Papier und Druck: Wirkungsvolle Haptik und ihre Bedeutung fürs Design

»Einfach Augen zumachen und in die Hand nehmen. Das halte ich für zwingend not­wen­dig.« Wir sprachen mit Alfred König, Gründer der Kommunikations- und Produktionsagentur König Konzept in München …



Haptik, Kommunikation, Alfred Koenig

Papier und Druck sind Alfred König, Gründer der Kommunikations- und Produktionsagentur König Konzept in München, Herzensangelegenheiten. Schon in den 1980er Jahren kam ihm die Idee zu seinem Papiersuchdienst feinstpapier.de/papiersuchdienst – mit dem er bis heu­te seinen Kunden jedes Material zugänglich macht, das irgendwo auf der Welt produziert wird.

Mit seiner Agentur unterstützt er Unternehmen bei der Entwicklung und Etablierung neuer Geschäfts- und Kommunikationsmodelle. Zu diesen Themen hält er Vorträge, schreibt Fachartikel und veranstaltet Workshops.

Wir sprachen mit ihm über wirkungsvolle Haptik und ihre Bedeu­tung fürs Design.


Spielt Haptik in Agenturen und Designbüros überhaupt eine Rolle? Oder dreht sich dort alles nur um Farbe, Bildsprache oder Typografie?
Alfred König: So gut wie keine, weil das The­ma oft nicht verstanden wird. Haptik meint für viele den Effekt, dass sich etwas toll anfühlt. Deshalb wundert es mich gar nicht, wenn der Geschenkgutschein für eine erotische Massage und der Prospekt ei­nes Maschinenbauers mit der gleichen Soft­touchfolie gestaltet sind. Würde ich allerdings das Lo­go für einen Kindergarten in Schwarz anlegen, gäbe es sofort Protest. Aber Softtouchfolie geht für alles.

»Haptik besteht aus Textur, Konsistenz, Masse, Temperatur und aus der Form«

Das heißt, Kreative denken in Bezug auf Haptik zu wenig nach?
Ich unterscheide zwischen beliebiger Anwendung und einer wirklich zielgerichteten haptischen Kommunikation. Die meis­ten Menschen sprechen von »Haptik«, mei­nen aber »Textur«. Dabei ist diese nur eines von fünf haptischen Kriterien und nicht einmal das wichtigste. Haptik besteht aus Textur, Konsistenz, Masse, Temperatur und aus der Form – das Bindeglied zwischen der visuellen und der haptischen Schiene. Man könnte zum Beispiel den Verschluss ei­nes Peperoniglases nicht rund, sondern vier­eck­ig gestalten und zwar so, dass die Kanten sich ganz bewusst etwas scharf anfühlen.

Und mir so signalisieren: Achtung, die Peperoni sind scharf!
Ich arbeite nach dem Prinzip von Lust und Schmerz. Scharf und spitz sind für mich Ur-Haptiken, die normalerweise auf Bedro­hung hinweisen. Alles, was uns gefährlich werden könnte, ist scharf und spitz. Warm und weich sind dagegen Haptiken, mit denen wir Angenehmes verbinden. Bei den Peperoni aber ist die Schärfe, die manchen abschreckt, genau das, was man sucht. Die­se wird durch das Spitze des Verschlusses vermittelt. So etwas wird intuitiv sofort verstanden.

Kann man denn Haptik auch falsch verstehen?
Allerdings. In meinen Workshops gebe ich Teilnehmern oft Dinge in die Hand, und sie sollen mit geschlossenen Augen den ers­ten spontanen Eindruck wiedergeben. Bei der erwähnten Softtouchfolie, die gera­de die Papier- und Druckbranche sehr freudig ver­wendet, höre ich häufig ein spontanes »Iiih!« oder auch »Das fühlt sich aber synthetisch an!«. Dabei wollte das Produkt eigentlich eine sinnliche, natürliche Haptik kommunizieren. Oder eine Drucksache fühlt sich ungewöhnlich leicht an, ist aber der Prospekt eines Ambossherstellers. Gibt es solche Widersprüche, verkaufen sich die Produkte nicht gut.

»Einfach Augen zumachen und in die Hand nehmen. Das halte ich für zwingend not­wen­dig«

Wie prüft man, ob das Haptische funktioniert?
Einfach Augen zumachen und in die Hand nehmen. Das halte ich für zwingend not­wen­dig. Denn das visuelle Sensorium über­lagert das Haptische, das natürlich trotzdem vorhanden ist. Widersprechen sich die beiden Empfindungen, entsteht ein Unwohlgefühl und die Mühe ist für die Katz. Sich auf die reine Effektebene zu begeben, kann also sinnlos oder gar kontraproduktiv sein. Da bin ich dann der Erste, der sagt: »Verzichte auf haptischen Schnickschnack und bleib konventionell! Oder denk richtig darüber nach.«

Aber die Argumentation der Marketingprofis baut doch darauf auf, dass sie sagen, eine Drucksache werde besser wahrgenommen, wenn ein Lack oder eine Prägung drauf ist.
Das ist ja prinzipiell auch richtig. Aber etwas, das gut gemeint ist, muss ja nicht zwin­gend gut gemacht sein und wirklich eine haptische Botschaft kommunizieren. Man kann über Haptik das aufbauen, was heute am meisten verloren geht: Verbindlichkeit in Beziehungen. Das hat auch das Marketing erkannt und versieht Mailings sehr gerne mit haptischen Gimmicks, meist mit ei­nem einfallslosen Drucklack. Und der Emp­fänger denkt: »Aha, da hat einer einen nichtssagenden Drucklack drauf gemacht, weil ihm nichts anderes eingefallen ist.« Auf diese Weise funktioniert keine haptische Kommunikation.

»Zielgerichtet eingesetzte haptische Signale lösen einen Sucheffekt aus«

Was würden sie Gestaltern raten, die nicht auf der bloßen Effektebene bleiben wollen?
Die sollten ein Seminar bei mir besuchen (lacht). Wir werden heute mit Bild-, Text- und Tonnachrichten überschwemmt, da schalten wir oft einfach ab. Zielgerichtet eingesetzte haptische Signale lösen da­gegen einen Sucheffekt aus, der haptische Sinn ist immer noch neugierig. Glücklicher­weise muss man Theorien nicht intellektuell greif­bar haben, um sie intuitiv richtig anwenden zu können. Ich kenne eine Reihe von Menschen, die wirklich einen sehr guten intuitiven Zugang haben. Andere aber eben nicht.

Aber kaum jemand würde doch auf die Idee kommen, auf ein dickes, raues Naturpapier einen komisch glänzenden Drucklack aufzubringen.
Das stimmt, aber eher, weil es technisch nicht gut funktioniert.

Welche Veredelungen mögen Sie besonders, welche weniger?
Sehr gern mag ich Prägungen und dreidimensionale Strukturen jeder Art, hier spie­len bereits Textur, Konsistenz und Form ineinander. Und umweltfreundlicher als eine Blindprägung kann fast nichts sein – wobei ich das Wort »Blind-Prägung« als programmatisch wahrnehme – man soll sie ja vor allem fühlen. Klassische Drucklackveredelungen finde ich dagegen fast durch­weg schrecklich.

Wählen Sie beim Einkauf im Supermarkt die Produkte nach haptischen Gesichtspunkten aus?
Eher nach Notwendigkeit und nach dem Kriterium der geringstmöglichen visuel­len Belästigung.

In welchen Bereichen würden Sie sich mehr Haptik wünschen?
Im täglichen Miteinander, insbesondere im Erziehungsbereich und generell im Um­gang mit Kindern.


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