Sound und Design: »Gute Identities leben aus ihrem Sound heraus«

Das Dezembermotto der Creative Mornings HH war »Sound« und zu Gast der Hamburger Musiker und Soundtüftler Timo Blunck. Was das Thema am Ende mit Design zu tun hat …



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Foto: Mitja Schneehage (Video weiter unten im Beitrag)

Wahrscheinlich war Dirk schuld, dass ich den Begriff »Sound« erst mal in den falschen Hals be­kam. Dirk war mein Handballtrainer und für mich jahrelang wichtiger als alle Lehrer und Eltern zusammen. Dirk war cool, Dirks Wort war Gesetz, und Dirk hatte »den Bus«, unse­ren Mann­schaftswagen. In diesen hatte er »die An­lage« hineingebastelt. Das waren ein Tapedeck, ein Equalizer mit tausend Reglern, vor allem aber eine bom­basti­sche Boxenbatterie. »Für den Sound!«

Dirk hörte ausschließlich Eighties-Softrock. Foreigner, REO Speedwagon, Loverboy. Und zwar sehr laut. Wichtig war, dass die Bässe kilometertief pumpten und die Gitarrensoli glasklar klirr­ten. Die Luftgitarre wurde wahrscheinlich bei uns im Bus erfunden. Und so schwebten wir mit Dirks Rockmobil von Spiel zu Spiel. »Keep the fire burn­in« – »Geiler Sound, Aller!«

Timo Blunck war damals schon deutlich weiter. Als ich noch dachte, dass Sound ist, was laut ist, tüftelte er mit seinen Bands Die Zimmermän­ner und Palais Schaumburg an einer Musik, die anders sein sollte. Sound war für ihn kein quantitativer Begriff für Lautstärke oder Klangbrillanz, sondern die Möglichkeit, sich von dem Schweine­rock abzusetzen, den ich mir in Dirks Bus reinzog. Und Blunck versucht dies bis heute mit seinen Bands und seinem Tonstudio BLUT: eigene Sounds finden. Also Signifikantes, Einmaliges, Charaktervolles schaffen.

In der Musik ist Sound ein gängiger Begriff für die Summe aller Eindrücke eines Stücks, einer Band oder eines Stils. Also zunächst einmal Melodie, Rhythmus, Tonart, Instrumentalisierung oder auch Text. Für einen richtigen Sound braucht es jedoch mehr. Sound ist auch: bewusster Bruch, akzeptierter Fehler, besondere Fähigkeit und natürlich die unerklärliche Prise Magie. Sound ist der kompromisslose Wille zum Großen, Gan­zen und nicht selten gepflegter Größenwahn. Das Alles einer »Wall of Sound« und das Nichts des »Sound of Silence«.

Sound lässt sich nicht am Reißbrett entwerfen, denn Sound braucht Herz und Seele. Wer einen eigenen Sound hat, hat Charakter und Haltung. Und das gilt natürlich nicht nur für die Musik. Sound ist ein hervorragender Bewertungsmaßstab für jede kreative Leistung.

In der schönen Biografie »otl aicher, gestalter« von Eva Moser spricht dieser über sein Erscheinungsbild für die Olympischen Spiele 1972: »Wir kamen mehr und mehr dazu, anstelle von festen Konstanten so etwas wie ein Klima zu erzeugen. Statt Merkmalen suchten wir eine Atmosphäre, statt Zeichen eine Stimmung. Damit ging die Arbeit am Erscheinungsbild in eine Regie über, die Farben und Zeichen wurden Elemente einer Inszenierung. (. . .) Es war das Leben selbst, das Leben spielte sich selbst in einem seiner gelungenen Höhepunkte.«

Mit seinem Meisterwerk hatte Otl Aicher sich von sämtlichen Zwängen befreit. Selbst­ver­ständ­lich grün­dete auch diese Arbeit auf handwerklich per­fekten Grundlagen, aber das Ergebnis war weit mehr als die Summe ihrer Teile. Aicher hatte einen Sound kre­iert. In diesem Fall nicht we­niger als den Sound einer noch jungen, aufbrechenden Nation.

Algorithmen haben keine Seele. Ein Sound schon.

Mich begeistert dieser Blick. Ich mag keine star­ren Raster, und Corporate-Design-Manuals gruseln mich. Gute Identities leben aus ihrem Sound heraus weiter, auch wenn sie verändert wer­den. Schlechte Erscheinungsbilder hinge­gen, die ausschließlich aus Positionsangaben und Grö­ßenverhältnissen bestehen, kollabieren mit jeder neuen Agentur. Algorithmen haben keine Seele. Ein Sound schon.

Und das nehme ich mit von Timo Blunck: Beim nächsten Mal selbstkritisch sein! Kann gut sein, dass die Entscheidung zwischen Pantone 1725 und 1726 so schwerfällt, weil null Sound in der Arbeit steckt.

PS: Als ich neulich ins Büro komme, brettert mir »Urgent« von Foreigner entgegen. Déjà-vu nach 35 Jahren. Ich schüttle den Kopf, aber Moritz (26) strahlt mich an: »Was los? Geiler Sound, Aller!«

 


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Johannes Erler ist Partner des Designbüros ErlerSkibbeTönsmann, das die Creative Mornings im Hamburger designxport veranstaltet, und Mitbegründer des Designkollektivs Süpergrüp. Zu den anderen Beiträgen aus »Erlers Thema« geht es hier.

Foto: Robert Grischek


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