Warum bewusste Karriereplanung in der Kreativbranche kaum sinnvoll ist …

Florian Schmitt gründete einst das Digitalstudio HiRes! in London. Heute ist er Chief Creative Officer bei SYZYGY. Wir sprachen mit ihm über seinen Werdegang, seine neue Rolle, Work-Life-Balance und die perfekte Büroeinrichtung.



Florian Schmitt, Chief Creative Officer Syzygy

PAGE: Vom Gründer eines kleinen, feinen Designstudios zum Chief Creative Officer eines internationalen Netzwerks: Wie beurteilst du selbst deinen Werdegang? Gibt es irgendetwas, was du heute anders machen würdest?

Florian Schmitt: Ich bin mehr oder weniger in alles reingestolpert. Ich habe Produktgestaltung studiert und bin über Film und Musik zu dem gekommen, was ich heute mache. So einen Werdegang hätte man gar nicht planen können. Ich bin quasi dem Weg gefolgt, den mir das Universum gewiesen hat – und damit sehr glücklich. Insofern würde ich auf keinen Fall etwas anders machen.

Ich bin mehr oder weniger in alles reingestolpert

Als wir zu zweit Hi-ReS! gegründet haben, haben wir im Grunde alles gemacht: von Musik über Konzeption und Gestaltung bis hin zu Programmierung. Das war eine sehr spannende Zeit für mich, weil ich mich in viele unbekannte Felder hineingestürzt habe. Sobald ich an einen Punkt komme, an dem ich glaube, alles über eine Sache zu wissen, fange ich etwas Neues an, von dem ich keine Ahnung habe. Das ist es, was mich antreibt.

Die letzten Jahre bin ich immer weiter »rausgezoomt« und beschäftige mich jetzt mehr mit den größeren, auch gesellschaftlichen Zusammenhängen. Das war es auch, was mich daran gereizt hat, die Position des Chief Creative Officers der Gruppe anzunehmen. Ich möchte sehen, was ich kulturell und im Bereich Innovation bewirken kann. Das heißt aber nicht, dass ich nicht noch ab und zu mit Photoshop oder AfterEffects arbeite.

Du arbeitest also auch noch Hands-on?

Es würde mich nicht glücklich machen, wenn ich nur noch PowerPoint-Präsentationen machen müsste

Absolut. Ich kann gar nicht anders. Es würde mich nicht glücklich machen, wenn ich nur noch PowerPoint-Präsentationen machen müsste. Davon mache ich jetzt schon mehr als je zuvor in meinem Leben. Zum Ausgleich beschäftige ich mich gern mit kreativen Details.

Wieso habt ihr euch damals entschieden Hi-ReS! an SYZYGY zu verkaufen?

Ehrlich gesagt hatten wir das nie geplant, sondern waren sehr auf unsere Unabhängigkeit bedacht. Irgendwann stand Marco Seiler von SYZYGY vor der Tür und es hat einfach geklickt. Damals waren wir rund 12-13 Leute und hatten oft Anfragen für größere Projekte, die wir alleine nicht stemmen konnten. Andererseits waren wir zu groß, um uns nur mit den kleinen Indie-Sachen zu beschäftigen, die wir immer gemacht hatten. Deshalb war unser Wunsch, innerhalb einer Organisation einen Platz zu finden, an dem wir uns auf das konzentrieren können, was wir am liebsten (und am besten) machen. Das haben wir bei SYZYGY gefunden.

Wie sieht deine Rolle bei SYZYGY genau aus? Was machst du den ganzen Tag?

Ich habe keinen geregelten Tagesablauf. Ich bin viel unterwegs und beschäftige mich mit übergeordneten Dingen, die uns als Organisation und unsere Firmenkultur betreffen. Mein Fokus ist New Business: Was sollten wir machen? Was fordert uns? In welche Richtung wollen wir gehen – und in welche nicht? Ich beschäftige mich mit neuen Entwicklungen und Innovation, um Relevanz für uns und unsere Kunden auszuloten. Stichwort: Disruption. Alles hängt zusammen und diese Zusammenhänge zu sehen und zu verstehen ist für Organisationen und unsere Gesellschaft enorm wichtig.

Wenn ich nicht unterwegs bin, sitze in unserem Büro in London und mache dort alles: von Telefon beantworten über Spülmaschine einräumen, Konzepte erarbeiten bis hin zu Photoshop. Es ist eine sehr vielseitige und spannende Rolle – nur auf das Telefon könnte ich manchmal gut verzichten.

Hauptstandort von SYZYGY ist in Frankfurt. Wirst du dorthin umsiedeln?

Nein. Mein Lebensmittelpunkt ist London und das wird sich auch nicht ändern. Schon allein wegen meiner beiden Kinder, die dort zur Schule gehen. Außerdem fühle ich mich extrem wohl in London. Es ist für mich nach wie vor eine der spannendsten Städte, in der ich je war. Dort habe ich alles gefunden, was mir im Leben wichtig ist. Unser Büro liegt in Shoreditch, wo immer noch total viel los ist. Wohnen tue ich ein bisschen außerhalb direkt an einem Park, wo ich laufen gehen und abschalten kann.

Du hast deine Work-Life-Balance also gefunden?

Mittlerweile ja. Als wir angefangen haben, waren wir sieben Tage die Woche im Studio. Egal, ob es etwas zu tun gab oder nicht. Es war einfach unser Lebensmittelpunkt. Das hat viel Spaß gemacht, aber auch viel Energie gekostet. Heute will – und kann – ich das so nicht mehr machen. Sobald du nicht mehr bei allem mit Leidenschaft dabei bist, musst du etwas ändern. Es kommt immer noch vor, dass ich erst um 3 Uhr morgens von der Arbeit komme und das ist auch vollkommen ok. Aber genauso nehme ich mir viel mehr Freizeit als früher. Montagnachmittags gehe ich zum Beispiel einfach mal ins Museum. So versuche ich eine Balance zu finden zwischen meinen verschiedenen Leidenschaften.

Viel meiner »Freizeit« verbringe ich in Airport Lounges, aber auch dort kann man sie bewusst nutzen. Meine beste Neuanschaffung der letzten Jahre waren Bose-Kopfhörer mit Noise-Canceling. Damit schalte ich den Lärm aus und bin ganz in meiner eigenen kleinen Bubble. Diese Momente sind sehr wichtig für mich.

Holst du dir auch bewusst Inspiration oder kommen dir Ideen einfach so?

Ein Museumsbesuch inspiriert einen nicht unbedingt für ein bestimmtes Projekt

Ideenfindung kann man nicht so einfach erklären. Ein Museumsbesuch inspiriert einen nicht unbedingt für ein bestimmtes Projekt. Es geht eher um eine Vielzahl an Dingen, die dich als Mensch bereichern, und die zum großen Ganzen beitragen. Woher und wann die Inspiration kommt, ist immer unterschiedlich – ob beim Laufen im Park, unter der Dusche oder auf dem Weg zur Arbeit. Relativ wenig passiert allerdings, wenn du vorm Computer sitzt – zumindest ist das bei mir so.

Wie schafft man Freiräume im Büro?

Im Münchner Büro, das wir gerade fertig eingerichtet haben, halten sich Arbeits- und Freiraum die Waage. Unser Ziel war es, halb Bar und halb Büro einzurichten. Jetzt bin ich sehr gespannt, wie sich das Konzept manifestiert und die Leute die Räume nutzen und miteinander kollaborieren.

Wie groß ist das Team in München?

Derzeit arbeiten dort rund 14 Leute. Mehr als 35 passen vom Platz her nicht. Für mich persönlich ist die perfekte Teamgröße eine Zahl unter 20. Das haben wir in unserem eigenen Studio immer verfolgt. Mir ist es wichtig ein Gefühl dafür zu haben, was jeder einzelne tut.

Habt ihr feste Formate für Austausch und Kollaboration oder ergibt sich das von selbst?

Das hängt immer von der Unit und auch vom Kunden ab. Für München kann ich das noch nicht beurteilen, weil sich das Team gerade noch findet. In London haben wir eine sehr flache Hierarchie, jeder arbeitet mit jedem und hat Anteil am Ideenprozess. Wenn man Technologie, Konzept und Gestaltung von Anfang an an einen Tisch setzt, bekommt man am Ende ein besseres Ergebnis. Wir sitzen alle zusammen in einem großen Raum, laufen viel rum und versuchen so wenig zu sitzen wie möglich. In Deutschland haben wir aber schon große Pitches gemacht, in denen wir mit den SYZYGY-Kollegen von Frankfurt gearbeitet haben und einem Team von unique digital. Es hängt immer von der Aufgabe ab.

Technologie spielt bei Hi-ReS! und SYZYGY eine große Rolle. Was findest du in dem Bereich momentan besonders spannend?

Technologie kann man heute nicht mehr wegdenken. Hier nicht auf dem Laufenden zu bleiben, würde Stillstand bedeuten. Und Stillstand bedeutet letztlich, rückwärts zu gehen. Deshalb beschäftigen wir uns sehr viel damit und arbeiten derzeit an einer Reihe experimenteller von Innovations-Projekten. Vor ein paar Monaten haben wir mit Hi-ReS! zum Beispiel VOID gelauncht, bei dem wir viel mit WebGL gearbeitet haben.

Technologie ist wichtig und sie kann sehr inspirierend sein – aber sie ist nie die Geschichte

Dabei darf man nie vergessen: Technologie ist wichtig und sie kann sehr inspirierend sein – aber sie ist nie die Geschichte. Eine klare Idee oder Story muss unabhängig von der Technologie existieren. Tech ist nur ein Hilfsmittel, um eine Geschichte bestmöglich zu erzählen. Developer sind oft technikorientiert und zeigen auf, was möglich ist. Konzepter und Kreative fragen sich, wie alles zusammenhängt und welche Geschichte erzählt werden soll. Das ist ein faszinierendes Spannungsfeld.

Gibt es hier auch Probleme und Reibungen?

Das hoffe ich doch! Wenn es keine Spannungen und Reibungen gibt, läuft was falsch. Wir stellen starke Persönlichkeiten ein und natürlich gibt es mal Meinungsverschiedenheiten. Wichtig ist, eine Kultur zu schaffen, in der Ehrlichkeit wertgeschätzt wird. Es geht nicht darum, dass alle unglaublich nett zueinander sind und jeder macht, was er will. So erreicht man keine Ziele. Man muss auch mal sagen können: Das funktioniert so nicht – dann aber bitte andere Vorschläge parat haben. Man darf Spannungen nicht nur erzeugen, sondern muss sie auch konstruktiv lösen. Das ist Teil meiner Aufgabe. Im Idealfall findet man keinen Kompromiss, sondern eine Lösung, die besser ist als die jeweiligen Teile.

Hast du noch mehr Tipps für den Design-Nachwuchs?

Lernen zu wollen ist das Allerwichtigste

Lernen zu wollen ist das Allerwichtigste. Man darf nie denken, man wüsste alles. Auch nach 20 Jahren im Job suche ich jeden Tag nach Themen, die ich (noch) nicht verstehe oder von denen ich nichts weiß. Ruht euch nicht auf eurem Diplom aus! Interessant ist, was euch antreibt und was ihr noch lernen wollt. Das ist es, was euch ausmacht.


Mehr zum Thema Business & Karriere:

Mit Stefan Setzkorn von Track sprachen wir unter anderem darüber, warum man nicht zu früh als Freelancer arbeiten sollte.

Andy Payne von Interbrand erklärt im Interview, wie sich der Designer-Beruf wandelt und wie sich Marken im »Age you You« verändern müssen.





2 Kommentare


  1. Heiko Burrack

    alles supi, alles dufte. es ist ja prima, dass es titel gibt, die ein agenturthema positiv denken. aber muss es deswegen gleich ein text sein, der nichts aber auch gar nichts kritisch hinterfragt? ein wenig mehr nachhaken hätte dem iterview gut getan. so ist er einfach nur ein stück pr.


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