Vom Ende der Schreibschrift

Immer zum Erscheinen der aktuellen Printausgabe der PAGE: »Die Fundstücke« von Jürgen Siebert. Freuen Sie sich über kühne Kommentare zu Trends, Entwicklungen, Ereignissen und dem ganz normalen Alltagswahnsinn eines Kreativen … Heute: Die Schreibschrift.




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Es gab da eine paradiesische Ecke in meiner Kindheit: Wir hatten einen Zeitschriften- und Spielwarenladen. We­nig erbaulich war dagegen, dass meine Eltern ziemlich streng waren, nein: konsequent. Ich wurde weiß Gott nicht verwöhnt, was ich rückblickend als eine nachahmenswerte Erziehungs­maxime bewerte. Ich durfte zwar jede Woche alle Comics und sämtliche Illustrierten durchstöbern, aber Spielzeug gab es nur an Ostern, zum Geburtstag und an Weihnachten. Alleine ein Deal mit meiner Mutter hätte diese Regel durchbrechen können, dieser lautete: »Für jede 2 in Handschrift bekommst du einen Lego-Bausatz.« Ich war total scharf auf diese Dinger im Wert von 2 bis 3 Mark. Die »Schönschrift« wurde damals in Deutscharbeiten, Heimatkundetests und auch in Mathematik separat benotet. Was soll ich sagen … In den 4 Jahren Grundschule bekam ich keinen einzigen Lego-Baukasten aufgrund einer Note 2 in Handschrift. Eine 3+ war das Höchste der Gefühle, selbst da blieb meine Mutter hart.

Aus diesem Erlebnis habe ich gelernt, dass eine ordentliche Hand­schrift einem entweder zufällt oder man sich diese mit intensiver Schulung aneignen muss. Für kalligrafische Mätzchen hatten die Lehrer schon damals keine Zeit. Heute fehlt sie noch mehr, denn der Lehrstoff hat sich innerhalb der letz­ten 45 Jahren mehr als verdoppelt. Das Einüben einer schönen Handschrift ist jetzt Privatsache, so wie beispielsweise regelmäßiger Sport oder das Erlernen eines Musikinstruments. Und des­halb wird in den kommenden Jahren die ver­bunde­ne Handschrift in der Schule abgeschafft.

Der Grundschulverband, eine einflussreiche Interessenvertretung aus Lehrern, Pädagogen, Wissenschaftlern und Menschen, denen das Wohl von Grundschülern am Herzen liegt, setzt sich seit zwei Jahren für die Ablösung der Ausgangsschriften ein, von denen es drei verschiedene in den deutschen Bundesländern gibt. An ihre Stelle soll die neue Grundschrift treten, die keine Normschrift ist. Ihre an die Druckschrift angelehnten Formen sollen Kin­dern dabei helfen, die Druckbuchstaben in der Schreibbewegung flüssig zu verbinden, erlauben also unterschiedliche Verbindungen, die zudem nicht durchgängig auf dem Papier sicht­bar werden müssen.
Die Argumente der Reformer: Die Unterrichtszeit, die man spart, wenn Schüler nicht mehr zwei Schreibschrif­ten einüben müssen, kann für die Vermittlung nützlichen Wissens und nützlicher Fähigkeiten verwendet werden. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass die meisten Menschen heute zwar mehr schreiben als je zuvor, allerdings nicht mehr mit dem Stift, sondern mit der Tastatur … Vor allem diese Technik müsste den Kindern in der Schule nähergebracht werden.

Wie nicht anders zu erwarten, betrachten eine Menge »Experten« die Abschaffung der Schreibschrift an der Schule als Weltuntergang. Sprachschüt­zer, die vor Jahren gegen die Rechtschreibreform polemisierten, wehren sich nun mittels Facebook und Unterschriftenaktionen gegen das »Ausster­ben einer Kulturtechnik«. Dabei stellt nie­mand infrage, dass das Schreiben mit der Hand eine bedeutende Kulturtechnik der Menschheit ist. Nur ist sie heute kaum noch gefragt und nützlich für die Menschen – »so wie die Kulturtechnik des Reitens«, schreibt Peter Praschl im »SZ«-Magazin vom 16. Februar (06/2012).

Es soll ja keinem verboten wer­den, sich diese Technik anzueignen. Nur gehört sie nicht mehr auf die Lehrpläne der Schulen, weil sie fast aus unserem Alltag verschwunden ist. Zwar gibt es dazu keine aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen, aber ein Blick aufs eigene Leben und das unse­rer Mitmenschen macht deutlich, dass wir kaum noch zum Stift greifen. »Oft genug gibt es Tage, an denen das Einzige, was man von Hand schreibt, die Unterschrift auf einem Kreditkartenbeleg ist«, so Peter Praschl.

Böswillige unterstellen den Schreib­fans, dass es ihnen beim Kampf für den Erhalt quälender Schönschreib­übun­gen gar nicht um das Schreiben gehe, sondern um die Übung an sich, den disziplinarischen Akt. So hat jede Medaille zwei Seiten, und jede Geschichte meh­rere Wahrheiten. Aus dieser Perspektive betrachtet, könnte ich die Anekdote aus meiner Kindheit auch entgegen­gesetzt interpretie­ren: Das Schönschreiben war eine Qual, genauso wie die Abmachung mit meinen Eltern. Ich habe mich konsequent der doppelten Disziplinierung widersetzt und mich nicht verbiegen lassen. Und schon wird aus der Geschichte einer Sauklaue eine Heldensage.

Weiterer Artikel zum Thema: »Schreibschrift ade«




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4 Kommentare


  1. Tobias-David Albert

    Wenn dieser Artikel bei dem eigenen Erlebnis bleiben würde hätte ich den Eindruck eines Berichtes. So finde ich ihn leider polemisch. Schade finde ich vor allem, dass der Autor am Ende wenig Verständnis für seine eigene Geschichte entwickelt (»Und schon wird aus der Geschichte einer Sauklaue eine Heldensage.«). Ich gewinne mit einer solchen Aussage den Eindruck, als sei die Haltung der Eltern (»Sauklaue«), gegenüber der eigenen Handschrift, die eigene Haltung geworden?

    Natürlich finde ich es wichtig auch das Interesse der Kinder an einem Computer in der Schule nicht zu unterdrücken aber das steht überhaupt nicht in Beziehung zum erlernen einer Handschrift. Der Artikel vermittelt mir aber den Eindruck, indem der Autor sich die Tastatur in der Schule anstelle der Handschrift wünscht, dass auch hier etwas eingeübt werden müsse, was zum gewünschten Zeitpunkt des Lernenden womöglich ganz von alleine wächst. Klar, Schreibmaschinenkurse irgendwann in der Schule, womöglich außerhalb der Grundschule, kann ich mir gut vorstellen. Neben einer Liebe zum erlernen von einfachen Kulturtechniken wie einer Handschrift, die Menschen auch ohne computertechnischen Aufwand über Entfernungen verbinden kann, ist es schön in der Schule eher weniger »müssen« zu erleben um ein breites Angebot der Möglichkeiten zu fördern. So kann vielleicht manchmal aus der eher unerträglichen Last eine ganz lebendige HANDlung werden…


  2. KeHa

    Das Schreiben mit der Hand trainiert auch das Nachdenken, was man wie formuliert. Es wäre nicht nur schade, sondern auch fatal für unsere Kommunikation. Das Zitat „Ich habe dir einen langen Brief geschrieben, weil ich keine Zeit hatte, einen kurzen zu schreiben“ sagt eigentlich alles.

    Abgesehen davon freue ich mich persönlich immer noch über handgeschriebene Briefe oder Postkarten mehr als über Emails oder Fourssquare-Check-Ins mit 1-Satz-Kommentaren. :)


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