Warum Illustrationen so angesagt sind

Ab sofort im Handel: PAGE 09.2016



Editorial: Salär statt prekär

Ob für Erscheinungsbilder, Verpackungen oder Websites – Illustrationen sind beliebt wie nie. Ein einträgliches Geschäft also, sollte man meinen. Fragt sich nur, für wen. Eine Umfrage der Illustratoren Organisation (siehe PAGE eDossier »Designwirtschaft in Zahlen«) ergab nämlich, dass über 40 Prozent der Illustratoren noch nicht einmal 12 000 Euro im Jahr verdienen. Das aber offensichtlich durchaus zu Recht. Denn noch immer betrachten sich viele Illustratoren als Künstler. Nicht der Nutzwert ihrer Arbeit, sondern das Streben nach dem Schönen treibt sie an. So ist für sie Geld eigentlich bloß Mittel zum Zweck – um Arbeitsmaterial zu kaufen und Ausstellungen zu finanzieren –, in den Dienst der Wirtschaft stellen sie sich nicht. Im Gegenteil, sie zelebrieren die Haltung des mittellosen Artisten regelrecht.

Vermutlich ist es aber doch mangelndes Selbstvertrauen, das Illustratoren auch von ihren Kollegen mit der Kamera unterscheidet und sie letztlich vom Geldverdienen abhält. Profifotografen müssen für ihre Werke wenigstens noch hohe Honorare für Models, Flüge, Stylisten, Locations und Postproduktion rechtfertigen. Illustratoren kostet es dagegen nur ein paar Striche, und schon, um nur ein Beispiel zu nennen, verwandelt sich Berlin in ein riesiges Parkhaus. Spricht es nicht Bände, dass die diesjährige ADC-Jury die smart-Printkampagne mit ebendiesem Artwork von Chrisse Kunst mit neun Nägeln belohnte, dann aber doch in Erklärungsnot geriet?

Arglosigkeit aufseiten der Illustratoren hin, Respektlosigkeit aufseiten der Auftraggeber her – die Welt der Marken hat die Illustration entdeckt. In PAGE 09.2016 sondieren wir ihre Stärken und stellen Ihnen überzeugende Brandingstrategien sowie stringente Crossmediakonzepte vor. Denn wir meinen: Es ist höchste Zeit, dass Illustratoren statt schöngeistig vor sich hin zu werkeln, auf die Bedürfnisse des Marktes schauen, sich ihres Beitrags zur Wertschöpfung bewusst werden und angemessene Preise verlangen. Und ebenso höchste Zeit, dass Marken die Illustration nicht nur wertschätzen, sondern auch entsprechend honorieren.

Gabriele Günder,
Chefredakteurin/Publisherin

 


In nachfolgend veröffentlichter Mail bezieht Stefan Pertschi Stellung. Wenn auch Sie einen Beitrag zum Thema leisten wollen, gerne über die Kommentarsfunktion ganz unten.


Liebe Gabriele Günder,

herzlichen Dank für Ihr Editorial, welches sich ganz gut für bessere Arbeitsbedingungen für Illustratoren einsetzt, jedoch den Illustratoren/Künstlern ja auch ein bisschen unterstellt selbst mit Schuld an ihrer Misere zu tragen. Ich sehe das ein wenig anders. Ins Detail zu gehen würde jedoch den Rahmen hier etwas sprengen, ich halte mich kurz, probiere es jedenfalls:

Es wird leider gerade von Seiten der finanzstarken Industrie/Wirtschaft sehr oft und gerne probiert, die Leistungen eines freien Mikrounternehmers für einen Apfel und ein Ei einzuholen. Alles schon erlebt. Kaum redet man von Nutzungsrechten und Folgevergütungen werden gerne andere Billiganbieter genommen, unerfahrenes, argloses Frischfleisch am Markt eben. Das Verhältnis ist schwer im Argen. An den Hochschulen werden die Kulturarbeiter nicht unbedingt auf die harte Realität des freien Marktes vorbereitet. All das Wissen um Urheberrechte, Nutzungsrechte, Lizenzen und ähnliches wird sich überwiegend selbst erarbeitet. Nach wie vor werden überwiegend Praktikanten im freien Markt eingesetzt. In Konkurrenz zu den Hochschulabsolventen und erfahrenen alten Hasen … nur langsam findet ein Aufwachen statt.

Auch die Mitgliedschaft in der IO ist zwar für den Austausch hilfreich, die Vertragsverhandlungen führt dennoch jeder alleine, wenn es überhaupt dazu kommt.

Wir haben eine riesige Menge an Illustratoren ausgebildet, der Markt ist total überlaufen. Das Angebot übersteigt die Nachfrage. Kein Wunder dass die Honorare an der Unzumutbarkeitsgrenze herumdümpeln. Auch Verlagsverträge sind zunehmend schlechter für die Urheber geworden. Von 30 Anfragen an ein Film/Animationsstudio ist heute nur noch eine für den Illustrator/das Studio machbar. Früher, vor diesen Zeiten der unbegrenzten Gier nach kostenlosen Bildern, kostenlosen Dienstleistungen und der Unverbindlichkeit der E-Mails war das Verhältnis 1:10.

Ich sehe die Schuld eher bei den Unternehmern der Firmen welche die prekäre Situation der Mikrounternehmer, Ich-AGs, Selbstausbeuter schamlos ausnutzen. Und ich gebe Ihnen Recht: Auf beiden Seiten muss ein Umdenken stattfinden. Der Illustrator muss seinen Wert kennen und halten. Der Auftraggeber sollte die Arbeit höher wertschätzen.

Wie gesagt: Danke für Ihre Worte, hoffentlich bewegt es etwas. Meine Befürchtung ist allerdings eher eine Entsolidarisierung durch den gestiegen Konkurrenzdruck und die gegenseitige Unterbietung an Honorarforderung und ein weiter stagnierendes Lohnniveau in der Bundesrepublik, wenn überhaupt von Lohn noch die Sprache sein kann.

Es wird im September eine Ausgabe der Konkret geben, mit der schönen Headline »Nicht bestellt und nicht abgeholt«. Die Headline trifft die Situation der freigesetzten Kulturarbeiter doch ziemlich auf den Punkt.

Anbei noch ein Link zu einem offenen Brief der Gewerkschaft verdi an den Hamburger Senat:

http://hamburg.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++617f2820-378f-11e6-8fbd-525400a933ef

Ich würde mich freuen von ihnen zu hören, vielleicht können wir ja gemeinsam an der Strippe für mehr Wertschäzung ziehen.

Mit herzlichen Grüßen
Dipl.-Des. Stefan Pertschi
www.stefanpertschi.de

 

 

 




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