SÜPERGRÜP: Wer oder was ist das?

Sieben führende Designer Deutschlands – Erik Spiekermann, Sarah Illenberger, Johannes Erler, Lars Harmsen, Mario Lombardo, Eike König und Mirko Borsche – bilden SÜPERGRÜP. Johannes Erler verrät, was das Designkollektiv alles vorhat …



Süpergrüp, Erik Spiekermann, Sarah Illenberger, Johannes Erler, Lars Harmsen, Mario Lombardo, Eike König, Mirko Borsche
© Peter Kaaden

 

SÜPERGRÜP sucht das SÜPER-Ü. Das Ü spielt für SÜPERGRÜP natür­lich eine wichtige Rolle. Deshalb hat sie angefangen, Ü zu sammeln, und bittet um Mithilfe. Schickt eure Ü! Alles, was schon ein Ü ist oder so aus­sieht wie eines. Oder baut selbst ein Ü! Die Absender der zehn schöns­ten Ü erhalten das streng limitierte SÜPERGRÜP-Ü-Heft, das erste, kleine Produkt, das zum Tag der Gründung gedruckt ist. Schickt euer Ü an: ue@suepergruep.com.

PAGE hat das brandneue Designkollektiv interviewt:

SÜPERGRÜP – das klingt lustig, fast wie aus einer Bierlaune heraus entstanden. Aber ihr meint das richtig ernst, oder?
Johannes Erler: Na klar! Wir haben uns vorgenommen, die interessanteste und beste Galerie für Design und Kunst zu werden, erst online, irgendwann sicher aber auch begehbar.

Was werden wir dort sehen?
Uns fiel auf, dass immer mehr Designer auch als Künstler arbeiten und ihre Werke anbieten. Einige von uns machen das auch jetzt schon sehr erfolgreich. Es entstand dann der Gedanke, unsere Möglichkeiten zu bündeln, um so ein größeres Publikum zu erreichen. Wir wollen aber nicht nur unsere eigenen Arbeiten präsentieren, sondern auch andere Designer und Künstler, die wir gut finden und die Lust haben, mit uns zusammenzuarbeiten.

Also kein eingeschworener Klub mittelalter Herren mit Quotenfrau?
Im Kern ist SÜPERGRÜP fix, aber als Künstler kann man sich uns anschließen. Wir sehen uns auch als Entdecker und Förderer von Talenten. Auch deren Arbeiten wollen wir zeigen. Im Übrigen ist »Quotenfrau« ein hässliches Wort. Das verwenden wir nicht.

Die Entstehungsgeschichte hatte ich mir etwas romantischer vorgestellt.
Entstanden ist SÜPERGRÜP aus dem lang gehegten Wunsch heraus, etwas gemeinsam zu machen. Wir kennen uns seit vielen Jahren, schätzen uns, treffen uns bei Jurys und Konferenzen, sind Freunde. Aber die Chance zusammenzuarbeiten ergab sich einfach nicht. Also suchten wir nach anderen Möglichkeiten. Vor fünf Jahren war ich Gastprofessor an der Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur. Für eine Veranstaltung lud ich Mirko, Lars, Eike und Mario ein. Wir wollten den Studierenden aber keine langweiligen Vorträge halten, sondern probierten zum ersten Mal unsere Design Battle. Ich habe moderiert und Stichwörter aufgerufen, und die vier wühlten in ihren Portfolios und versuchten, sich mit ihren Arbeiten zu übertrumpfen. Das war ein harter, lauter und am Ende ziemlich besoffener Wettkampf und hat allen im Saal einen Riesenspaß gemacht. Wir wären danach am liebsten gleich auf Tournee gegangen. Wie eine Band in einem Bus von Stadt zu Stadt und von Schule zu Schule. Wer weiß, vielleicht machen wir das noch. Auf jeden Fall war dies die eigentliche Geburtsstunde von SÜPERGRÜP – ist das romantisch genug?

Sieben superkreative Köpfe, kann da nicht noch mehr entstehen als Kunst- und Designprojekte?
Die Galerie ist nur eine unserer Aktivitä­ten. Unter dem Label SÜPERGRÜP werden wir auch Produkte entwickeln. Da wird es dann für Institutionen und Unternehmen interessant, mit SÜPERGRÜP zu kooperieren.

Gibt es schon ein konkretes Projekt?
Ziemlich weit sind unsere »SÜPERGRÜP Coloring Büks«. Das sind Ausmalbücher für Erwachsene.

Da seid ihr aber nicht die Ersten, die so etwas anbieten.
Stimmt, aber das macht nichts, denn unse­re Bücher sind ein bisschen anders. Das werden dicke Pappenbücher mit eingearbeiteten Stanzen, in die jeweils drei Stifte eingelegt werden, die eine farbliche Grund­stimmung vorgeben. Momentan arbeiten die ersten Illustratoren an Zeichnungen. Die Aufgabe: Mach kein kindliches Ausmal­buch, mach es extremer, expliziter, verwun­derlicher. So entsteht eine Edition mit wirk­lich tollen Illustratoren.

Ihr sieben gehört zu den einfluss­reichs­ten deutschen Designern eurer Generation. Ist es da nicht quasi Verpflichtung, euer Wissen und euer Designverständnis weiterzugeben?
Das ist unsere dritte Schiene: Als Inspi­ra­to­ren vermitteln wir unsere Ideen in Vorträ­gen und Workshops. Und da wir immer ver­suchen, groß zu denken, gründen wir vielleicht irgendwann eine SÜPERGRÜP-School. Da haben wir sehr romantische Ideen: für zwei Monate einen Bauernhof für eine Sum­mer School mieten, solche Sachen. Unser ers­ter Workshop heißt »Poster Rex«. Das ist ein Format, das Lars schon begonnen hat und jetzt in SÜPERGRÜP einbringt. Es geht um Riesenplakate als Unikate im Siebdruck. Großer Spaß! Und was rauskommt, kann auch seinen Weg in die Galerie finden.

»Wir sehen uns als Labor, da weiß man nie genau, was am Ende rauskommt, da fliegt auch mal was in die Luft«

Das alles muss nicht ausschließlich für Grafikdesigner sein, auch Design-Execu­tives in Institutionen oder Unternehmen könn­ten wir zum Beispiel in Workshops un­sere Ideen und unser Denken anbieten. Und zwar »Be­yond Design«. Das ist unser Mot­to, und das ist uns wirklich wichtig: Wir ge­hen gedanklich raus aus dem Grafikdesign-Käfig. Wir den­ken interdisziplinär. Kunst, Musik, Design, Architektur, Text. Auch Ge­sellschaft und gern Politik. All das beeinflusst ja ohnehin schon unser Denken und Handeln, und das möch­ten wir viel stärker mit unserer Arbeit verbinden. Da wird es dann spannend.

Das heißt, ihr wollt in den Köpfen etwas bewegen.
Unbedingt. Haltung ist genauso wichtig, wie der Spaß, den wir haben. Es geht auch darum, über den Status quo von Design nach­zudenken und Vorschläge zu machen. Es ist doch eine interessante Frage, warum sich Design in den letzten Jahren zu einer zu­nehmend schlechter bezahlten Form von Dienstleistung entwickelt hat. Da fehlt oft der Horizont, das Weiterdenken, das verknüpfte Handeln, die Provokation, auch die Aufklärung. Vielleicht können wir da was bewegen.

Aber ihr arbeitet ebenfalls für die Industrie und verdient euer Geld damit.
Wir sagen ja auch nicht, dass alles, was im Moment entsteht, schlecht ist und keinen Sinn macht. Es entstehen ja tolle Sachen. Trotzdem kann man mal darüber nachden­ken, was Design in Zukunft sein kann und wie es grundlegender, auch diskursiver und inspirierender wahrgenommen wird.

Als ich mich neulich mit Hanno Rauterberg, stellvertretender Feuilleton-Ressort­leiter der »ZEIT« und dort für Design zustän­dig, über SÜPERGRÜP unterhielt, meinte er, dass er den Sinn nicht sehe, was das eigent­lich solle mit dieser Gruppe, obwohl ihm Design natürlich irgendwie total wichtig sei. Das zeigt das Dilemma sehr schön: Da ist ganz viel Ignoranz, Desinteresse und Un­wissenheit. Aber ich meine das ausdrücklich nicht als Vorwurf. Wir sind ja selbst schuld daran, weil wir uns immer so brillant verstecken. Wir sind die Zwerge aus dem Lande Mikrotypographien und wollen, dass immer alles möglichst schön ist.

Der in Berlin lebende Philosoph Byung-Chul Han schreibt in seinem Buch »Die Errettung des Schönen«: »Die Schönheit befindet sich heute in einer paradoxen Situation. Einerseits breitet sie sich inflationär aus: Überall wird ein Kult um die Schönheit betrieben. Andererseits verliert sie jede Transparenz und liefert sich der Immanenz des Konsums aus: Sie bildet die ästhetische Seite des Kapitals. Die Erfahrung der Negativität angesichts des Schönen wie Erhabenheit oder Erschütterung weicht kom­plett dem kulinarischen Wohlgefallen, dem Like. Letzten Endes kommt es zu einer Pornographisierung des Schönen.« Ersetzt man das Wort »Schönheit« durch »Design« wird ein bisschen klar, was das Problem von kontemporärem Design sein könnte: Es schafft selten Bedeutung, dient nur dem kurzzeitigen Wohlgefallen. Das ist oft auch okay. Aber es geht natürlich auch anders.

Design könnte spannender sein, wenn Designer sich mehr trauen würden?
Aber wer hat dazu schon die Möglichkeit? Im Auftrag passiert das nur selten, es sei denn, der Kunde will ausdrücklich etwas, an dem man sich reiben kann, das Fragen aufwirft und nicht immer gleich mit viel zu fixen Antworten zur Stelle ist – und wir sind ja sicher, dass Design, das nicht nur schön ist, oft besser greift und Denkanstöße gibt. Eine Plattform wie SÜPERGRÜP ist dafür gut geeignet, Impulse zu geben. Zum Beispiel an der Schnittstelle zur Kunst. Wo Design nicht industrielles Mittel zum Zweck ist und nicht in vorgefertigten Phrasen antwortet. Wo nicht das Prinzip »Konsens & Kopie« greift, weil alles immer schnell gehen muss und möglichst nichts kosten darf. Vielleicht wird SÜPERGRÜP ja wirklich so etwas wie eine Inspirationsquelle fürs Design. Ob das alles klappt, wissen wir nicht, aber es könn­te funk­tionieren. Die Mailänder Design­bewe­gung Memphis in den 1980er Jahren war ja auch erfolgreich. Man muss es also probieren.

SÜPERGRÜP als eine Art Memphis der Neuzeit?
Memphis ist aus einer ähnlichen Motiva­tion heraus entstanden wie wir. Natürlich mit völlig anderer formaler Konsequenz. Aber wer sich das Manifest von Memphis durchliest, findet dort Hinweise auf eine gewisse Ermüdung in der Kreativität, vor allem des Produktdesigns, das damals stark von der Ulmer Schule und der Industrialisierung von Design geprägt war, die zu formaler Gleichschaltung und Verwechselbar­keit führten. Die Fantasie ging verloren. Also fing Memphis an, diese vielleicht nicht immer nur schönen, aber auffallen­den Möbelobjekte zu entwerfen, die sich auf der Grenze zwischen Kunst und Design bewegten. Dabei haben die Mitglieder der Gruppe sich nie als reine Künstler, sondern stets als Designer empfunden. Aber sie ha­ben ihre Motivation außerhalb des konkre­ten Auftrags, außerhalb der industriellen Verwertbarkeit von Design gefunden. Aus Spaß am Experiment.

Würdet ihr Memphis als euer Vorbild bezeichnen?
Inhaltlich durchaus. Weil sich Leute zusam­menschlossen, die außerhalb ihrer Büros noch andere Dinge realisieren wollten und das gemeinsam taten. Auch weil sich die Gruppe gegen die austauschbare Massenware im Design stellte und das Experiment förderte. Zudem war ihnen Interdisziplina­rität wichtig. Kunst, Architektur, Musik, ihre Inspiration kam immer auch von außen. Und schließlich sind sie außerdem Vorbild für uns, weil sie ihre Arbeit kommerziell auffassten. Es ging darum, Produkte herzustellen – und diese dann auch zu verkaufen.

Geld verdienen ist ja keine Schande.
Kunst und Kommerz ist oft ein Grenzgang, denn Kunst muss vollkommen frei und kom­promisslos sein. Kunst entsteht zunächst nie, um anderen zu gefallen. Das führt in kommerziellen Kontexten manchmal zu Ambivalenzen. Als Designer sehe ich das anders. Wir wollen Dinge für andere machen. Dinge, die andere mögen und auch kaufen. Das ist kein Widerspruch. In all die­sen Punkten ist Memphis durchaus ein bewundertes Vorbild, in der Konsequenz des Designs aber natürlich nicht.

Ihr sieben seid sehr individuelle Gestal­ter und Persönlichkeiten. Eure Krea­tivi­tät zu bündeln, in Bahnen zu lenken und sich dabei nicht zu verzetteln, ist sicher nicht einfach.
Momentan ist die Gruppe erst mal ein ungestüm sprudelnder Quell an Ideen und In­spiration. Was völlig in Ordnung ist, denn wir sehen uns ja auch als Labor, und da weiß man auch nie genau, was am Ende rauskommt, da fliegt auch mal was in die Luft. Aber es ist gut, dass wir jetzt mit der TYPO Berlin im Mai ein fixes Datum als Startpunkt haben. Dort werden wir uns vorstellen, und da soll auch unsere Website live ge­hen. Auf der TYPO sind wir einen ganzen Tag im kleinen Saal mit dem Programm »Strictly No Design«. Wir haben Menschen eingeladen, die uns inspirieren, weil sie »Beyond« denken. Und wir batteln endlich mal wieder.

Und ihr seid tatsächlich eine GmbH?
Weil wir eine gewisse Verbindlichkeit wollen. Wir haben jetzt eine gemeinsame Firma mit gemeinsamen Interessen, das hält uns zusammen. Ideen brauchen einen Rah­men, damit sie gedeihen können.

Einige Leute werden sich die SÜPERGRÜP-Köpfe anschauen, den Namen als arrogant, eure Produkte als zu teuer und das Ganze als über­flüssig und abgehoben empfinden.
Das macht überhaupt nichts. Der Name SÜPERGRÜP ist eine ironische Brechung von Supergroup, ein Ausdruck aus der Mu­sik­bran­che, den man verwendet, wenn sich aus ver­schiedenen Bands die wichtigsten Leute zusammentun, um etwas Neues zu probie­ren. Es gab und gibt immer wieder Supergroups und längst nicht alle davon sind erfolgreich. Es ist immer ein Versuch. Der Versuch, gemeinsam einen Schritt wei­terzugehen, aus den eigenen vier Wänden auszubrechen und dabei Spaß zu haben. Dass es da auch Neider und Nichtversteher gibt, ist klar, spielt für uns aber keine Rolle. Am Ende müssen wir uns ohnehin daran messen lassen, was bei SÜPERGRÜP herauskommt.

Süpergrüp2

 

 

 




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