturen aus einer elitären Position heraus erstmal zeigen mussten. Wir suchen die Poesie und kleine Fluchten nicht nur in der Ferne, sondern auch im Alltag. Ich hoffe, es ist uns auch gestalterisch gelungen, das zu zeigen.

 




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