Trends 2016

Ab sofort im Handel: PAGE 02.2016



Editorial: Wetten, dass …

Ich wage mal die Prognose: 2114 wird man nördlich von Oslo 1000 Bäume fällen und sie zu 100 Büchern verarbeiten. Möglicherweise werden sie dann die einzigen gedruckten Schriftstücke sein, denn die Zukunft des Lesens stellt man sich heute ja eher digital vor. Doch der 2014 angepflanzte Wald ist Teil des Projekts »Future Library« der Konzeptkünstlerin Katie Paterson, für das Jahr für Jahr ein namhafter Autor einen Text beisteuern soll, der ungelesen weggeschlossen wird. Nach dem hundertsten Beitrag darf abgeholzt und gedruckt werden.

Katie Paterson spielt gerne mit der Vermittlung unvorstellbarer Vorgänge in der Zukunft. So hat sie auch schon ein nanometergroßes Sandkörnchen in der Sahara vergraben. Ob wir es jemals wiedersehen werden? Wer weiß, Sand ist ein knappes Gut. Man benötigt ihn für Computerchips, die bekanntlich ja immer kleiner und leistungsfähiger werden, aber offensichtlich auch immer unentbehrlicher: In Lon don wurde bereits ein Mann festgenommen, als er im Zug Elektrizitätsdiebstahl beging, um sein Smartphone aufzuladen. In New York soll sogar ein Mann während einer Broadway-Show auf die Bühne gerannt sein, um sein Handy an einer Requisitensteckdose anzuschließen.

Nun gibt es aber auch Stimmen, die der Digitalisierung unserer Welt keine große Zukunft geben. »Wetten, dass die ›Digital Diet‹, die in den USA bereits talk of the town ist, in wenigen Jahren so dazugehört wie Veganismus oder Trennkost oder Wellnesskuren? Dass es als unhöflich, ja obszön gelten wird, dauernd auf sein Ding (seinen Bildschirm) zu starren?«, schreibt Zukunftsforscher Matthias Horx in seinem Dossier »Was kommt nach dem Internet?«. Während man auf Hightech-Konferenzen noch immer das Loblied auf disruptive Geschäftsmodelle, künstliche Intelligenz, vollautomatische Häuser und das Internet der Dinge anstimmt, singt die Hamburger Band Deichkind bereits »Like mich am Arsch«.

Ob nun der Kampf um die Steckdose oder die digitale Abstinenz die Oberhand gewinnen wird, Katie Paterson hat vorgesorgt: Damit ihr Projekt nicht am Fortschritt der Technik scheitert, lagern die Texte zusammen mit einer Druckerpresse ein, die notfalls wieder in Betrieb genommen werden kann. So ist die Realisierung der Future Library, auch wenn sie nicht in unserer Macht liegt, doch vorstellbar. Genauso wie die Entwicklungen, von denen Sie in PAGE 02.106 lesen werden – auf Papier oder Display.

Gabriele Günder,
Chefredakteurin/Publisher




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